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Aus: Ausgabe vom 15.10.2022, Seite 15 / Geschichte
Geschichte Afrikas

Der unflexible Herr Sankara

Am 15. Oktober 1987 wurde der afrikanische Revolutionär ermordet. Jetzt gibt es ein Urteil, keine Aufklärung und einen Besuch des Mörders in Burkina Faso
Von Arnold Schölzel
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Sankara (l.) war dem Repräsentanten der ehemaligen Kolonialmacht, Frankreichs Präsident François Mitterrand (r.), unbequem, Aufnahme von 1983

Der Mann war eine Majestätsbeleidigung – für die arroganten Führer des Westens. Sie wähnten sich, als Thomas Sankara (1949–1987) 1983 durch einen Staatsstreich Staatschef von Obervolta wurde, als Herren des Universums, vor allem gegenüber der südlichen Hemisphäre. Aber Sankara, der sein Land 1984 in Burkina Faso (»Land der Aufrechten«) umbenannte, weckte nicht nur dort Begeisterung, sondern in ganz Afrika. Vor allem aber ging er daran, die Verhältnisse zu ändern: An der Spitze stand für ihn die Emanzipation der Frauen, wozu er ein Buch verfasste. Er trieb Alphabetisierung und Bildung voran, schuf ein Gesundheitswesen, das diesen Namen verdiente, reiste an der Spitze einer 50köpfigen Delegation 1986 nach Moskau und weigerte sich anschließend, die Sowjetunion wegen ihres Afghanistan-Krieges in der UN-Vollversammlung zu verurteilen. Er sagte Sätze wie: »Einige fragen mich: Wo ist der Imperialismus? Schaut auf eure Teller! Reis und Mais werden importiert: Ist es nicht ganz normal, dass der, der euch zu essen gibt, euch auch seinen Willen diktiert?« Das hörte sich nach Sozialismus an, war auch so gemeint, also ein Verbrechen.

»Che Guevara Afrikas«

Sankara, bald »Che Guevara Afrikas« genannt, störte jedenfalls – oder wie Frankreichs Präsident François Mitterrand im Sommer 1987 witzelte: »Man kann neben ihm nicht ruhig schlafen und kein reines Gewissen haben.« Und hinzusetzte, Monsieur Sankara zeige sich »etwas unflexibel«. Der unterstrich seinen »Starrsinn«, als er wenig später, am 29. Juli 1987, auf einem Treffen der damaligen Organisation für Afrikanische Einheit in Addis Abeba »eine Einheitsfront gegen die Schulden« forderte. Seine Rede wurde berühmt, weil das, was er ansprach, an die Wurzel der Probleme Afrikas geht: »Die Ursprünge der Schulden sind auf die Ursprünge des Kolonialismus zurückzuführen. Geld wurde uns von denen geliehen, die uns kolonisiert haben.« Die Schulden seien »das Mittel einer geschickt organisierten Rekolonisierung Afrikas«, und dieselben, »die uns in die Verschuldung führten, haben sich aufgeführt wie in einem Kasino. Solange sie gewannen, gab es keine Diskussion. Jetzt, wo sie im Spiel verloren haben, fordern sie von uns die Rückzahlung.« Sankara schloss mit der Vorhersage: »Wenn Burkina Faso sich alleine weigert, die Schulden zu bezahlen, bin ich auf der nächsten Konferenz nicht mehr da.«

Drei Monate später waren er und zwölf seiner Mitstreiter tot, von Kugeln durchsiebt. Zwei Militärärzte bescheinigten: »natürliche Todesursache«. Am 8. August 2022 sagte sein Onkel Mousbila Sankara, 1987 Botschafter in Libyen, dem Nachrichtenportal lefaso.net: »Wenn man auf internationaler Ebene gegenüber den Großmächten solche Positionen einnimmt, hatte man zu unserer Zeit kaum eine Chance, lange zu leben, und das ist Thomas passiert.«

Erst 2015 wurde dessen Leichnam exhumiert, gefunden wurden mehr als ein Dutzend Einschüsse. Wer das Mordkommando bestellt hat, ist ungeklärt. Viele Spuren führen ins Ausland. Sankara war nur einer von vielen afrikanischen Politikern, die für Panafrikanismus, wirtschaftliche Souveränität oder gar Sozialismus eintraten und über Afrika hinaus populär wurden: Kongos 1960 erster gewählter Ministerpräsident Patrice Lumumba – unter CIA-Aufsicht gefoltert und zerstückelt. Eduardo Mondlane, Gründer der mosambikanischen Befreiungsbewegung Frelimo – 1969 von einer Briefbombe getötet. Thomas Sankara – am 15. Oktober 1987 erschossen. Chris Hani, Generalsekretär der KP Südafrikas und Chef der ANC-Guerilla »Speer der Nation« – 1993 erschossen. Libyens Revolutionsführer Muammar Al-Ghaddafi – 2011 unter NATO-Aufsicht bestialisch ermordet.

