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Aus: Ausgabe vom 10.10.2022, Seite 16 / Sport
Olympische Spiele

Ab in die Wüste

Schnee ist nicht das Problem: Saudi-Arabien richtet die Asien-Winterspiele 2029 aus
Von Gabriel Kuhn
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Schnee von morgen: Trojena-Gebirge in Saudi-Arabien

Die neunten Asien-Winterspiele finden 2029 in Saudi-Arabien statt. Das entschied das Asiatische Olympische Komitee Anfang Oktober bei seiner Generalversammlung in Phnom Penh. Wie soll das gehen?

Heute geht fast alles. Schauplatz der Wettkämpfe soll das Trojena-Gebirge sein, das etwa 50 Kilometer östlich vom Golf von Akaba bzw. 100 Kilometer südlich der jordanischen Grenze liegt. Die Wettkampfstätten liegen zwischen 1.500 und 2.600 Meter überm Meeresspiegel, die Temperaturen können im Winter unter den Gefrierpunkt fallen, zumindest nachts. Schnee gibt es trotzdem keinen, schließlich befindet man sich in der Wüste. Doch auch im Alpinzentrum Xiaohaituo, wo im Februar 2022 die Skirennen der Olympischen Winterspiele in Beijing ausgetragen wurden, ist es staubtrocken. Und wenn Südtiroler Unternehmen, die auf die Produktion von Kunstschnee spezialisiert sind, in China weiße Bänder in die Landschaft zaubern können, dann können sie das in Saudi-Arabien schon lange.

Momentan fehlen im Trojena-Gebirge jedoch nicht nur Schnee und Wettkampfstätten, es gibt dort so gut wie gar nichts. Aber dafür jede Menge Pläne. Rund um das Gebirge soll in den nächsten Jahren die Megastadt Neom entstehen, auf einer Fläche von 26.500 Quadratkilometern, was fast der Größe Belgiens entspricht. Herzstück ist »The Line«, eine Bandstadt für neun Millionen Einwohner, die aus einem einzigen, 170 Kilometer langen Gebäude mit unterirdischer Hochgeschwindigkeitsbahn bestehen soll. Trojena ist Neoms Abenteuer- und Erholungsgebiet: Skifahren, Wellness, Kulturprogramm, alles dabei. Kostenpunkt: 500 Milliarden Euro.

Wie man solche Projekte heutzutage vermarktet, wissen natürlich auch die Saudis. Die gesamte zur Verwirklichung notwendige Energie soll aus erneuerbaren Quellen kommen: Sonne, Wind und Wasserstoff. Wie es mit den Wasserressourcen aussieht, nicht zuletzt für den Kunstschnee in Trojena, bleibt unklar.

Dass Sportveranstaltungen Teil des Plans sind, überrascht kaum. »Sportswashing« ist im Arabischen Golf seit Jahren ein Thema. Autoritäre Regime wollen von internen Problemen und Widersprüchen ablenken, sich modern und innovativ zeigen, ausländisches Kapital anziehen und die eigene Marke stärken. Unter dem neuen Kronprinzen Mohammed bin Salman unternimmt Saudi-Arabien diesbezüglich besondere Anstrengungen, denn der Konkurrent Katar hat im Moment die Nase vorne. Die Fußball-WM der Herren, die dort am 20. November eröffnet wird, ist das beste Beispiel. Doch Saudi-Arabien holt auf. Einen Formel-1-Grand-Prix und Etappen der Rallye Dakar hat man schon, die Fußballverbände Spaniens und Italiens lassen ihre Supercup-Spiele (Meister gegen Pokalsieger) dort austragen, und die hochdotierte LIV-Tour der Golfer spaltet gerade die Sportwelt. 2034 werden die Asien-Sommerspiele in der saudischen Hauptstadt Riad ausgetragen.

Mit Winterspielen in Saudi-Arabien hat trotzdem kaum jemand gerechnet. Der in den USA geborene Fayik Abdi nahm 2022 als erster saudischer Athlet an Olympischen Winterspielen teil und belegte im Riesenslalom einen beachtlichen 44. Rang. Anlässlich der Vergabe der Asien-Winterspiele an Saudi-Arabien meinte er: »Ich hatte nie gedacht, dass ich in meinem Heimatland Ski fahren könnte.« Der Bewerbung Saudi-Arabiens schadete nicht, dass es keine Konkurrenz gab. In Ermangelung anderer williger Veranstalter werden die Asien-Winterspiele 2029 die ersten seit 2017 sein. Damals fanden sie zum dritten Mal im japanischen Sapporo statt.

