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Aus: Ausgabe vom 21.10.2022, Seite 11 / Feuilleton
Festivalfilm

Der hässliche König

Im Kino vorbei, online geht’s weiter: So war das Kurdische Filmfestival in Berlin
Von Emre Şahin
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Der kurdische Slogan »Jin, ­Jiyan, Azadi« (Frauen, Leben, Freiheit) ist der Hauptprotestruf der aktuell im Iran stattfindenden Demonstrationen gegen die Regierung, die durch den Tod Jina »Mahsa« Aminis ausgelöst wurden. Mitte September war die 22jährige Kurdin von Einsatzkräften in Teheran wegen eines »zu locker« sitzenden Kopftuchs festgenommen worden und starb anschließend in Polizeigewahrsam. Doch der Spruch, der auf die revolutionäre Frauenbewegung der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zurückgeht, wird seit Beginn der Proteste sowohl von Modekonzernen wie Balenciaga als auch von CDU/CSU und Grünen instrumentalisiert, ohne dass sie seine Bedeutung auch nur ansatzweise verstanden hätten. Was »Jin, Jiyan, Azadi« konkret bedeutet, davon konnten sich dafür die Besucherinnen und Besucher des diesjährigen Kurdischen Filmfestivals in Berlin überzeugen.

Schwerpunkt der Spiele (13.–19. Oktober) war nämlich die Region Rojava (Westkurdistan bzw. Nordsyrien), die vor allem für ihre autonome Frauenorganisierung bekannt ist. Gleich mehrere Dokumentationen begleiteten über einen längeren Zeitraum Gue­rillakämpferinnen während des Krieges gegen die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« (IS). Besonders stark war der Film »Heza«. Bei der Titelfigur handelt es sich um eine jesidischen Frau aus Sengal (arabisch: Sindschar), die im August 2014 kurz vor ihrer Hochzeit in die Hände des IS fällt und dort (nicht nur, aber vor allem) sexualisierte Gewalt erfährt.

Eigentlich hätte nahezu jeder gezeigte Film eine Triggerwarnung verdient, weil die Geschichten oft sehr drastisch sind. Teilweise wird zur Verdeutlichung bestimmter Sachverhalte auch auf Propagandamaterial aus IS-Archiven zurückgegriffen. Heza schafft es, aus ihrem Martyrium zu entkommen und bittet einen kurdischen Kioskbesitzer in der ehemaligen IS-»Hauptstadt« Rakka, sie zu verstecken und aus der Stadt zu schmuggeln. Raus aus Rakka, schließt sie sich der YPJ an, um – wie sie sagt – Rache für sich und alle jesidischen Frauen zu nehmen und gegen den IS zu kämpfen. Es ist die gerechte Pointe der Geschichte, dass Heza als Kämpferin an der Befreiung Rakkas beteiligt gewesen war. Im Film besucht sie die kurdische Familie, die ihr damals bei ihrer Flucht geholfen hatte, und nennt das ältere Ehepaar aus Dankbarkeit »Mama« und »Papa«. Alle liegen sich weinend in den Armen. (Taschentücher bereithalten!)

Zweifellos hat der Kampf gegen den IS eine immense Bedeutung für das kurdische Volk. Geht man nach den Filmen, bekommt man allerdings den Eindruck, dass anscheinend vorher kaum etwas in Rojava passiert ist, was ja nicht der Fall ist. So gibt es keinen Film zu den kurdischen Massenprotesten von 2004 in Qamislo (Kamischli) nach den Ausschreitungen bei einem Fußballspiel, die maßgeblich dazu beigetragen hatten, dass es heute eine De-facto-Autonomie im Norden Syriens gibt. Nicht zufällig wurde im Juli das zehnjährige Bestehen des autonomen Rojava in dem Fußballstadion der Stadt gefeiert. Generell tendieren die Filmemacher dazu, in die Region zu reisen, sich eine Person mit interessanter Geschichte zu suchen (davon gibt es genug) und diese zu begleiten. Selbstverständlich verdienen es diese Menschen alle, dass ihre Geschichten erzählt werden, doch aus rein filmischer Perspektive wirkt es zumindest etwas unkreativ.

