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Aus: Ausgabe vom 15.10.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Wimmelbilder der Halbwelt

Zwischen Fiktion und Realität, Tragik und Groteske: Eine Ausstellung der Kunst von Stéphane Mandelbaum in Frankfurt am Main
Von Berthold Seliger
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Stéphane Mandelbaum: »L’Albertine Bar (Beautiful Deception)« (Paris, 1986)

Der erste Eindruck: Faszinierend! Und gleichzeitig verstörend. Porträts und eine Art Wimmelbilder, hergestellt mit Tusche, Bleistift, Filzstift und Kohle, zu sehen sind zunächst Außenseiter in ­heruntergekommenen Bars, Prostituierte, Punks. Beispielsweise »Mama Pauline«: Das Gesicht (und der Unterleib im Slip) en detail ausgearbeitet, der restliche Körper nur in wenigen Strichen angedeutet, links daneben in großen Kugelschreiberbuchstaben mehrfach: »Bar« und »Strip«. Im nächsten Bild, »Bordel de la vie«, ist Mama Pauline nochmal zu sehen, links neben ihr eine weitere Frau in afrikanischem Kleid und neben ihr ein Mann (ein Freier?) im Anzug – drumherum wild durcheinander Assoziationen, Wort- und Gedankenfetzen hingeschrieben wie Graffiti: »Tango con Rumba Salsa«, »Sexe Maté qui«, »Prescow« oder »Bar La: Congolaise«.

Immer wieder Nazis

Später beim Rundgang durch die große Ausstellung im Tower des Museums für Moderne Kunst Frankfurt dann eine Überraschung nach der anderen: Neben den Underdogs hat Mandelbaum offensichtlich etliche seiner Idole porträtiert: Pasolini, Bacon, Rimbaud, Mishima, Buñuel – und dann, immer wieder: Nazis! Goebbels und Röhm. Was ist da los?

Stéphane Mandelbaum war ein belgischer Künstler und lebte nur gut 25 Jahre, von 1961 bis zum Jahr 1986, als er ermordet wurde. Er stammte aus einer jüdisch-armenischen Familie, ein Großvater war Überlebender des Holocaust, sein Vater war ein bekannter Künstler und Kunstlehrer, seine Mutter Illustratorin. Öfter hat er seinen Vater Arié und seinen Großvater Szulim Mandelbaum porträtiert, auf einem Blatt tauchen die Namen von deutschen Konzentrationslagern auf. Diedrich Diederichsen schreibt in einem bemerkenswerten Essay, der im Zentrum des kostenlosen Begleithefts zur Ausstellung steht, von der Irritation, dass Stéphane Mandelbaum »an Bosheit und Niedrigkeit des deutschen Judenmords mit ähnlichen künstlerischen Mitteln heranging wie an (auch ethische) Transgressionen ganz anderer Art: radikal gelebte Sexualität, Prostitution, kriminelle Halbwelt, Schlachthöfe: Goebbels und Pasolini in einem Zeichenstil.« Ganz offensichtlich befand sich der junge Künstler in einem Identitätswirrwarr sondergleichen und schuf sich seine eigene Wunschwelt, eine Wahlfamilie, befeuert und geprägt von der Gedankenwelt des von ihm offensichtlich verehrten Pierre Goldman, einem der »drei jüdischen Anführer von 68« in Frankreich (neben Cohn-Bendit und Glucksmann). Goldman war ein linksradikaler und antifaschistischer Aktivist, Mitarbeiter der Libération, Guerillero in Südamerika und Buchautor (»Dunkle Erinnerungen eines in Frankreich geborenen polnischen Juden«, das er Mitte der 70er Jahre im Gefängnis geschrieben hat). Er stand für eine »aus der europäischen jüdischen Erfahrung hervorgegangene internationale Solidarität aller Gegner eines abstoßenden westlichen Status quo« (Diederichsen). Die Begegnungen mit Gegnern und Opfern der kapitalistischen bürgerlichen Gesellschaft führte bei Goldman wie Mandelbaum auch zur »Solidarität und Gemeinschaftlichkeit mit Illegalen und Kriminellen« – Mandelbaum heiratete 1984 in einer Scheinehe eine Kongolesin und adoptierte ihre Tochter, um deren Existenz in Belgien zu sichern.

