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Aus: Ausgabe vom 17.10.2022, Seite 16 / Sport
Eishockey

Auftakt in Prag

Zum Saisonbeginn der nordamerikanischen Eishockeyprofiliga NHL
Von Gabriel Kuhn
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Nino Niederreiter trifft für die Nashville Predators gegen die San Jose Sharks

Am vergangenen Wochenende lief die NHL-Saison 2022/23 so richtig an. Mit den St. Louis Blues stieg das letzte Team in den Spielbetrieb ein. Den Auftakt machten eine Woche zuvor die San Jose Sharks und die Nashville Predators mit zwei Spielen in Prag. Es war der erste Saisonauftakt der NHL in Europa seit 2019, Corona lässt grüßen. Zur ersten NHL-Saisoneröffnung auf dem alten Kontinent kam es 2007 mit einem Spiel der Los Angeles Kings und der Anaheim Ducks in London. Europäischer Fußball in Nordamerika, nordamerikanisches Eishockey in Europa, der globalisierte Kapitalismus verlangt globalisierten Sport.

Neuerungen in diesem Jahr: Die Gehaltsobergrenze, der »Salary Cap«, wurde pro Team auf 82,5 Millionen US-Dollar angehoben, für die Profis sollte da genug überbleiben. Es gibt flächendeckendes »Virtual Advertising«. Soll heißen: Die Bandenwerbung im Stadion kann im Fernsehen, je nach Anbieter und Region, durch auf das Zielpublikum abgestimmte Werbezüge ersetzt werden. Was im Internet bereits gang und gäbe ist, gibt es jetzt auch im guten alten Fernsehen, so schafft man Marktgerechtigkeit.

Die Arizona Coyotes müssen in ein Stadion auf dem Campus der Arizona State University ausweichen, da ihr Vertrag für die Gila River Arena nicht verlängert worden war. Wer meint, dass Eishockey in der Wüste ohnehin deplatziert ist, darf nicht vergessen, dass mit den Tampa Bay Lightning ein Team aus Florida zwei der letzten drei NHL-Titel gewann und im Vorjahr im Finale stand. Kälter ist es in Florida auch nicht. Neue Teams gibt es in diesem Jahr keine, die Seattle Kraken, seit 2021 am Start, verbleiben das jüngste NHL-Team der nunmehr insgesamt 32. Sieben davon gibt es noch in Kanada, dem Mutterland des Sports.

Gerade dort wird dieser wieder einmal durchgeschüttelt. Im Zuge der Aufarbeitung eines Falles, bei dem acht Spielern der kanadischen Nachwuchsliga CHL im Jahr 2018 eine Gruppenvergewaltigung vorgeworfen wurde, stellte sich heraus, dass der kanadische Verband seit Jahrzehnten eine eigene Kasse hat, um durch Entschädigungszahlungen bei solchen, offenbar häufigen Anklagen öffentliche Aufmerksamkeit zu vermeiden. Das wirft kein gutes Licht auf einen Sport, der ohnehin mit einem erzkonservativen Image zu kämpfen hat.

Als sich 2016 der Football-Quarterback Colin Kaepernick während des Abspielens der US-Hymne vor Spielbeginn niederkniete, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren, wurde die Geste von Sportlern weltweit übernommen. In der NHL dauerte es vier Jahre, bis sich mit Matt Dumba 2020 der erste Spieler daran wagte. Dumba, Vizekapitän der Minnesota Wild, ist einer der wenigen nicht-weißen Spieler in einem Sport, dessen Demographie sich wesentlich von jener der amerikanischen Profiligen im Football, Basketball und Baseball unterscheidet. Wenige Monate vor Dumbas Protest hatte ein Artikel von Akim Aliu auf der Online-Sportplattform The Players Tribune Aufsehen erregt. Aliu, ehemaliger NHL-Spieler und Sohn eines Nigerianers und einer Ukrainerin, berichtete darin schonungslos über die rassistischen Haltungen und Strukturen, auf die er in seiner Karriere gestoßen war. Gemeinsam mit Evander Kane von den Edmonton Oilers gründete er daraufhin die Hockey Diversity Alliance, die sich dem Kampf gegen Rassismus im Eishockey verschreibt. Ein Ansuchen um Unterstützung durch die NHL wurde abgelehnt. Auch in Deutschland ist Rassismus im Eishockey kein unbekanntes Problem. Erst im September 2022 ermittelte die Deutsche Eishockeyliga im Zusammenhang mit rassistischen Beleidigungen gegen den Iserlohn-Roosters-Verteidiger Sena Acolatse bei einem Auswärtsspiel in Ingolstadt.

