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Aus: Ausgabe vom 10.10.2022, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Bejubelte Explosion

Mutmaßlicher Anschlag auf Krim-Brücke: Kiew feiert zunächst, verdächtigt später Moskau der Urheberschaft
Von Reinhard Lauterbach
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Pünktlich zur Explosion auf der Krim-Brücke präsentierte die ukrainische Post eine Sonderbriefmarke (Kiew, 8. Oktober)

Nach dem mutmaßlichen Anschlag auf die Brücke zwischen dem russischen Festland und der Halbinsel Krim am frühen Sonnabend morgen ist weiterhin unklar, wer hinter der Aktion steht. Zwei wichtige US-Medien, die New York Times und die Washington Post, berichteten jeweils unter Berufung auf hochrangige ukrainische Regierungsvertreter, der Kiewer Geheimdienst SBU habe die Aktion zu verantworten. Eigentlich hätte sie schon einen Tag früher, zum 70. Geburtstag Wladimir Putins am 7. Oktober, durchgeführt werden sollen.

Die Ukraine änderte im Laufe des Wochenendes ihre Darstellung um 180 Grad. Am Sonnabend hatte Präsidentenberater Michailo Podoljak noch gepostet, die Explosion sei »erst der Anfang« gewesen, und »alles Gestohlene« müsse zurückgeholt sowie »alles Illegale zerstört« werden. Andrij Melnyk, Kiews scheidender Botschafter in der BRD, feierte auf Twitter unverhohlen und schrieb »Shaka laka boom boom. Die Befreiung der Krim beginnt. JETZT«. Später erklärte Podoljaks Kollege Olexsij Arestowitsch am Abend, die Explosion sei vom russischen Geheimdienst FSB selbst inszeniert worden. Ziel sei es gewesen, die russische Militärführung unter Druck zu setzen, um Leute des Geheimdienstes an die Spitze des Militärs zu setzen. Das Problem an der Darstellung ist, dass das Verteidigungsministerium bisher nur für die Abwehr von Angriffen auf die Brücke von See aus – also eine Situation, die am Sonnabend nicht vorlag – zuständig war, für den Schutz gegen Luftangriffe war die dem Innenministerium unterstehende Nationalgarde zuständig, und für die Sicherung des Landzugangs, die hier versagt hat, das Verkehrsministerium. Der FSB hatte damit ursprünglich nichts zu tun und wurde erst nach dem Anschlag durch einen Putin-Erlass federführend für die Gesamtverteidigung der Krim-Brücke.

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Schwarzer Rauch steigt von der Brücke von Kertsch auf, die die Krim mit Russland verbindet

In Russland wurden inoffiziell auch Versionen verbreitet, wonach der Anschlag das Werk eines westlichen Geheimdienstes gewesen sein müsse: dafür spreche, dass die Explosion genau in dem Augenblick ausgelöst worden sei, als der Sprengstoff-Lkw auf der Höhe des mit Treibstoff beladenen Güterzugs war. Um das zu bewerkstelligen, brauche man Satellitenbilder in Realzeit, die die Ukraine nicht habe. Offiziell hat Russland sich mit Stellungnahmen zu dem Vorfall bisher zurückgehalten. Nur die Außenamtssprecherin Marija Sacharowa sagte, es zeige sich das »terroristische Wesen des ukrainischen Staates«. Der Geheimdienst der Ukraine selbst lehnte einen Kommentar ab. Dies werde »erst nach dem ukrai­nischen Endsieg« geschehen, sagte ein Sprecher dem regierungskritischen Portal Strana.news. Für eine Mitwisserschaft der ukrai­nischen Regierung spricht, dass noch am Samstag die ukrai­nische Post eine Sonderbriefmarke mit dem Motiv der explodierenden Brücke präsentierte.