Stéphane Mandelbaum gehörte einer anderen Generation an als Goldman, zu seiner extensiv zeichnerisch bearbeiteten Wahlfamilie gehörten neben Pasolini, Bacon oder Rimbaud – Diederichsen erwähnt zu Recht auch den frühen Matthes & Seitz-Verlag, in dem 1979 unter dem Titel »Eine Zeit in der Hölle. Licht-Spuren« der erste Band der Rimbaud-Werkausgabe in der Neuübersetzung von Hans Therre erschien: – auch die »Westberliner Foucault-Fans auf dem Tunix-Kongress von 1978« oder die Protagonisten »einer weltweiten, postpolitischen Proto-Punk-Stimmung«. »Punk«, schreit es von mehreren großformatigen Bildern in dieser Ausstellung, etwa dem Porträt von »punk tück« mit rätselhaften Graffitikritzeleien wie »Deutsch Fräuleins Birgit«, »Liebe chpiln«, »die das der von« oder »Baklava« – und auch Rimbaud selbst wird von ihm einmal als eine Art Punk gezeichnet.

Ein wildes Leben

All dies gibt den Hintergrund für ein radikales (nicht nur Künstler-) Leben ab. Hinzu kommt die jüdische Position Mandelbaums, der beim Zeichnen und Malen zumeist traditionelle jüdische Musik laufen ließ (während sein Held Pierre Goldman kubanische Musik auf Kassetten hörte, als er im Gefängnis sein autobiographisches Buch schrieb), und eine immerwährende Auseinandersetzung mit dem belgischen Kolonialismus. Mandelbaum hatte ein kurzes, wildes Leben, einen Zickzackkurs, den er in höchstem Tempo absolvierte: Mit 15 auf der Kunsthochschule, mit 17 Italienreise, mit 18 erster Kunstpreis, im Jahr darauf erste Ausstellungen – das hört sich nach Rimbaudscher Frühreife an. Gleichzeitig das Leben in der Brüsseler Halbwelt, Geldsorgen einer prekären Existenz, Kleinkriminalität, tatsächlich begangene ebenso wie erfundene kleine und mittlere Diebstähle, der Plan, einen Modigliani zu stehlen, die »erlebte und/oder ererbte Gewaltgeschichte« bis hin zum spurlosen Verschwinden und der Ermordung im damaligen Zaire. Mandelbaums Kunst ist ebenso wild und wirkt häufig rasch und spontan hergestellt (wir wissen natürlich nicht, ob diese Beobachtung der Wahrheit entspricht).

In den größeren farbigen Formaten bringt er Himmler und Walt Disneys Micky Maus zusammen (»Mickey et Himmler«, 1983) oder malt in einem Ölgemälde Kirchenpersonal mit Knaben; dann wieder kleine Zeichnungen, die homosexuelle Liebesszenen zeigen, aber auch, wie eine Frau mit fünf Brüsten Sex mit einem Tintenfisch hat. »Liebe« steht verzweifelt in Großbuchstaben auf einer Zeichnung, auf einer anderen »Holger Meins«, »New Order« und »Boucherie juine«. Sind die Schriftkaskaden auf all diesen Bildern Kommentare zu den Zeichnungen? Oder sind letztere umgekehrt Illustrationen zu den Worten, die der Legastheniker mal korrekt, mal phonetisch festhielt? Der Ritt zwischen Fiktion und Realität, zwischen Tragik und Groteske, Obszönität und Gewalttätigkeit, Melancholie, »Geheimnis und Gewalt« (um es mit Georg K. Glaser zu sagen) ist fesselnd und gleichzeitig erschreckend. Man taucht geradezu haltlos, gebannt und rätselnd in die Kunst des radikalen und hemmungslosen Außenseiters Stéphane Mandelbaum ein.

»Ich wollte mein Leben im Leben schreiben«, formulierte Pierre Goldman. Was Stéphane Mandelbaum angeht, dessen Werk man noch viele Ausstellungen (und einen umfangreichen Katalog!) wünscht, lässt sich wohl sagen: Er wollte sein Leben im Leben zeichnen.

Stéphane Mandelbaum – Tower MMK Frankfurt, bis 1. Januar 2023

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