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Aus: Ausgabe vom 20.10.2022, Seite 16 / Sport
Ski alpin

Keiner hört auf Felix

Ist es schon wieder so weit: Am kommenden Wochenende geht der Weltcup im Ski alpin wieder los
Von Gabriel Kuhn
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Spätestens seit seinem Rücktritt 2019 kritischer Geist der Skibranche: Felix Neureuther (Mölltaler Gletscher, Österreich, 4.10.2011)

Am kommenden Wochenende beginnt der Weltcup im Ski alpin. Mancher mag sich fragen, warum dieser zu einem Zeitpunkt beginnt, an dem die Skigebiete noch geschlossen sind und kaum jemand einen Gedanken an Pistenzauber verschwendet. Doch genau das ist der Punkt. Die Sportgeschäfte werden bald mit den neuesten Skiern bestückt sein, und der Tourismus braucht Hotelbuchungen. Man soll also an Pistenzauber denken. Ein Weltcuprennen Ende Oktober, meint die Industrie, ist dafür genau das richtige.

Also findet auch heuer der Weltcupauftakt wieder im Oktober in Sölden statt. Bereits zum 22. Mal fahren Herren und Damen dort einen Riesenslalom. Wobei man genau sein sollte: Die Rennen finden auf dem Rettenbachferner Gletscher statt. Im Oktober sind schließlich bloß Gletscherrennen möglich und auch diese nur auf Kunstschnee. Dass sich das keinen Umweltpreis verdient, hat sich auch schon in der Welt des alpinen Skilaufs herumgesprochen. Der frühere deutsche Slalom-Weltklassefahrer Felix Neureuther profiliert sich seit seinem Rücktritt 2019 als kritischer Geist der Skibranche. Gletscherrennen findet er angesichts der Klimakrise nicht mehr zeitgemäß. »Gletscher müssen geschont werden, es wäre an der Zeit, den Rennkalender zu ändern«, erklärte er in der Welt am Sonntag anlässlich der Rennen in Sölden vor einem Jahr. Beim Internationalen Skiverband FIS findet er damit kein Gehör. Zwar verkündete der im Juni 2021 zum neuen FIS-Präsidenten gewählte Multimillionär Johan Eliasch, aus der FIS den »ersten klimapositiven Wintersportverband« machen zu wollen, doch die Gletscherrennen in Sölden waren ihm nicht genug. Dem diesjährigen Weltcupkalender wurden an den beiden Wochenenden nach Sölden auch noch Gletscherabfahrten auf dem Matterhorn hinzugefügt, mit Start in der Schweiz und Ziel in Italien, etwas ganz Besonderes. Ob die Rennen stattfinden können, steht momentan jedoch in den Sternen. Der Grund? Eine Überraschung: Es ist zu warm.

Gletscherrennen inmitten der Klimakrise sind nur ein Aspekt des Zynismus. Auch angesichts der Energiekrise stellt sich die Frage, ob sich die ungemein energieintensive Produktion von Kunstschnee für Skirennen rechtfertigen lässt. Die Verantwortlichen bestätigen gerne, dass sie sich des Problems bewusst sind, doch sind sie in Sachen Phrasendrescherei mindestens so geschult wie Parteipolitiker. Wolfgang Maier, Alpindirektor im Deutschen Skiverband (DSV), lieferte am Montag im Bayerischen Rundfunk den Beweis: »Ich erwarte, dass man sich lösungsorientiert bewegt, dass man einmal diskutiert: ›Okay, wo finden wir Lösungen?‹ im Sinne von ›Wie gehen wir mit einem eventuellen Mangel an Energie um, wie gehen wir mit den Preisen um?‹ – Themen, wo man die Leute mitnimmt, Themen, wo man ihnen zeigt, dass man sensibel für die Zeit ist.«

Die Sportler, sensibel oder nicht, tanzen in Sölden an, es ist ihr Job. Die in der kommenden Saison Gejagten sind die Titelverteidiger des Gesamtweltcups, der Schweizer Marco Odermatt bei den Herren, die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin bei den Damen. Beide sind im Riesenslalom stark, zählen also auch in Sölden zu den Favoriten. Einer der größten Herausforderer Odermatts im Kampf um den Gesamtweltcup ist Shiffrins Freund, der Norweger Aleksander Aamodt Kilde. Man sage nicht, der Weltcup im Ski alpin kenne keine Melodramen. Eventuell kann sich auch der Gesamtweltcupsieger 2020/21, der Franzose Alexis Pinturault, nach einer enttäuschenden vergangenen Saison wieder ins Spiel bringen. Bei den Damen sind die größten Konkurrentinnen Shiffrins die Slowakin Petra Vlhova (Gesamtweltcupsiegerin 2020/21) und die Schweizerin Lara Gut-Behrami (Gesamtweltcupsiegerin 2015/16).

Im Riesenslalom selbst wird sich Odermatt vor allem mit dem Norweger Henrik Kristoffersen zu messen haben, vielleicht mit dessen aufstrebendem Landsmann Lucas Braathen, eventuell mit Pinturault, wenn er wieder in Form kommt. Bei den Damen ist die Spitze dichter. Neben Shiffrin sind auch Vlhova, Tessa Worley aus Frankreich, die Riesenslalom-Weltcupsiegerin des Vorjahres, die Schwedin Sara Hector und das starke italienische Duo Marta Bassino und Federica Brignone jederzeit für Siege gut.

Apropos Kristoffersen: Er ist der prominenteste Fahrer der neuen Skimarke des achtfachen Gesamtweltcupsiegers Marcel Hirscher aus Österreich. Was den Namen der Marke betrifft, Van Deer, hält sich die Originalität vielleicht in Grenzen: Hirschers Mutter ist Niederländerin, das englische Wort für Hirsch soll wohl zusätzliche Internationalität suggerieren. In jedem Fall ist Hirschers Skimarke eng mit einem bei deutschen Fußballfans nicht sehr beliebten österreichischen Brauseunternehmen verbunden, das sich im Sportsponsoring seit Jahren einen Namen macht. Auch wenn es nicht allzu vielen schmecken wird: Die Marke könnte durchstarten. Hirscher und sein Vater waren im Weltcupzirkus als begnadete Materialtüftler bekannt.

Der DSV verstärkt sich angesichts verhaltener Erfolge im Nachwuchsbereich weiterhin mit abtrünnigen Athleten anderer Skiverbände. Nachdem sich 2019 der Österreicher Romed Baumann (deutsche Ehefrau) dem DSV angeschlossen hatte und 2020 das schwedische Ausnahmetalent Emma Aicher (deutscher Vater), stößt nun die Kanadierin Roni Remme (deutsche Großmutter) zum Team. In Sölden gibt es trotzdem nur einen Kandidaten für einen deutschen Spitzenplatz: Alexander Schmid vom SC Fischen. Schmid stand in der Vorsaison in Alta Badia als Dritter erstmals in einem Weltcup-Riesenslalomrennen auf dem Podest.

Die Herren werden in dieser Saison 43 Rennen bestreiten, die Damen 42. Die sinnlosesten, die Parallelwettbewerbe in Lech/Zürs, stehen Mitte November auf dem Programm. Zum Glück werden ihnen keine weiteren Parallelwettbewerbe folgen. Dafür fliegt der Weltcuptross der Herren Ende Februar ein zweites Mal nach Nordamerika. Die traditionellen Nordamerikarennen Ende November/Anfang Dezember sind Eliasch und seinen US-Geschäftspartnern nicht gut genug. »Klimapositivität« deutet man bei der FIS offensichtlich kreativ.

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