Freund und Mörder

Nachfolger Sankaras wurde sein enger Freund und Mörder Blaise Compaoré. Der regierte 27 Jahre mit dem Wohlwollen der Herrschenden in Paris, Brüssel und Washington, ließ von Zeit zu Zeit einige Leute erschießen und sich viermal zum Präsidenten wählen. Beim fünften Mal reichte es den Massen. In Ouagadougou forderten 2014 eine Million Menschen auf den Straßen seinen Rücktritt. Die Gönner im Westen senkten den Daumen und brachten ihn komfortabel in Côte d’Ivoire unter. In Burkina Faso wurde seine Partei nicht verboten, sein Nachfolger, der neoliberale Banker Roch Marc Kaboré, war unter ihm Parlamentspräsident gewesen. Das bedeutete: Compaoré zog weiter politische Strippen – nach Meinung vieler auch zu Terrorgruppen. Erst ab Oktober 2021 wurde gegen ihn verhandelt. Mariam Sankara, die Witwe, hatte nicht aufgegeben. Am 6. April 2022 verurteilte ein Militärgericht Compaoré wegen der Beteiligung am Mord und Angriffs auf die Staatssicherheit in Abwesenheit zu lebenslanger Haft. Auch das kümmerte den Exilanten nicht: Am 7. Juli kehrte er nach Burkina Faso zurück, ohne verhaftet zu werden, obwohl auf ihn seit 2015 ein internationaler Haftbefehl ausgestellt ist. Er traf sich mit dem Chef der Militärjunta, Paul-Henri Sandaogo Damiba, der im Januar Kaboré wegen sich häufender Terrorattacken im Land und zwei Millionen Binnenflüchtlingen weggeputscht hatte. Damiba sprach von nationaler Versöhnung. Nach der Rückreise ins Exil ließ Compaoré von einer Familiendelegation am 26. Juli einen Brief nach Burkina Faso bringen, in dem er die Bevölkerung und speziell die Familie seines »Bruders und Freundes« Sankara um »Vergebung« bat für »alle Taten, die ich begangen habe«. Was er meinte, schrieb er nicht. Ein Verlangen nach »Vergebung« allerdings darf in der Kultur des Landes nicht abgeschlagen werden. Die Familie Sankaras schwieg jedoch.

Auf den Revolutionär berufen sich heute viele in Burkina Faso, selbst Kaboré. Er weihte am 1. März 2019 in Ouagadougou eine Gedenkstätte mit einer fünf Meter hohen Statue Sankaras ein. An diesem Sonnabend finden dort Gedenkfeiern zum 35. Jahrestag der Ermordung statt. Um Aufklärung, etwa durch Öffnung der geheimen Akten in Paris, hatte Kaboré sich weniger gekümmert. Immerhin unterbanden er und die Putschisten nicht das Gerichtsverfahren.

Am 30. September begann ein weiterer Staatsstreich unter Führung des 34jährigen Ibrahim Traoré. Demonstranten zerstörten französische Einrichtungen, schwenkten russische Flaggen. Der Pressesprecher Putins, Dmitri Peskow, reagierte: Er hoffe, das Land werde möglichst rasch zur gesetzlichen Ordnung zurückkehren. Am Donnerstag meldete lefaso.net, in Ouagadougou habe die »Koalition Burkina–Russland« dafür demonstriert, dass Traoré Staatspräsident wird. 35 Jahre nach dem Mord an Thomas Sankara ist das Land weitgehend zerstört. Viele klammern sich an Strohhalme.

»Wir haben einen gemeinsamen Feind«

Am 29. Juli 1987 sprach Thomas Sankara vor der Organisation für Afrikanische Einheit in Addis Abeba:

Wir können die Schulden nicht zurückzahlen, aber die anderen schulden uns das, was der größte Reichtum niemals zurückzahlen könnte, nämlich eine Blutschuld. Unser Blut ist geflossen. Wir hören vom Marshallplan, der die europäische Wirtschaft wieder aufbaute. Aber wir hören nie von dem afrikanischen Plan, der es Europa ermöglichte, sich den Hitler-Horden zu stellen, als seine Wirtschaft und seine Stabilität auf dem Spiel standen. Wer hat Europa gerettet? Afrika. Es wird selten erwähnt, und zwar so selten, dass wir nicht die Komplizen dieses undankbaren Schweigens sein können. Wenn andere unser Lob nicht singen können, müssen wir wenigstens sagen, dass unsere Väter mutig waren und dass unsere Truppen Europa gerettet und die Welt vom Nazismus befreit haben. (…)

Es ist unsere Pflicht, eine Addis-Abeba-Einheitsfront gegen die Schulden zu schaffen. Nur so können wir behaupten, dass die Verweigerung der Rückzahlung kein aggressiver Schritt unsererseits ist, sondern ein brüderlicher Schritt, um die Wahrheit zu sagen. Außerdem ist das Volk in Europa nicht gegen das Volk in Afrika. Diejenigen, die Afrika ausbeuten wollen, sind auch diejenigen, die Europa ausbeuten. Wir haben einen gemeinsamen Feind. (…) Die Reichen und die Armen haben nicht die gleiche Moral. (…)

Lassen Sie uns auch den afrikanischen Markt zum Markt für Afrikaner machen: in Afrika produzieren, in Afrika umwandeln, in Afrika konsumieren. Lasst uns produzieren, was wir brauchen, und lasst uns konsumieren, was wir produzieren, anstatt zu importieren.

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