Einen spannenden Ausgleich dazu bot nicht zuletzt deshalb der Festivaleröffnungsfilm des Regisseurs Mano Khalil, »Nachbarn«, der seine Kindheit vor 40 Jahren im Syrien des damaligen Staatspräsidenten Hafiz Al-Assad mit all seinen Absurditäten nachzeichnet. »Nachbarn« ist letzte Woche in den deutschen Kinos angelaufen und wurde daher nicht auf der Festivalseite gestreamt. Wie auch etwa ein Drittel der Spielfilme des Programms. (Wer überlegt, sich einen Onlinepass zuzulegen, sollte auf der Homepage unbedingt vorher nachschauen, wie lange welcher Film noch verfügbar sein wird.)

Etwas enttäuschend war die Dokumentation über das Leben von Casime Celil, einem Jesiden, dessen Familie ebenfalls bei dem Genozid an den Armeniern 1918 umkam. Celil ist ein Urgestein der kurdischen Kultur, der sich ihr u. a. dadurch verdient gemacht hat, dass er 1955 als Mitarbeiter eines Radiosenders in Jerewan darauf bestanden hatte, täglich 15 Minuten lang auch kurdische Musik zu senden. Noch heute erzählen die älteren Kurden aus der Türkei, was für ein Glück sie empfanden, wenn sie über das Radio kurdische Musik aus der Sowjetunion empfangen konnten – zu einer Zeit, als ihre Identität in der Türkei geleugnet wurde und sie im Land als »Bergtürken« galten. Eine spannende Geschichte, die von der Doku aber nicht angemessen rübergebracht wird.

Interessant dagegen »The Legend of the Ugly King«, einer Dokumentation über das Leben des 1984 gestorbenen kurdischen Filmregisseurs und Schauspielers Yilmaz Güney, ein bis heute schwer greifbarer Mensch. Güney war zeit seines Lebens in der Türkei stets unberechenbar, gewalttätig, übergriffig, doch gleichzeitig immer der Revolution verbunden. Der Mann, über den der türkische Putschistengeneral Kenan Evren einst gesagt hatte, er wolle ihn tot oder lebendig, wurde für den Film »Yol – Der Weg« 1982 mit der Goldenen Palme in Cannes ausgezeichnet (Güney schrieb das Drehbuch im Gefängnis, sein Kollege und Mitarbeiter Serif Gören führte nach seinen Anweisungen Regie). Die Doku über ihn überzeugt durch einen klaren roten Faden, sorgfältig ausgewählte Archivaufnahmen und interessante Gesprächspartner.

Qualitativ am hochwertigsten waren die Kurzfilme »Siber« und »Kefsan«, soziale Dramen aus Ostkurdistan bzw. dem Iran. Regisseurinnen und Regisseure aus dieser Region machen ihrem Ruf in kurdischen Kreisen alle Ehre, filmisch die besten zu sein und eine Message für alle verständlich darzustellen, in diesem Fall ein Suchtproblem und die Schwierigkeiten einer Familie, die vom Schmuggel lebt.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (21. Oktober 2022 um 10:04 Uhr)
    Interview im DLF 14. Oktober 2022 zum Film »Nachbarn«: Mano Khalil, nachdem er vorher schon dreimal »hat alles kaputt gemacht«, sagte: »das nationalsozialistische(!) Bath-Regime hat das alles kaputtgemacht … Heute gibts kein normales Land, das Syrien heißt … ist alles kaputt …«. Interviewerin Ulrike Timm hetzt mit jeder Silbe: »Er erzieht Kinder wirklich zu Gewalt … Antisemitismus wird richtig unterrichtet …«. Khalil: »Dieser Lehrer repräsentiert das Regime … Vorher haben die Kinder Puppen enthauptet … jetzt Menschen«.

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