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Aus: Ausgabe vom 17.10.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
100 Jahre KP in Guatemala

Bewegte Geschichte

100 Jahre Geschichte des Kommunismus in Guatemala: Von Parteiverboten und -neugründungen, Militärputschen, Repression und bewaffnetem Kampf
Von Thorben Austen, Quetzaltenango
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Der guatemaltekische Präsident Jacobo Árbenz Guzmán 1954. Sein Landreform­programm von 1952 bedrohte reiche Familien und die United Fruit Company

Über die Geschichte der ersten Kommunistischen Partei Guatemalas (PCG) ist wenig bekannt. Allgemein wird angenommen, dass sie 1922 gegründet wurde, auch wenn manche Historiker das Jahr 1923 als Gründungsdatum in Betracht ziehen. Die darauf folgenden 100 Jahre kommunistischer Geschichte in dem zentralamerikanischen Land waren geprägt von Parteiverboten, Militärputschen und Repression, Etappen des bewaffneten Kampfes und Parteineugründungen.

Als Vorgängerin der PCG gilt die am 1. Mai 1921 gegründete »Sozialistische Arbeitervereinigung« (Unificacion Obrera Socialista, UOS). Auf einer Veranstaltung zum Thema »100 Jahre Kommunismus in Guatemala« an der staatlichen San-Carlos-Universität erklärte Ende September der Historiker Edgar Ruano, erst Anfang der 1920er Jahre sei in dem feudalistisch geprägten und von einer »oligarchischen Diktatur« regierten Land eine Arbeiterklasse mit eigenem Bewusstsein entstanden. Vor allem in den ersten Jahren nach der Gründung hätten insbesondere Zimmerleute, Schuhmacher und Arbeiter der nur wenige Jahre bestehenden guatemaltekischen Eisenbahn eine wichtige Rolle innerhalb der PCG gespielt. Wie Patricia Lepe von der »Cátreda Karl Marx« betonte, waren auch Frauen zentral für die PCG. So hätten sich Pflückerinnen der großen Bananenplantagen am Aufbau der Partei beteiligt.

Trotz der damals im Land herrschenden Diktatur verfügte die PCG über ein Büro und eine Bibliothek in der Hauptstadt Guatemala-Stadt sowie über Strukturen in sechs Departamentos des Landes. Das rief das Regime auf den Plan: In den Jahren 1923 und 1924 wurden Büro und Bibliothek mehrfach verwüstet, zuletzt im Februar 1924 nach einem von der Partei organisierten Trauermarsch wegen des Todes des russischen Revolutionärs Wladimir Lenin. Mehrere wichtige Parteifunktionäre wurden dabei verletzt und verhaftet.

Verschärfte Repression

Der Kurs gegen die Kommunistische Partei verschärfte sich noch unter dem Diktator Jorge Ubico Castañeda, der Guatemala von 1931 bis 1944 regierte. Bereits in den ersten Monaten seiner Amtszeit gingen seine Behörden mit Brutalität gegen die Arbeiter- und die Studierendenbewegung vor. 250 PCG-Mitglieder wurden mitsamt Familienangehörigen verhaftet, mindestens sieben Parteifunktionäre ermordet. 1932 wurde die Partei endgültig verboten und zerschlagen. In Folge von Massendemonstrationen von Militärs, Studenten und Arbeitern wurde Ubico Casteñeda am 1. Juli 1944 zum Rücktritt gezwungen. Auch sein Nachfolger Federico Ponce Vaides konnte sich nicht lange an der Macht halten und wurde im Zuge der sogenannten zivil-militärischen Revolution am 20. Oktober 1944 gestürzt.

Im Rahmen des »Guatemaltekischen Frühlings« übernahm ein sogenannter Revolutionsrat die Macht, aus Wahlen ging schließlich Juan José Arévalo (1945–1951) als Präsident hervor. Im September 1949 gründete die kommunistische Bewegung eine legale Partei, die 1952 auf Beschluss des zweiten Parteikongresses in Partido Guatemalteco del Trabajo (PGT, Guatemaltekische Partei der Arbeit) umbenannt wurde – wohl auch, um den Legalisierungsprozess nicht zu gefährden.

