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Aus: Ausgabe vom 13.10.2022, Seite 8 / Feuilleton
Kulturpolitik

»Offen für Minderheiten? Die Realität ist eine andere«

Spanien ist Gastland der Frankfurter Buchmesse. Kritik an Inszenierung von »Sprachenvielfalt«. Ein Gespräch mit Carolin Breinker
Interview: Fabian Linder
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Besucher einer Militärparade am spanischen Nationalfeiertag in Madrid (12.10.2022)

In der kommenden Woche findet die Frankfurter Buchmesse statt. Dieses Jahr heißt das Gastland Spanien. Die Initiative »Beyond Spain« organisiert eine alternative Buchmesse mit dem Fokus auf Katalonien, dem Baskenland und Galicien. Was ist Ihr Anliegen?

Wir sind eine Initiative aus Einzelpersonen, darunter Aktivisten aus der Dias­pora der drei genannten Regionen sowie aus der deutschen Linken. Einige sind in der Asamblea Nacional Catalana, andere in dem Bloque Nacionalista Galego organisiert, die den jeweiligen nationalen Unabhängigkeitsbewegungen angehören.

Was kritisieren Sie an der Buchmesse?

Unsere Kritik zielt nicht auf die Buchmesse oder die spanische Literaturszene, sondern auf die Einladung Spaniens. Diesem Staat wird eine Propagandabühne zur Selbstdarstellung geboten. Wir erinnern uns alle an die Bilder vom Unabhängigkeitsreferendum in Katalonien vor fünf Jahren, wo die Polizei auf friedliche Wähler eingeprügelte. Die Bewegung wurde unterdrückt und kriminalisiert. Bis heute werden katalanische Politiker und Aktivisten strafrechtlich verfolgt. Miquel Iceta, einst Führer der katalanischen Sozialdemokraten und ohne Berührungsängste bei der faschistischen Vox-Partei, ist jetzt Kulturminister und damit zuständig für den Auftritt auf der Buchmesse. Spanien wird sich auf der Buchmesse als offen für alle Identitäten und Debatten darstellen, auch für die Minderheitensprachen. Die Realität in Spanien sieht allerdings ganz anders aus. Daher auch unser Motto: die andere Seite der spanischen Realität zu zeigen. Zwar betonen die Verantwortlichen der Buchmesse, bei der Einladung Spaniens gehe es weniger um den Nationalstaat als um den Sprachraum. Aber dass das spanische Königspaar diese Messe eröffnet, zeigt doch, auf welchem Sprachraum die Priorität liegt.

Wie sieht das Programm der alternativen Buchmesse inhaltlich aus?

Wir haben verschiedene Themen, die in Vorträgen, Diskussionen und Lesungen bearbeitet werden, etwa die Kontinuität des Franquismus in Polizei, Staat und Justiz. Viele Strukturen blieben nach der Diktatur und verhindern die Aufarbeitung der Verbrechen des Franco-Regimes. Spanien hat nach Kambodscha weltweit die meisten Toten in Massengräbern, was bis heute kaum untersucht ist. Es gibt viele Facetten von Repression nach der Diktatur. Etwa den schmutzigen Krieg im Baskenland, in dem Aktivisten verschwanden und von paramilitärischen Gruppen ermordet wurden. Bis in die 2000er Jahre wurde dort systematisch gefoltert, an wirklichem Aufklärungswillen fehlt es bislang. Dann gab es mit dem »Ley Mordaza«, dem sogenannten Maulkorb-Gesetz, den Versuch, durch Einschränkung von Versammlungs- und Meinungsfreiheit die Demokratiebewegung zu zerschlagen. Aktivisten, aber auch Künstler wie die beiden katalanischen Rapper Valtònyc und Pablo Hasél, werden strafrechtlich verfolgt, zum Beispiel wegen Majestätsbeleidigung. Über diese und weitere Themen werden wir uns austauschen.

Ein grundlegender Konflikt in den drei Regionen liegt in der Sprache begründet. Wie zeigt sich das in der spanischen Kulturpolitik?

Der spanische Staat betont bei der Buchmesse gerne die Sprachenvielfalt auf seinem Territorium. Im alltäglichen Leben, der Bildungspolitik, Veröffentlichungen in Film und Literatur wird aber Spanisch gefördert. Die Begründung ist, dass man ein größeres Publikum erreiche und damit mehr Umsatz generiere. Der politische Wille der Regionalparlamente ist bisher nicht groß genug, um den regionalen Sprachen in bestimmten Kulturbereichen wie TV und Kino mehr Raum zu geben. Für viele ist es bequemer, im Alltag Spanisch zu sprechen. Das erfolgreiche katalanische Immersionsmodell, das Chancengleichheit für alle Schülerinnen und Schüler auf der Ebene der Sprachenvielfalt zum Ziel hat, wurde vom obersten Spanischen Gerichtshof gekippt. Letztlich führen diejenigen, die Minderheitensprachen sprechen, einen ständigen Kampf dafür, sich in der eigenen Sprache ausdrücken zu können.

Carolin Breinker ist aktiv in der Initiative »Beyond Spain«

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