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08.10.2022, 16:17:33 / Titel
Terrorismus

Anschlag auf Krim-Brücke?

Drei Tote nach Explosion eines LKW auf der Brücke zwischen Russland und der Krim. Verkehr auf Bahn und Straße unterbrochen. Kiew schweigt vielsagend
Von Reinhard Lauterbach
Ein Hubschrauber wirft Wasser ab, um das Feuer auf der Krim-Brüc
Ein Hubschrauber wirft Wasser ab, um das Feuer auf der Krim-Brücke zu stoppen (8. Oktober)

Nach einer Explosion auf der Brücke zwischen dem russischen Festland und der Krim am Sonnabend morgen ist der Verkehr am Abend wieder aufgenommen worden. Der Verkehr auf der unbeschädigt gebliebenen Eisenbahnbrücke setzte am Abend mit mehrstündigen Verspätungen gegenüber dem Fahrplan wieder ein. Die bei der Explosion beschädigte Straßenverbindung wurde für PKWs wieder freigegeben. Lediglich LKWs wurden auf die Fähren umgeleitet, die die russischen Behörden wieder in Betrieb genommen hatten. Es gibt bisher keine offiziellen Aussagen, aber einiges deutet darauf hin, dass es sich um einen Anschlag gehandelt hat. Zufall gilt als eher ausgeschlossen.

Wie russische Medien berichteten, kam es kurz nach 6 Uhr am Sonnabendmorgen auf der Fahrbahn für den Verkehr in Richtung Krim zu einer Explosion. Überwachungskameras zeigten einen Sattelschlepper, der in einem Feuerball verschwand. Gleichzeitig gingen sieben Waggons eines Treibstoff auf die Krim bringenden Güterzugs in Flammen auf. Ob dies die Folge der Explosion auf dem Sattelschlepper war oder ein getrenntes Ereignis, war nach den Medienberichten aus Russland und der Ukraine zunächst unklar. Russische Berichte tendierten dazu, den Brand der Waggons mit der Explosion des LKW in Verbindung zu bringen, ukrainische wiesen auf die an dieser Stelle »relativ große Entfernung« zwischen der Straßen- und der Eisenbahnbrücke hin, so dass es zwei getrennte Explosionen gegeben haben müsste. Die russischen Ermittlungsbehörden teilten mit, bei dem Vorfall seien drei Personen getötet worden: der Fahrer des explodierten LKW sowie die beiden Zivilisten, die den LKW im Moment der Explosion mit ihrem PKW überholten. Ihre Leichen wurden inzwischen aus dem Wasser geborgen, von dem Fahrer des LKW fehlte gleichzeitig noch jede Spur. Veröffentlicht wurden Videos von der routinemäßigen Kontrolle des später explodierten LKW auf der kontinentalen Brückenzufahrt. Die Beamten öffneten den Aufbau, schauten kurz hinein und schlugen die rückwärtige Tür wieder zu. Die ganze Kontrolle dauerte etwa fünf Sekunden und wirkte eher oberflächlich.

Auch ob der Fahrer des LKW ein Selbstmordattentäter war oder ihm die Sprengstoffladung untergeschoben wurde, ist noch unklar. Nach Angaben des ukrainischen Portals Strana.news wäre es auch möglich gewesen, die Sprengladung per Funk zu zünden. Da der Ort der Explosion relativ nahe am krimseitigen Ende der Brücke war, müsste die Person, die die Ladung gezündet haben könnte, sich in diesem Fall wohl auf der Krim aufgehalten haben. Am Samstag durchsuchten russische Ermittler die Wohnung des LKW-Besitzers im Bezirk Krasnodar im russischen Kaukasusvorland. Mit welchem Ergebnis, wurde zunächst nicht mitgeteilt.

Durch die LKW-Explosion stürzten zwei Brückenjoche der auf die Krim führenden Fahrbahn ein. Die Fahrbahn in der Gegenrichtung sowie die Eisenbahnbrücke blieben offenbar intakt. Der Verkehr über die Brücke ist also nicht unterbrochen, sondern lediglich stark behindert. Gleichwohl wurde die Brücke bis zum Abschluss der Ermittlungen vollständig gesperrt. Auch der Bahnverkehr wurde eingestellt, die Krim-Regierung rief alle Hoteliers der Halbinsel auf, Touristen, die an diesem Wochenende nach Hause hätten fahren sollen, bis zur Klärung der Lage weiter zu beherbergen; die Kosten werde die Region übernehmen.

Die Ukraine vermied am Sonnabend alle offiziellen Statements zu dem Vorfall, verhehlte aber nicht ihre Genugtuung. Präsidentenberater Michailo Podoljak postete, dies sei »erst der Anfang« gewesen. Alles, was der Ukraine geraubt worden sei, müsse zurückgegeben werden. Ein Sprecher des Geheimdienstes SBU sagte Strana.news, die Ukraine werde dieses Ereignis »erst nach ihrem Endsieg« kommentieren. Die ukrainische Post setzte noch am Sonnabend eine Sondermarke mit dem Bild der zerstörten Brücke in Umlauf.

Auch die russischen Reaktionen waren zunächst zurückhaltend. Präsident Wladimir Putin setzte eine ihm selbst unterstellte Sonderkommission ein, um den Vorfall aufzuklären. Der Chef des »Staatsrats« der Krim-Republik, Konstantinow, sprach von »ukrainischen Vandalen«, die sich auf der Krim betätigt hätten. In der Sache warf er der Ukraine aber wenig mehr vor als schwere Sachbeschädigung: die Ukraine habe in den 23 Jahren, die die Krim zu ihr gehört habe, keine einzige bemerkenswerte Investition auf der Halbinsel vorgenommen, sagte Konstantinow. Nun habe sie den Mut gefunden, die »russische Brücke« anzugreifen.

Die Zurückhaltung auf russischer Seite ist erklärlich. Die Ukraine hatte schon mehrfach mit Angriffen auf die aus ihrer Sicht illegale Krim-Brücke gedroht. Der Vorfall bringt Russland politisch und militärisch in Zugzwang. Bei früheren Gelegenheiten hatte Russland gedroht, einen Angriff auf die Brücke mit einem Schlag gegen das Regierungszentrum in Kiew zu beantworten. Bleibt dieser jetzt aus, ist dies gleichbedeutend damit, dass Russland den Angriff, den bisher bedeutendsten auf russischem Territorium, stillschweigend hinnimmt; findet er statt, ist mit einem »Sturm der Entrüstung« auf westlicher Seite wegen der »Eskalation« zu rechnen.

Die Brücke war zwischen 2015 und 2019 nach der 2014 erfolgten Übernahme der Krim durch Russland errichtet worden. Sie besteht aus einer vierspurigen Straßenverbindung und einer parallel verlaufenden zweigleisigen Bahnbrücke. Die offiziell ausgewiesenen Kosten für den russischen Staatshaushalt lagen bei umgerechnet etwa drei Milliarden Euro, die tatsächlichen dürften höher gewesen sein.

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