In den ersten Jahren ihres Bestehens unterstützte die neu gegründete Partei die Reformbestrebungen von Arévalo und dessen Nachfolger im Präsidentenamt, Jacobo Árbenz Guzmán (1951–1954) – vor allem die unter letzterem angestoßene Landreform. Die Tatsache, dass für Árbenz auch Kommunisten als Berater tätig waren, nutzten die USA als Begründung für eine angeblich von Guatemala ausgehende »kommunistische Gefahr« für die Region – die Blaupause für die Vorbereitung des Militärputsches von 1954. Ein Bericht des US-Geheimdienstes CIA von 1952 schätzte die tatsächlichen Machtverhältnisse im Land hingegen deutlich realistischer ein. Demnach verfügte die PGT damals über rund 500 Mitglieder sowie eine nicht genau genannte Anzahl von Sympathisanten. Die Parteizeitung Octubre (Oktober) erschien mit einer wöchentlichen Auflage von 3.000 Exemplaren – in einem Land, das damals gut 3,2 Millionen Einwohner zählte.

Putsch von 1954

Im Juni 1954 putschte eine Gruppe Aufständischer unter der Führung von Carlos Castillo Armas mit tatkräftiger Unterstützung der USA, am 27. Juni trat Árbenz ab. Nach nur zehn Jahren war der Versuch, ein demokratisches und sozial gerechtes Guatemala aufzubauen, gescheitert, der Staatsstreich markierte den Beginn einer traumatisierenden, von jahrzehntelanger Diktatur und Bürgerkrieg geprägten Phase.

Laut dem Historiker Ruano radikalisierte sich die PGT nach dem Putsch. Im Angesicht der aufgezwungenen Illegalität, des Erfolgs der Kubanischen Revolution 1959 sowie des Beispiels unter anderem des Befreiungskampfes in Viet­nam entschieden sich die Kommunisten für die Aufnahme des bewaffneten Kampfes. Ab den 1960er Jahren baute die Partei mit den »Fuerzas Armadas Rebeldes« (FAR, später »Fuerzas Armadas Revolucionarios«) einen bewaffneten Arm auf, arbeitete jedoch weiter auch in unbewaffneten Volksbewegungen und Gewerkschaften. Dabei musste die Partei immer wieder heftige Rückschläge einstecken. So »verschwanden« 1966 mehrere Mitglieder der Parteileitung nach einem klandestinen Treffen, 1998 wurden CIA-Dokumente einsehbar, die offenlegten, dass sie von den Streitkräften ermordet worden waren. 1972 wurde unter anderem der Generalsekretär Bernardo Alvarado Monzón und weitere hohe Parteimitglieder getötet. Ihre Leichen wurden vermutlich ins Meer geworfen.

In den 1970er Jahren entstanden mit dem »Ejército Guerillero de los Pobres« (Guerillaarmee der Armen, EGP) und der »Organización del Pueblo en Armas« (Organisation des bewaffneten Volkes, Orpa) zwei weitere Guerillaorganisationen. 1982 vereinigen sich beide mit der PGT und den FAR zur Unidad Revolucionaria Nacional Guatemalteca (Guatemaltekische Nationale Revolutionäre Einheit, URNG). Im selben Jahr eskalierte der Bürgerkrieg, während der Amtszeit von General Efraín Ríos Montt, der 1982 durch einen Putsch an die Macht gelangt war, ermordeten Militärs und paramilitärische »Zivilverteidigungspatrouillen« Zehntausende überwiegend indigene Landbewohner, die meist in keinerlei Verbindung zur Guerillabewegung standen.

Friedensabkommen

Der 36jährige, blutige Bürgerkrieg endete am 29. Dezember 1996 mit der Unterzeichnung eines »Abkommens über einen dauerhaften Frieden« zwischen der Guerilla und der Regierung. 1997 stimmte die Mehrheit der PGT-Mitglieder für den Verbleib in der URNG und deren Umwandlung in eine legale politische Partei mit demselben Namen. Während die Guatemaltekische Partei der Arbeit mit der Entscheidung zunächst Geschichte war, gründete eine Gruppe Kommunisten, die mit der zunehmenden Fokussierung der URNG auf die bürgerliche Demokratie nicht einverstanden war, die PGT im Jahr 2014 neu. Seitdem wird auch die Monatszeitschrift Camino Socialista (Sozialistischer Weg) wieder herausgegeben.

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