75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 30. November 2022, Nr. 279
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 12.10.2022, Seite 10 / Feuilleton
Kino

Beruf: Reporter

Über die Märchenstunde der Wahrheit in Michael »Bully« Herbigs Spielfilm »Tausend Zeilen«
Von Felix Bartels
10.jpg
Ein Sieg der Einbildung über das Bild – gefilmter Qualitätsjournalismus

Es wär wohl übertrieben, hier Absicht zu vermuten. Da läuft ein Film, der von der Macht der Fiktion handelt und zugleich überfrachtet ist mit Diktion. Diegese schlägt Mimesis, ein Sieg der Worte über die Einbildung. Wir sehen die Geschichte einer Lüge, während sogar der Lügner selbst ständig belehrend dagegen anredet. Ein nettes Paradoxon. Michael Herbig derweil, Regisseur dieser »Tausend Zeilen«, scheint kaum begriffen zu haben, was ihm da unter den Fingern entstanden ist. Wie so vieles andere auch nicht.

Der Journalist Juan Romero ­(Elyas M’Barek), der als fester Freier für Europas auflagenstärkstes Magazin Die Chronik arbeitet, erhält den Auftrag, gemeinsam mit dem Starschreiber Lars Bogenius (Jonas Nay) eine Reportage über die US-amerikanisch-mexikanische Grenze zu schreiben. Romero begleitet auf der mexikanischen Seite einen Flüchtlingsstrom, Bogenius knüpft auf der amerikanischen Kontakt zu einer Bürgerwehr. Die Sache ist als Titelstory geplant, doch Romero schöpft bald Verdacht. Zu viele Ungereimtheiten findet er in Bogenius’ Berichten, während der sich unbedingter Deckung durch die Chefetage (Jörg Hartmann, Michael Maertens) erfreut. So muss der Underdog Romero auf sich gestellt um die Integrität seines Berufsstands kämpfen.

Wem das zu simpel klingt, zu plakativ, zu vordergründig, der sollte sich vielleicht doch noch den Spaß gönnen, diesen Film zu schauen. Michael Herbig teilt mit Uwe Boll die Entschlossenheit, einer mäßigen Filmkarriere als Unterhalter eine müßige als Erklärbär folgen zu lassen. Und leider kann der gute Mann sich nicht entscheiden, wer er nun sein will: Oliver Stone oder Jacques Tati. Es reicht für beides nicht. Und für die Synthese, einen Adam McKay etwa, dessen Mitteln (Voice-over, Durchbrechen der vierten Wand) Herbig sich geraden Weges bemächtigt, dann erst recht nicht.

Was auch ästhetische Gründe hat. Weder Schnitt noch Score, weder Kamera noch Szenenbild stiften Bleibendes. Lustlos heruntergefilmt, und der Cast eine Katastrophe. M’Barek als erwartbare Fehlbesetzung tut nicht weiter weh; Nay hingegen verdrießt schon, weil man weiß, dass er sich gerade in gebrochenen Rollen oftmals bewährt hat. So äußerlich-fade er den Hochstapler aber spielt, serviert er uns einen Menschen, den man nicht bloß nicht begreift, sondern gar nicht erst begreifen möchte.

Etwas intelligenter als der ganze Rest ist die dramaturgische Konstruktion. Held und Gegenspieler begegnen einander nicht. Ihre Handlungen laufen gegeneinander, doch parallel, und dabei wird Bogenius mondän, gewandt inszeniert, als weltmännischer Citoyen, bei dem selbst das lässig fallende, halb geknöpfte Hemd wie maßgeschneidert sitzt, stets wie gemalt mit dem Weinglas im Apartment, dem Laptop auf der Dachterrasse, dem Dreiteiler bei der Gala. Auf der anderen Seite der durch Familie und Geldsorgen belastete Schnüffelreporter Romero, unrasiert, verschwitzt, im fleckigen Shirt, dem man stets anmerkt, dass er sich von unten hat hocharbeiten müssen, und der nicht mehr lockerlässt, wenn er einmal auf Fährte ist. Zwei Klischees, die in ihrer Entgegensetzung und strikten szenischen Trennung die nicht zu überbrückende Kluft zwischen Wahrheitsanspruch und Storytelling verkörpern sollen, an der der zeitgenössische Journalismus vermeintlich leidet. Das ist zwar nervtötend bemüht, in diesem Film jedoch der eine Strohhalm, nach dem man noch greifen kann.