Bei dem Anschlag waren am frühen Sonnabend morgen mindestens fünfMenschen getötet worden. Ein vom Festland kommender Sattelschlepper ging exakt in dem Augenblick in Flammen auf, als er auf der parallel zur Autobahn verlaufenden Eisenbahnbrücke einen Treibstoff transportierenden Güterzug passierte. Sieben Waggons des Zugs wurden zerstört, und die Fahrbahn Richtung Krim stürzte auf einer Länge von etwa 250 Metern ein. Am Abend nahm die Eisenbahn den Verkehr wieder auf, und auf der Fahrbahn zum Festland wurden Pkw wieder durchgelassen. Lkw hingegen müssen bis auf weiteres die reaktivierten Fähren benutzen.

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  • Leserbrief von Yorgui Hartmann aus Lohr (12. Oktober 2022 um 12:51 Uhr)
    Es ist heute alles so wie es schon Hermann von Gerlach oder Kurt Hiller zu berichten wussten – vor und zwischen und während dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Mit dem Unterschied, dass die Vorkriegspsychosen und die Greuelpropaganda (»Gehirnseuche«) noch ’ne ganze Ecke dämlicher sind als damals, nämlich derart dämlich, dass es nur noch George Grosz adäquat bezeichnen könnte … Man muss nur die Rückseite des Buches »Die große Zeit der Lüge« von H. v. Gerlach (Donat Verlag), lesen.
  • Leserbrief von Holger K. aus Frankfurt (10. Oktober 2022 um 16:05 Uhr)
    Die Explosion auf der Krim-Brücke war wohl nur möglich, weil in Moskau gar zu viele Dilettanten im Einsatz sind. Wie kann es denn anders zu erklären sein, dass bedingt durch lasche Kontrollen diese verbrecherische Tat erst ermöglicht wurde? Es versteht sich eigentlich von selbst, dass gerade für diese Brücke strengste Kontrollen unerlässlich sind, wenn man bedenkt, welche tollwütige Feinde Russlands »unterwegs« sind. Man hat in Moskau wohl an eine Raketenabwehr gedacht sowie wohl evtl. Schiffsangriffe. Darüber hinaus gab es allerdings keinen Plan B, der weitere Anschlagsmöglichkeiten einbezieht. Davon mal abgesehen, stellt sich die Frage, ob eine Untertunnelung hin zur Krim eine Alternative zur Brücke gewesen wäre.
  • Leserbrief von Eugen Biedermann aus Hundsbach (10. Oktober 2022 um 14:12 Uhr)
    … zumindest habe ich junge Welt abonniert. Hier gibt es Leute, die sich ihr Herz und Verstand, trotz des Elends dieser Zeiten, bewahrt haben. Die Dinge nehmen ihren Lauf … bis zur Katastrophe. Was soll man zu dem Ganzen noch sagen? Aus ferner Vergangenheit höre ich die Stimme Hermann L. Gremlizas, der mal sinngemäß schrieb, dass sich die Kapitalisten und ihr politisches Personal sich nicht von Menschen von der Macht vertreiben lassen, die mit Kerzen um Kirchen laufen. Anstatt eine Welt einzurichten, die für alle Menschen erträglich und lebenswert ist, scheint man alles mit in den Abgrund reißen zu wollen! Ist das alles Dummheit oder Kalkül? Ist die herrschende Klasse bereit Milliarden von Menschen zu verdampfen und dann mit den Überlebenden weiter zu wirtschaften wie bisher? Durch den nuklearen Winter würde sich auch das Klima abkühlen. Gibt es solch ein perfides Denken? Oder sind die Verantwortlichen weißen alten Frauen und Männer von ihrer Macht so benebelt, dass sie meinen alles im Griff zu haben? Hier fühlt man sich wenigstens nicht allein. Danke für die Briefe!
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (10. Oktober 2022 um 12:59 Uhr)
    Das Plakat der Briefmarke wie auch die unter ukrinform.de recherchierbare tatsächliche Sonderbriefmarke zur Explosion auf der Krim-Brücke zeigen ein anderes, von der Realität abweichendes Bild des Anschlags, der offenbar näher an den bekannten Bögen der Schiffsdurchfahrt hatte stattfinden sollen als es tatsächlich am Ende der Fall war. Wusste der LKW-Fahrer etwa nicht, an welcher Stelle er den Zug treffen sollte? Wie auch immer: Die Vielzahl der Widersprüche der Kiewer Propaganda klettert erneut ein Stück weit in die Höhe, und die Glaubwürdigkeit der Kiewer Position rutscht spiegelbildlich noch tiefer in den Keller.
  • Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (10. Oktober 2022 um 11:42 Uhr)
    Terroranschläge häufen sich in Europa und treffen uns immer näher. Der alte Kontinent Europa war bis zu Beginn der Neoliberalisierung einmal eine Hochburg der sozialen Ausgewogenheit, eine Ausnahme in der Welt. Seither ist der Teufel los und durch den Raubkapitalismus überall die stabilen gesellschaftlichen Strukturen unterspült worden. Sabotageaktionen, wie der 11. September in New York, auf die Krim-Brücke wurden immer von den Saboteuren bejubelt. Die Angriffe auf die Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee, und die Sabotageattacken bei der Bahn dagegen werden zwar nicht bejubelt, weil sie eindeutig uns alle schaden! Weil eine lückenlose Überwachung alle Infrastruktur nicht zu gewährleisten ist, und weil eine digital vernetzte Gesellschaft extrem verletzlich ist, benötigt es eine prinzipielle internationale Verurteilung und Verfolgung solcher Taten. Das wäre ein erster Schritt, anders als jetzt, wo üblich ist, ein Attentat zu bejubeln. Sogar ein Krieg hat bestimmte Gesetze. Demokratien brauchen Demokraten!
  • Leserbrief von Reinhard Sandrock aus Dresden (10. Oktober 2022 um 09:35 Uhr)
    Was für ein Desaster für Russland. Sind russische Sicherheitskräfte nicht in der Lage, zivile und militärische strategische Einrichtungen zu schützen? Bomben- und Raketenanschläge auf Flugplätze und Munitionsdepots auf der Krim oder im nahen russischen Hinterland, nun auf die Krim-Brücke. Dazu die Rückzüge an verschiedenen Frontabschnitten. Das Chaos erinnert mich an so manche schmerzlichen Niederlagen der Sowjetunion in der Vergangenheit, im sowjetisch-polnischen Krieg 1920, das Winterkriegsabenteuer gegen Finnland 1939, die ersten Monate nach dem faschistischen Überfall im Juni 1941 oder in Afghanistan. Wo bleiben die Heerführer von der Größe eines Shukow oder Konew?
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (10. Oktober 2022 um 06:40 Uhr)
    Die Welt ist in Gefahr, weil hasserfüllte Faschisten außer Rand und Band sind. Russland wird jetzt zu einer Vergeltung genötigt, die denen die Augen öffnet. Bleibt als einzige Hoffnung, dass der »Werte«westen die ukrainischen Faschisten noch im Zaume halten kann. Ansonsten sieht es für den Planeten und uns alle düster aus.
  • Leserbrief von Ronald Prang aus Berlin (10. Oktober 2022 um 00:30 Uhr)
    Merkwürdig, wie sich die terroristischen Anschläge im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg häufen. Erst fliegen zwei, in über 60 Meter Tiefe liegende Erdgaspipelines in die Luft, während US-amerikanische Hubschrauber und Drohnen das betreffende Gebiet unter lückenloser Kontrolle haben. Dann fliegt eine Brücke von Russland zur Krim in die Luft, die ukrainische Post hat die Briefmarke zum Ereignis bereits vorliegen. In beiden Fällen »rätselt« die Welt über die Verursacher. In beiden Fällen steht Russland unter Verdacht. Das passt ja auch genau zum Bild vom »bösen Russen«, dem man einfach alles zutraut. Ich traue Russland vieles zu, aber das sind mir dann einfach zu viele Zufälle, und man verzeihe mir die Frage, sind die bekannten »Friedensengel« von der CIA inzwischen völlig »verblödet«. Unter der ständigen Beobachtung durch alle (!) westlichen Geheimdienste gelingt es den Russen alles geheim zu halten. Die müssen verdammt gut sein, diese Russen. Oder ist etwa der Dilettantismus gleichzeitig bei … Oder haben sie ihre eigenen blutigen Finger mit im Spiel. Jeder, der logisch denken kann, findet die Antwort ganz allein, gut das es einer publiziert. Danke Reinhard.

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