75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 30. November 2022, Nr. 279
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 12.10.2022, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Schmerzen unter dem Experiment

Wagners »Ring des Nibelungen« an der Staatsoper Berlin
Von Andreas Hahn
11.jpg
»Und doch, alle Eide, alle Verträge, – die treueste Liebe – trog keiner wie er!«

»Der Traum ist stärker als das Experiment«

Gaston Bachelard, »Psychoanalyse des Feuers« (1937)

Man könnte glauben, viel Schutt wäre lange schon weggeräumt, man hätte schon so einiges gesehen und dürfte sich auch ruhig mal wieder zurücklehnen. Aber am »Ring« kommt letztlich niemand unbeschadet vorbei. Das verhält sich mit der neuen Produktion an der Berliner Staatsoper nicht anders. Nach festlichem Bayreuther Vorbild wurde die Tetralogie Anfang Oktober innerhalb einer Woche aufgeführt, das matte »Rheingold« am 2.10., »Die Walküre« (der Kern des Ganzen) am Nationalfeiertag, traditionell der Saisoneröffnungstag der Staatsoper, ein erschöpfender »Siegfried« am Donnerstag, die erlösende »Götterdämmerung« am Sonntag. Das Unternehmen war zudem als Präsent für Generalmusikdirektor Daniel Barenboim zu dessen 80. Geburtstag am 15. November gedacht. Barenboim ist jedoch seit einiger Zeit erkrankt, für ihn sprang symbolträchtig sein mutmaßlicher Nachfolger Christian Thielemann als Dirigent ein. Die Herausforderung an Mensch und Theatermaschine war groß, die Vorzeichen dabei nicht unbedingt günstig. Von seinem Berliner Publikum gefeiert wurde am Ende immerhin Thielemann für seine zwischen brutaler Verschleppung und lautstarkem Bombast wechselnde musikalische Konzeption.

Instrument der Erkenntnis

Die Zeiten haben sich nicht geändert. Überlebensgroß, lächerlich, ambitioniert, durchgeknallt und selbstverständlich unheilbar schwierig sind Richard Wagners Konzeptionen geblieben. Zum Unglück seiner Nachfahren hatte er selbst nicht gerade wenig Stoff notiert und publiziert, wie man das alles zu denken und zu erfahren habe. Marketing in eigener Sache war ja nicht unbedingt Wagners Schwäche – dementsprechend war eine gewisse Marktschreierei dann auch genau der Vorwurf, der ihm von ihm in Hassliebe verbundenen Kritikern wie Nietzsche oder Adorno auf verschiedenen Ebenen gemacht wurde.

Als im Herbst 1980 Michel Foucault nach Bayreuth reiste, um dort die fünfte Spielzeit der zum 100. Jubiläum der Festspiele 1976 konzipierte Produktion seiner Weggefährten Pierre Boulez und Patrice Chéreau mitzuerleben, vermutete er anhand der Auslagen der Bayreuther Buchhandlungen, dass abgesehen von Jesus Christus wohl niemandem alljährlich eine umfangreichere Bibliographie gewidmet sei als eben Wagner. So eine überwältigende Last bringt ihre Schwierigkeiten mit sich, nicht zuletzt für die Aufführungspraxis. »Wenn es den ›Ring‹ nicht gäbe, hätten die Regisseure ein leichteres Leben«, schrieb Foucault. Und lobte Chéreau, der sich der Aufgabe gewachsen zeigte, die eklektische Wagner-Mythologie als eine Bildwelt des 19. Jahrhunderts zu rekonstruieren, »die Wagner ohne Zweifel mit Bakunin, Marx und Dickens, mit Jules Verne und Böcklin, mit den Erbauern der Fabriken und der bürgerlichen Palais, den Illustratoren von Kinderbüchern und den Verfechtern des Antisemitismus teilte.«

Anders gesagt, der »Ring« ist eine Folge szenischer Allegorien, eine Reihe Verkörperungen von allerhand Gedanken zu Geld und Sex, Alter und Klasse, Vertrag und List, Hausbau, Wald und Feuer usw. Die Allegorie oszilliert stets zwischen Willkür und Konventionalität, Anschaulichkeit und Rätsel. Der Musik wiederum hat Wagner die heroisch programmatische Aufgabe zugewiesen, dem immer einen Augenblick zu spät rätselnden Gedanken nicht einfach illustrierend auf die Sprünge zu helfen, sondern tatsächlich zu vergegenwärtigen. Sie ist nicht Signal, sondern Instrument der Erkenntnis (das Zukunftsweisende der Konzeption).