Lars Bogenius, dessen Namen wohl das englische »bogus« (»Hochstapelei«, ursprünglich »Geldfälschung«) in Erinnerung rufen soll, ist niemand anderes als der Spiegel-Autor Claas Relotius, während Romero natürlich Juan Moreno meint, eben jenen Journalisten, der den »Fall Relotius« aufgedeckt und 2019 in dem nunmehr verfilmten Buch »Tausend Zeilen Lüge« verarbeitet hat. Doch was erzählt uns dieser Film außer einer hitchcockmäßigen Story eines Mannes, dem die Welt nicht glaubt und der am Ende triumphiert?

Zunächst einmal scheint ein Problem zu sein, dass das Genre nicht klar anvisiert wurde. Dem naheliegenden Vergleich mit »Schtonk!« (1992) hält Herbigs Film nicht stand. Dafür ist er nicht satirisch genug. In die lange Reihe feuerernster Journalismusfilme – »All the Presidents Men« (1976), »Spotlight« (2015) etc. – passt er ebenfalls nicht. Der Vergleich mit einem Meisterwerk wie Aaron Sorkins TV-Serie »The Newsroom« (2012–2014) verbietet sich ohnehin. Es fehlt schlicht an Fallhöhe, und die karikaturhafte Darstellung redaktionsinterner Vorgänge zeigt nur, dass Herbig keine Vorstellung hat, wie ein Magazin entsteht und welches Verständnis Journalisten von ihrer Arbeit haben. Dass es nämlich gerade ihr Idealismus und nicht die schnöde Regentschaft der Verkaufszahlen ist, wodurch sie anfällig werden für diese Masche. Dass auch der Fall Relotius nur möglich wurde, weil ein linksliberales Publikum vorhanden war, das genau diese Sorte Geschichten lesen wollte. Denn es gehört zum Glauben dieses Milieus, dass Fake News und Parallelwelten ausschließlich an den Rändern des politischen Spektrums entstehen. Steve Bannons »flood the zone with shit« war kein Tabubruch, sondern einfach bloß ehrlich. Die Einsicht, dass auch der Spiegel-Leser einen selektiven bis kreativen Umgang mit den sogenannten Fakten pflegt, wäre vor diesem Hintergrund schon ein Fortschritt.

Was die »Tausend Zeilen« statt dessen servieren, ist nicht bloß anstrengend unpolitisch, es hat überhaupt keine gesellschaftliche Dimension, sofern man nicht das bisschen Publikumsbeschimpfung am Ende dafür halten möchte. Ihr wollt es doch selbst, sagt Bogenius (natürlich direkt in die Kamera), wenn ihr die Wahl habt, wählt ihr nicht die Wahrheit, sondern die Story. Das ganze Dilemma des Films läuft in diesem Schluss zusammen. Dessen Verständnis davon, wo Fake beginnt und Journalismus aufhört, ist von muffiger Einfalt. Wahrheit ist mehr als akkurates Zitieren, mehr als Abwesenheit von Lüge und Ornament. Zurück bleibt somit bloß der Glaube, dass mit dem Medienbetrieb wieder alles in Ordnung ist, sobald die schwarzen Schafe entfernt wurden. Die Schwäche aber, sein Thema weder intellektuell noch politisch durchdrungen zu haben, gleicht der Film mit einer aufdringlichen Didaktik aus, die selbst dann noch enervierend wäre, wenn tatsächlich etwas dabei rumkäme.

»Tausend Zeilen«, Regie: Michael Herbig, BRD 2022, 93 Min., bereits angelaufen

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Mehr aus: Feuilleton

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk