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Aus: Ausgabe vom 20.10.2022, Seite 8 / Ansichten

Zivil ist nur der Frieden

Empörung über russische Angriffe
Von Reinhard Lauterbach
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Bombardierungen wie am Dienstag in Kiew erlebt die Bevölkerung im Donbass seit 2014

Es stimmt schon: Die russischen Drohnen- und Raketenschläge gegen ukrainische Kraftwerke ziehen auch die zivile Gesellschaft des Landes schwer in Mitleidenschaft. Der Ausfall der Stromversorgung unterbricht sekundär auch die Wasserkraftwerke, weil die Pumpen elektrisch betrieben werden, er legt die Fernheizungssysteme und die Aufzüge in den Wohnhochhäusern von Kiew und das Transportsystem lahm, soweit es elektrisch betrieben wird – von der U-Bahn bis zum Bahnverkehr. Aber es ist Krieg, und die Infrastruktur wird – auf allen Seiten – vom Militär mitgenutzt. »Zivil« ist sie nur im Frieden. Die Vorstellung, Schlachtfeld und Hinterland ließen sich sauber voneinander trennen, bleibt hinter der Realität des modernen Krieges zurück. Wenn Wolodimir Selenskij jetzt von »Terror gegen die Zivilbevölkerung« spricht, dann vergisst er dazuzusagen, dass man ebenso gut feststellen könnte, dass sein Staat und sein Militär die eigene Zivilbevölkerung als Geisel behandeln – als Ressource für Rekruten ohnehin, aber insbesondere auch als ein Reservoir von Menschen, die noch als Tote auf der Straße ungefragt der Propaganda der »eigenen« Seite einen letzten Dienst leisten müssen: als präsentierbare »unschuldige Opfer«. Das Argument, der beste Weg, solche Opfer zu vermeiden, bestünde darin, den Krieg durch eine diplomatische Lösung zu beenden, grenzt in der heutigen Ukraine an Hochverrat. Es ist Kiew, das Verhandlungen derzeit kategorisch ausschließt, Anfang Oktober sind Gespräche mit Putin durch ein Dekret des ukrainischen Präsidenten sogar explizit verboten worden.

Noch ein anderer Punkt wird bei der allgegenwärtigen Empörungsrhetorik über den »russischen Terror gegen die Zivilbevölkerung« systematisch ausgeblendet. Was die Ukraine seit vielleicht zehn Tagen in verstärktem Maße erlebt, hat sie selbst den Bewohnern des Donbass seit acht Jahren bereitet. Mit schwerer Artillerie, aus Raketenwerfern und mit Kampfdrohnen, in diesem Fall vom türkischen Typ »Bayraktar«. Angriffe auf Märkte, Wohnviertel, Umspannstationen, Pumpwerke und Kanäle im Donbass fanden seit 2014 mehrmals pro Woche statt und tun es bis heute. Meldungen über drei Tote hier, fünf dort und über 20 an einem einzigen Morgen in einer Schlange vor einem Geldautomaten im Zentrum von Donezk am Rentenzahltag fallen durchs Wahrnehmungsraster der westlichen Öffentlichkeit. Es ist ja nicht »unabhängig geprüft«, sondern stützt sich nur auf Berichte der sogenannten Behörden der sogenannten Volksrepubliken. Es waren übrigens nicht diese, die diesen Infrastrukturkrieg angefangen haben. Nun kehrt er – samt seinen Schrecken für die Bewohner des Hinterlandes – dorthin zurück, von wo er ausgegangen ist. Das macht keinen getöteten Zivilisten wieder lebendig und keine Verwundeten wieder gesund – aber es sollte vielleicht über all dem billigen Moralisieren nicht vergessen werden, das in der hiesigen Öffentlichkeit das Nachdenken ersetzt.

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  • Leserbrief von M. Wild aus Berlin (25. Oktober 2022 um 14:10 Uhr)
    Ich verfolge immer sehr interessiert die Artikel von Reinhard Lauterbach in der jW über die Kriegstragödie in der Ukraine. Doch leider wird mir dabei zu oft »flau im Magen«. Der Top-Autor der jW hat offensichtlich oft selbst »Bauschmerzen« beim Berichten über die Kriegsereignisse in der Ukraine und beim Analysieren ihrer Auswirkungen. Er scheint »sachlichen, objektiven, neutralen und unparteilichen Journalismus« gleichzusetzen mit einem »kurvenreichen Autorennen, in dem sich die Wetteifernden gegenseitig mal überholen oder zurückfallen lassen müssen, weil sie die Kurve nicht kriegen«.
    Mit seinem Kommentar am 20. Oktober 2022 in der jW hat Reinhard Lauterbach selbst einmal die »Kurve gekriegt« und die Mainstream-Renner deutlich überholt, indem er die russischen Angriffe auf die Infrastruktur der Ukraine ins richtige Verhältnis zu deren, seit 2014 erfolgten Terrorismus gegen ihre eigene Bevölkerung im Donbass gesetzt hat. Der Krieg der Ukraine gegen ihre eigene Bevölkerung mit den schrecklichen Folgen für die Zivilbevölkerung (15.000 Tote, darunter über 1.500 Kinder; zerstörte Städte, Dörfer, Produktionsstätten und Infrastruktur; verbrannte Erde) ist nun als Bumerang auf das ganze Land zum Schaden des zivilen Volkes, das dem Terror ihrer Regierenden gegen ihre Brüder und Schwestern im Donbass seit acht Jahren keinen wirksamen Widerstand entgegengesetzt hat, zurückgekehrt. Ja, zivil ist nur der Frieden! Und Frieden in der Ukraine wird es nur geben ohne weitere Waffenlieferungen an die Ukraine, ohne Sanktionen gegen Russland, ohne hysterische Russophobie, durch einen Waffenstillstand und anschließende Friedensverhandlungen mit internationaler Vermittlung und Begleitung, bei der die Bundesrepublik Deutschland eine besondere historische Verantwortung trägt.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in konstantin w. aus berlin, konstantinwest@gmx (20. Oktober 2022 um 16:18 Uhr)
    Ich gratuliere ihnen! Endlich haben sie es geschafft, nach einer Reihe von unausgegorenen Artikeln zum Ukraine-Konflikt, eine akzeptable, ausbalancierte Sicht auf die Geschehnisse zu präsentieren; wenn ich ihre Haltung richtig interpretiere, haben sie erkannt, dass nur der Rückgriff auf die Entstehungsgeschichte dieses Konfliktes, uns ein realistisches Verständnis verschafft; insofern haben sie das Verdrängte und Verleugnete der lügenhaften Publizität der Medienwelt der G7-Staaten zur Sprache gebracht, die auf uns stetig einhämmert, dass alles mit dem 24. Februar 2022, also mit der militärischen Intervention Russlands bzw. Putins begonnen hat; wer sich für diese Entstehungsgeschichte interessiert, sollte unbedingt den zweistündigen Vortrag von Prof. John J. Mearsheimer, ein anerkannter Spezialist, an der Universität von Chicago mit dem titel: »The causes and consequences of the Ukraine war« hören: https://www.youtube.com/watch?v=qciVozNtCDM. Eine kleine Korrektur bzw. Komplettierung betrifft die Augenzeugenberichte des unerklärten Krieges der Regierung in Kiew gegen ihre autonomen Republiken Donezk und Lugansk. Es gibt eine Fülle von nichtrussischen Augenzeugenberichten; hinweisen will ich hier nur auf Anne-Laure Bonnet, französische Dokumentartistin, die schon 2016 in einem bemerkenswerten Film über das Leiden der Zivilbevölkerung in den beiden autonomen Republiken durch den Krieg Kiews davon Zeugnis ablegt. Eine erneute Dokumentation hat ihr die Kündigung bzw. Nichtverlängerung ihres Lehrauftrages an der Pariser Universität eingebracht, weil ihre Sicht der Dinge inkompatible ist mit der der Universität; in einem sechsminütigen Beitrag erläutert sie, wie bei uns der Infowar organisiert wird: Ihre Dokumentation hat sie einer Vielzahl von Sendeanstalten angeboten, die sie alle abgelehnt haben; nur eine russische Anstalt hat sie akzeptiert und gesendet; worauf sie sofort als Putin-Apologetin denunziert wurde: https://www.youtube.com/watch?v=ycQP5gy9pmM
  • Leserbrief von G. Syme (20. Oktober 2022 um 15:30 Uhr)
    Vielen Dank für den Artikel. Wer sich jetzt beschwert, dass Infrastruktur in der Ukraine zerstört wird, hat sich nicht um die Infrastruktur in den Separatistengebieten geschert, die seit 2014 von Kiew aus angegriffen werden. Wohlgemerkt von Neonazis a la Bandera, von Kiew und dem sog. Westen unterstützt und ausgebildet. Vielleicht verstehen auch die Menschen im Westen der Ukraine jetzt mal, was ihre Regierung den eigenen Landsleuten im Osten seit Jahren antut, anstatt von allen Seiten (inkl. Kiew) unterschriebene Abkommen wie Minsk II umzusetzen. Auch wird bewusst ausgeblendet, dass die gegenwärtige Eskalation des Krieges ein Resultat der Zerstörung der russischen Krim-Brücke ist, über welche man in der deutschen Presse wie von einem »bedauerlichen Unfall« berichtet. »Alternativlos, kann man nichts machen«. Auch wenn Kiew Atomkraftwerke beschießt, eine nukleare Katastrophe droht, scheint uns das nicht zu stören. Man verbreitet hier stattdessen Märchen, es sei unklar, woher der Beschuss kommt. »Die Russen könnten ja ihr eigenes Kraftwerk beschossen haben«. (Eigene Pipelines scheinen die ja auch ganz gern mal zu sprengen!?) Als die USA völkerrechtswidrig wieder mal in den Irak einmarschiert sind, haben die vorher die komplette Infrastruktur (Energie, Wasser, Versorgung) dem Erdboden gleichgebombt. Beim Einmarsch gab es dann kaum noch irakischen Widerstand. Das Leid der Zivilbevölkerung spielte keine Rolle. Wie auch bei den Wirtschaftssanktionen, die das Land zuvor ausgehungert haben und 500.000 irakische Kinder tötete. So ist Russland bisher explizit nicht vorgegangen. Man sieht sich dort als ein Volk mit gleicher Kultur. Dem Nachbar unnötigen strukturellen und zivilen Schaden zuzufügen, wollte und will man vermeiden. Wollte Russland mit der Kriegsführung des von uns unterstützen Kiew gleichziehen, müssten sie neben der Infrastruktur auch absichtlich Wohnviertel, Marktplätze und Gemeindezentren angreifen. Zum Glück tun sie das bisher aber nicht.
  • Leserbrief von Wolfgang Schmetterer aus Graz (19. Oktober 2022 um 21:49 Uhr)
    Diesem Kommentar stimme ich zu 100 Prozent zu. Er macht dankenswerterweise nicht nur deutlich, was von den Mainstreammedien und Kriegstreibern des »Wertewestens« verschwiegen oder geleugnet wird, sondern unterstreicht auch die Absurdität der Propaganda der ukrainischen Faschisten, die mit ihren westlichen Faschistenfreunden im Glashaus sitzen und mit deren Granaten werfen.

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