Und um ein Erkenntnisinteresse bzw. die Allegorie seines Scheiterns scheint es der Inszenierung und dem Bühnenbild von Dmitri Tschernjakow dann auch vornehmlich zu gehen. Im Programmheft zitiert man sich mit einer Briefstelle Wagners an Malwida von Meysenbug einen Vorrang des »Experiments« herbei: »Ich kann nicht leugnen, dass ich (…) selbst dabei im Spiele bin, um Schmerzen aller Art unter dem Experiment zu empfinden.« (20.5.1860)

Das Bild des 19. Jahrhunderts, wie es sich hier darstellt, ist eines des Experiments. Nicht nur naturwissenschaftlich und künstlerisch, sondern psychologisch wie physiologisch. Geprüft wird buchstäblich die Schmerztoleranz. Wie beim Leistungsport. Zufällig stirbt Siegfried – sehr sportiv: Andreas Schager – dann in der »Götterdämmerung« auf einem Basketballfeld in entsprechendem Dress – den Basketballsport gibt es ungefähr seit den 1890ern. Das Bühnenbild dieses Rings besteht aus einem auf einer beweglichen Drehbühne angebrachten dreistöckigen Bau, der ein Verhaltungsforschungsinstitut mit dem Firmensignum E.S.C.H.E. darstellen soll. Man sieht wiederholt den Grundriss des Instituts als Vorhangersatz oder irgendwelche Schaltpläne. In diesem Institut gibt es ein Stresslabor, in dem zu Beginn des Rheingolds Alberich (ein inspirierter Johannes Martin Kränzle) angeschnallt ist, während er den Rheintöchtern das Gold entwendet und die Liebe verflucht. Der Kreis schließt sich, wenn in diesem Labor in der »Götterdämmerung« der tote Siegfried auf der Bahre liegt. In einem Zwischenstockwerk befinden sich Käfige für die (noch lebendigen) Versuchskaninchen. Zwischenzeitlich schaltete sich tatsächlich der Tierschutz ein – die Staatsoper gelobt Besserung.

Ein großes Fass

Im »Rheingold« ist dieses Institut anhand von Einrichtungsgegenständen und Kostümen noch ungefähr in den frühen 1970ern angesiedelt, das verläuft sich dann später irgendwie in unbestimmter Gegenwart. Es dient wechselweise auch als Konferenzraum, Zweizimmerapartment, Altersheim (der Lauf der Zeit) und Irrenhaus (Schicksal). Viele rätselhafte Details tauchen auf und verschwinden ebenso willkürlich wieder. Wie großspurig und vielgestaltig dieses Drehbühnenbild auf den ersten Blick auch scheinen mag, kann es letztlich seine Verwandtschaft mit den modernen Wohnküchen des Boulevardtheaters der letzten zehn Jahre nicht leugnen. Es sind entsprechend kindische und hämische Brutalitäten, die im Kleinen wie Großen diese Ringinszenierung ausmachen – etwa der lakonische, hässliche Wink, mit dem Siegfried Brünnhilde bedeutet, sich jetzt mal kurz freizumachen.

Man hat offensichtlich ein großes Fass des Experiments aufmachen wollen. Das Fass war aber aus sehr dünnen Brettern gezimmert und ließ sich auch rasch wieder hinausrollen. Das geschieht am Ende der »Götterdämmerung« auch, wenn Brünnhilde (eine allem Unbill trotzende Anja Kampe) auf einer völlig leergeräumten Bühne steht und statt brav auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen, heimkehrt zu Muttern (»enden sah ich die Welt«). Das die Schlussakte der Tetralogie auf die eine oder andere Weise ja bestimmende Feuer wurde zuvor stets noch mit dem Anzünden von Zigaretten angedeutet. Auch davon am Ende kein Stummel mehr.

Der komplette Ring-Zyklus wird erneut gegeben am 15., 16., 20. und 21.10.2022

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Gute Frage: »What do you mean?«
    04.07.2022

    Die Ziege im Raum

    Gefangen im Übergang: Susanne Kennedys Inszenierung der Oper »Einstein on the Beach« bei den Berliner Festspielen
  • Wenn Plastik tötet
    13.06.2022

    Kaltes blaues Licht

    Nachhaltig schwätzen: Mit »Ocean« begann die Reihe »Sustainable Listening« im Apollosaal der Staatsoper Unter den Linden in Berlin

Regio:

Mehr aus: Feuilleton

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk