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Aus: Ausgabe vom 14.10.2022, Seite 16 / Sport
Ethnographie

Schlepp die tote Ziege

Die vierten »World Nomad Games« in Iznik zwischen Traditionspflege und Geopolitik
Von Gabriel Kuhn
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Bilal, bist du’s? Berittener Bogenschütze bei den »World Nomad Games« in Iznik (1.10.2022)

Anfang Oktober fanden in Iznik in der Türkei die vierten »World Nomad Games« statt. Selbst die größten Sportfans mögen sie verpasst haben. Es sei ihnen verziehen, die öffentliche Aufmerksamkeit hielt sich in Grenzen. Dabei waren mehr als 3.000 Athleten aus über 100 Ländern am Start. Man maß sich in durchaus interessanten Wettbewerben, darunter Salburun, ein Jagdwettbewerb mit Falken und Windhunden, Ordo, ein Geschicklichkeitsspiel mit Schafknöcheln, und Togus Kumalak, ein Brettspiel der Mancala-Variante, im Deutschen auch »Bohnenspiele« genannt. Dazu kommen Pferdesport, Bogenschießen und Ringen in allen erdenklichen Variationen und Kombinationen: Beim Er Enish wird auf Pferden sitzend gerungen, beim berittenen Bogenschießen wird auf Pferden sitzend, nun ja, Bogen geschossen.

In der Steppe

Ein besonderes Spektakel ist das Kokboru-Turnier. In Afghanistan ist der Sport als »Buzkaschi« bekannt, genauso wie beim deutschen Fernsehpublikum, denn im »Tatort« vom vergangenen Wochenende half er den Göttinger Kommissarinnen, den Täter zu überführen. Die dortige Beschreibung als »Fußball mit Pferden« war jedoch etwas zu salopp. Ursprünglich gab es beim Buzkaschi keine Mannschaften, jeder Reiter spielte für sich selbst. Ziel war es, eine in der Steppe abgelegte tote Ziege (wahlweise auch ein totes Kalb) an sich zu bringen und an einem bestimmten Ort zu hinterlegen. Heute treten jedoch tatsächlich Teams gegeneinander an, die Punkte sammeln, indem sie das tote Tier – immer öfter eine Attrappe – wiederholte Male in das Tor des Gegners legen.

Um das Tier in seinen Besitz zu bekommen, ist so ziemlich alles erlaubt. Buzkaschi gilt als hartes Spiel. Kein Wunder, dass der Sport 1988 im Film »Rambo III« zu sehen war (Vietnamkriegsveteran John Rambo besiegt in Afghanistan die Sowjetunion). In Zentralasien nimmt man den Sport sehr ernst. Auf Antrag Kirgistans wurde es 2017 von der UNESCO in die Liste der »immateriellen Kulturgüter der Welt« aufgenommen.

In Afghanistan versuchten die Taliban nach ihrer Machtübernahme 1996, das Spiel zu eliminieren. Ohne Erfolg. Die heutige Taliban-Regierung lässt die Buzkaschi-Liga gewähren, in der Teams aus den Provinzen des Landes um den Titel kämpfen. Meister wurde dieses Jahr das Team aus Kandahar. Bei den World Nomad Games konnte Afghanistan aufgrund der politischen Lage kein konkurrenzfähiges Team stellen. Kasachstan besiegte im Finale Kirgistan mit 4:3.

Kein Freund von Buzkaschi ist die Tierrechtsorganisation PETA. Unter der Überschrift »Grausame Bräuche: Elf Traditionen, für die Tiere gequält werden« schreibt sie zu dem Sport auf ihrer Website: »Neben dem unnötigen Tod der Ziege, die als ›Spielball‹ missbraucht wird, ist das Spektakel sowohl für die teilnehmenden Männer als auch die eingesetzten Pferde hochgefährlich: beispielsweise wenn Reiter die gestressten Pferde ineinander lenken, sie mit harten Stockschlägen antreiben und es zu schweren Stürzen kommt.«

An den World Nomad Games nehmen nicht nur Athleten aus Zentralasien teil. Zwar führen diese den Medaillenspiegel klar an (Kirgistan vor Kasachstan), doch ungarische Ringer und Bogenschützen gewannen auch schon beachtliche 29 Medaillen. 2018 gab es erstmals Edelmetall für Deutschland: Stephanie Behrendt aus Wetzlar gewann Gold im »Koreanischen Bogenschießen«.

Russisches Billard

Die Spiele in Iznik hatten bereits 2020 stattfinden sollen, doch Corona machte dem einen Strich durch die Rechnung. Es war das erste Mal, dass die World Nomad Games nicht im kirgisischen Tscholponata, einem populären Badeort am Nordufer des Yssykköl-Sees, angesetzt wurden. Dort fanden sie 2014, 2016 und 2018 statt. Dass heuer die Türkei das Veranstaltungsland gab, hat sportpolitische Gründe: Präsident Erdogan nutzt Events dieser Art gerne, um seinen Einfluss auf die zentralasiatische Region zu verstärken. 2015 wurde zu diesem Zweck in Istanbul die »World Ethnosports Confederation« gegründet, die nun die Schirmherrschaft über die Spiele in Iznik übernahm. Präsident: Erdogans Sohn Bilal (angeblich selbst ein passabler Bogenschütze).

Dem Selbstverständnis der World Nomad Games zufolge ist das Ziel, »die Kultur, Identität und Lebensweise nomadischer Völker in der Ära der Globalisierung zu bewahren und wiederzubeleben«. Zur fünften Auflage der Spiele soll es 2024 in Kasachstan kommen. In Tscholponata finden dann vielleicht andere Wettbewerbe statt. Die Stadt ist als Veranstaltungsort spezieller Sportereignisse bekannt. Zweimal schon gab es dort Billardweltmeisterschaften: 2014 die »Kombinierte-Pyramide-WM« und 2019 die »Freie-Pyramide-WM«. Dass diese Varianten des Billardsports auch als »Russisches Billard« bekannt sind, bestätigt das sportliche Vermächtnis der Sowjetunion im zentralasiatischen Raum.

Bei den World Nomad Games haben russische Sportler schon jede Menge Medaillen gewonnen. Auch in Iznik hatten sie dazu Gelegenheit. Im Gegensatz zu den meisten internationalen Sportveranstaltungen 2022 durften russische Athleten dort antreten.

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