Die Reaktionen der europäischen Presse zu Winterspielen in Saudi-Arabien fielen deutlich aus. »Der Irrsinn hat einen Namen«, titelte T-online, und die Süddeutsche Zeitung erklärte: »Nein, das ist kein Witz.« Unter die Empörung mischte sich auch Chauvinismus. Der frühere Weltklasse-Skispringer und heutige TV-Experte Sven Hannawald verglich die Asien-Winterspiele in Saudi-Arabien mit den Olympischen Winterspielen in China: »Die wussten ja gar nicht, was wir da machen, wie Wintersport geschrieben wird. Und jetzt kommen solche Dinge wieder hoch.«

Bei aller Empörung wird ein wichtiger Aspekt gerne übersehen: Rennen an Orten wie dem Trojena-Gebirge stehen für die Zukunft des Skisports, will er überhaupt eine haben. Auch in den europäischen Alpen, immer als heile Welt des Skisports gepriesen, können schon seit gut 30 Jahren keine Rennen mehr ohne Kunstschnee stattfinden. Und in weiteren 30 Jahren wird es auch die nicht mehr geben, weil es zu warm sein wird, um selbst Kunstschnee zu produzieren. Gut möglich, dass man bis dahin Substanzen entwickelt hat, die Skifahren ganz ohne Schnee erlauben, etwa ein Kunststoffgranulat mit schneeähnlichen Eigenschaften. Aber ob das so viel authentischer sein wird als Skifahren in Saudi-Arabien, ist fraglich.

Dass hier oft mit zweierlei Maß gemessen wird, zeigte auch der europäische Aufschrei, als im November 2021 der Internationale Skiverband FIS erstmals offizielle Rennen in der Skihalle des Einkaufszentrums »Mall of the Emirates« in Dubai abhielt. Auch hier prägten Begriffe wie »Wahnsinn« die europäische Berichterstattung. Dabei werden auch in europäischen Skihallen FIS-Rennen veranstaltet, unter anderem im Alpincenter Hamburg-Wittenburg. (Die größte Skihalle Europas liegt zehn Autominuten von Aachen entfernt im niederländischen Landgraaf, wo auf 35.000 Quadratmetern gefahren wird. Skihallen in China sind bis zu 90.000 Quadratmeter groß.)

Als letztes natürliches Rückzugsgebiet der Skiindustrie werden bald die letzten verbliebenen Gletscherregionen dienen, deren Erschließung jedoch genausowenig Umweltpreise verdient wie künstlich angelegte Skigebiete in der Wüste der Arabischen Halbinsel.

In jedem Fall wird Skifahren nirgends mehr Volkssport sein, sondern nur noch dem Vergnügen einer globalen Elite dienen, die sich dieses nicht von sozialen oder ökologischen Bedenken nehmen lassen will. Lieber tut man so, als würde der technische Fortschritt alles richten. In diesem Sinne sind die Asien-Winterspiele in Saudi-Arabien 2029 nichts anderes als ein Zeichen unserer Zeit. Anstatt seinen Ärger auf »korrupte Wüstensöhne« zu konzentrieren, darf man sich gerne selbst an der Nase nehmen.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Carsten G. aus Leipzig (10. Oktober 2022 um 16:18 Uhr)
    Vielen Dank für den wichtigen Beitrag über diesen »Wahnsinn«. Nebenbei aber doch eine kleine geographische Anmerkung: Das »Alpincenter Hamburg-Wittenburg« ist keineswegs ein Stadtteil von Hamburg (wie die Namenswahl suggerieren soll – und beim Autor offensichtlich auch geschafft hat); sondern liegt im Landkreis Ludwigslust-Parchim und ist von Hamburg aus über die A24 zu erreichen, nachdem man fast 80 Kilometer mit dem Kfz durch Teile von Niedersachsen & Mecklenburg gefahren ist …

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