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Aus: Ausgabe vom 11.10.2022, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Ukraine ohne Strom

»Vergeltung für Terrorakt«: Russland greift landesweit Energieinfrastruktur an. G7-Treffen angesetzt, BRD liefert Luftabwehrsystem
Von Reinhard Lauterbach
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Das Zentrum Kiews wurde am Montag morgen mit Raketen beschossen, Russland wollte Kommandozentralen ins Visier nehmen

Mit heftigen Raketenangriffen auf ukrainische Städte hat Russland am Montag auf die Beschädigung der Krim-Brücke durch einen Anschlag am Sonnabend reagiert. Die Angriffe verteilten sich über das ganze Land – nach Angaben des russischen Präsidenten Wladimir Putin zielten sie auf Energieinfrastruktur sowie militärische Kommando- und Kommunikationseinrichtungen. Erstmals seit längerer Zeit wurden auch Städte im Westen der Ukraine wie Lwiw, Luzk und Schitomir getroffen. Das ukrainische Verteidigungsministerium sprach am Vormittag von über 80 abgefeuerten Raketen; die eigene Luftabwehr habe etwa die Hälfte davon abgeschossen, bevor sie ihre Ziele erreicht hätten. Der Vertreter des ukrainischen Präsidenten im Parlament, Andrij Gerus, warnte vor einem »der schwersten Abende« für die ukrainische Energieversorgung. In einigen Regionen werde es gar keinen Strom geben, in anderen werde nach Plan für eine gewisse Zeit der Strom abgestellt.

In Kiew waren mehrere Raketen im Schewtschenko-Bezirk niedergegangen, der das historische Stadtzentrum umfasst. Nach ukrainischen Berichten befindet sich in der Nähe auch das Hauptquartier des Geheimdienstes SBU. Die zweitgrößte Stadt der Ukraine, Charkiw, war nach Treffern auf die Kraftwerke der Stadt für mehrere Stunden ohne Strom und fließendes Wasser; ähnliches galt auch für die im Westen gelegene Stadt Lwiw. In der Westukraine kam der Zugverkehr zum Erliegen. In Kiew, Charkiw und Dnipro stellte die U-Bahn ihren Betrieb für mehrere Stunden ein; die Stationen dienten als Luftschutzbunker. Der ukrainische Regierungschef Denis Schmigal sagte, einige Gebiete seien von der Außenwelt abgeschnitten. Er rief die Bürger auf, sich auf weitere Ausfälle von Stromversorgung, Wasser und Mobilfunk einzustellen. Allein in Kiew kamen durch die Angriffe nach Angaben der Stadtverwaltung acht Menschen ums Leben, etwa 50 seien verletzt worden.

Russland bezeichnete die Angriffe als Vergeltung für den »Terrorakt« gegen die Krim-Brücke. Dies sei nicht der erste von ukrainischer Seite gewesen, erklärte Putin. Zuvor habe es mehrere Versuche gegeben, das AKW bei Kursk sowie die am Boden des Schwarzen Meeres verlaufende Gasleitung »Turkish Stream« anzugreifen. Putin kündigte weitere »harte Antworten« an, falls die Ukraine weiterhin Ziele in Russland angreifen sollte.

Kiew gab den Terrorismusvorwurf an Moskau zurück. Präsident Wolodimir Selenskij sagte, Russland habe mit den Angriffen mitten im morgendlichen Berufsverkehr maximal viele Menschen töten wollen. Am Vormittag telefonierte er mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron und Bundeskanzler Olaf Scholz. Von Macron verlangte er weitere Luftabwehrsysteme, Scholz kündigte auf Bitten Selenskijs für diesen Dienstag ein Sondertreffen der G7-Staaten an, bei dem der Präsident zugeschaltet werde. Aus Berlin hieß es weiter, »das erste von vier hochmodernen IRIS-T SLM Luftverteidigungssystemen« stehe zur Lieferung in den kommenden Tagen bereit.

Derweilen stellt sich die Ukraine auf eine mögliche neuerliche russische Offensive von Belarus aus ein. Die Armeeführung teilte mit, man habe alle Brücken im Grenzgebiet zum Nachbarland gesprengt und Straßen vermint. Zuvor hatte Präsident Alexander Lukaschenko die Aufstellung einer gemeinsamen russisch-belarussischen Militäreinheit angekündigt. Sie solle »die westlichen Grenzen des Unionsstaates schützen«, so Lukaschenko in Minsk. Er warf seinerseits der Ukraine Angriffsvorbereitungen gegen sein Land vor.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (11. Oktober 2022 um 18:31 Uhr)
    Es wird Zeit, dass auch bei uns der Strom ausfällt. Liebe Leute, lasst Euch von unserer kriegstreiberischen Regierung nicht auf Kriegskonformität festnageln, sondern verweigert Habeck den Gehorsam und duscht (wenn ihr es bezahlen könnt) lang und ausgiebig warm und sorgt auch ansonsten für Strom- und Gasverschwendung. Bitte! Erst wenn bei uns alles zusammenbricht, kommt ja vielleicht irgendein mit Restverstand begabter Politiker doch noch auf die Idee, dass man den Ukraine-Krieg auch ganz leicht beenden könnte, statt ihn ständig mit neuen Waffenlieferungen weiter zu befeuern. Dafür braucht es zunächst nur eins: Dem Gerede von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auch Taten folgen zu lassen und den Grundsatz »Gleiches Recht für alle« in die Praxis umzusetzen. Wer die Sezession des Kosovo unterstützt hat, sollte konsequenterweise auch die Sezessionen der diversen ukrainischen Regionen nicht behindern. Dazu ist es zweitens erforderlich, der Ukraine den Grundsatz »Gleiches Recht für alle« mit derselben Penetranz zu vermitteln, mit der man von Russland den Gehorsam gegenüber dem westlichen Diktat erzwingen will. Innerhalb von zwei oder drei Tagen könnten die Waffen zum Schweigen gebracht werden.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (11. Oktober 2022 um 11:34 Uhr)
    Tatsächlich hat Russland ein Problem: Wie und wann wird Selenskij fallen lassen? Putin könnte zwar, aber darf ihn nicht vernichten, weil damit Selenskij ein Nationalheld wäre. Moskau könnte abwarten, wann der Westen die Ukraine und damit auch ihn fallen fallen lassen wird, oder eventuell der Präsident von seinem eigenen Volk verjagt wird. Seine Offshore-Geschäfte waren schon vor dem Krieg in den Pandora-Papers bekannt. Der kommenden Winter wird zeigen, ob die Ukraine mit ihrer Weststrategie, den bestehenden Kriegszustand überleben kann. Ich bin der Meinung, alle weiteren Waffenlieferungen und Kampfhandlungen schaden der Bevölkerung im kommenden Winter.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (10. Oktober 2022 um 21:11 Uhr)
    Psychopath Selenskij tut das, was er am besten kann und das ist schmuddelige Propaganda verbreiten. Man sollte nie von sich, auf andere schließen. Die Mörder der eigenen Landsleute sitzen in Kiew. Russland hat mit massiven Raketenschlägen gegen Infrastruktur und Militäreinrichtungen agiert. Dass dabei auch Menschenleben zu beklagen sind – die US-Amis würden Kollateralschäden dazu sagen – ist wohl nicht zu vermeiden. Es sind allerdings im Verhältnis zur Schwere der Angriffe wenige. Die Angehörigen dürfen sich bei ihrem Marionetten-Präsidenten und seinen Helfershelfern im westlichen Ausland beklagen. Dieser hat durch seine von ihm befohlenen terroristischen Aktionen gegen Russland den Vergeltungsschlag provoziert.

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