Auch was die Änderung von Vereinsnamen angeht, die bei indigenen Gesellschaften Anstoß erregen, hinkt die NHL hinterher. Während in der NFL (American Football) die ehemaligen Washington Redskins seit 2020 Washington Commanders heißen, und in der MLB (Baseball) die Cleveland Indians seit 2021 Cleveland Guardians, laufen in der NHL immer noch die Chicago Blackhawks auf das Eis. Deren Vereinsführung stellte vor Saisonbeginn klar, dass eine Namensänderung nicht zur Debatte stünde (die Blackhawks gehören neben Detroit, Boston, New York, Toronto und Montreal zu den sogenannten Original Six, nicht direkt die Gründungsmitglieder der seit 1917 bestehenden NHL, aber die sechs Klubs, die seit 1924 bis heute um den Stanley Cup spielen).

Manchmal erwarten freilich auch US-Medien politische Stellungnahmen von Eishockeyspielern, etwa wenn es um den russischen Militäreinsatz in der Ukraine geht. Von diesem sollten sich die rund 50 in der NHL unter Vertrag stehenden russischen Spieler distanzieren. Doch die NHL geht kaum mit gutem Beispiel voran. US-amerikanische und kanadische Kriegseinsätze werden bei NHL-Spielen regelmäßig abgefeiert. Spielen dürfen die russischen Profis auf jeden Fall, da lässt sich die NHL nicht reinreden. Es gelang ihr sogar, das Auflaufen der russischen Cracks bei der Saisoneröffnung in Prag zu sichern. Das gefiel nicht allen. Die tschechische Torhüter-Legende Dominik Hašek, selbst lange Jahre in der NHL aktiv, meinte tschechischen Journalisten gegenüber: »Dank der russischen Jungs auf dem Eis werden die Spiele eine Werbung für den russischen Krieg sein.«

Zum Sportlichen: Der Saisonauftakt des deutschen Superstars Leon Draisaitl (deutscher Sportler des Jahres 2020) gelang phänomenal. Vier Scorerpunkte (ein Tor, drei Vorlagen) verbuchte der Kölner beim 5:3 seiner Edmonton ­Oilers gegen die Seattle Kraken. Im Tor stand dort mit Philipp Gebauer einer der zehn weiteren Deutschen, die in diesem Jahr in der NHL spielen werden. Ebenfalls erfolgreich verlief das Debüt des Number-one-Pick im diesjährigen Draft, des erst 18-jährigen Slowaken Juraj Slafkovsky. 4:3 gewann Slafkovsky mit den Montreal Canadiens im ewigen Hassduell gegen die Toronto ­Maple ­Leafs. Scorerpunkt konnte er keinen verzeichnen, »doch das kommt noch«, wie er allen, die es hören wollten, nach dem Spiel erklärte. Der Stanley-Cup-Gewinner des Vorjahres Colorado Avalanche begann den Weg zur Titelverteidigung mit einem 5:2 über die Chicago Blackhawks. Nicht dabei war der Augsburger Nico Sturm, der vor Saisonbeginn zu den San Jose Sharks wechselte. Den Stanley Cup wird er mit diesen kaum gewinnen, aber immerhin durfte er zum Saisonauftakt nach Prag reisen.

Die Regular Season der NHL läuft bis zum 13. April. Danach beginnen die Play-offs.

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