75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Sa. / So., 10. / 11. Dezember 2022, Nr. 288
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Abwegiger Vergleich

Gab es vor 90 Jahren in der Ukraine einen »Hunger-Holocaust«? Eine Antwort des marxistischen Historikers Domenico Losurdo (1941–2018)
3.jpg
Pferdewagen mit Brotvorräten, die von den Bolschewiki der Kolchose Wolna Proletarskoi Rewoljutsi geschickt wurden und das Dorf Alexejewka in der Region Charkow verlassen (1932)

Gelegentlich hat man im Zusammenhang mit der Ukraine von einem »Hunger-Holocaust« gesprochen, von einem Hungertod, der von Stalin absichtlich über ein rebellisches Volk verhängt worden sei. Aber selbst, wenn es so wäre, wäre der Vergleich mit dem Judenmord völlig abwegig. Als Vergleichsfall würde sich höchstens anbieten, was in Irland in den Jahren 1846–1848 geschieht: Infolge einer Krankheit, die die Kartoffelernte zerstört, verliert Irland von einer Bevölkerung von insgesamt neun Millionen 2,5 Millionen, die Hälfte davon durch Auswanderung nach Kanada und in die Vereinigten Staaten, die andere Hälfte durch Hungertod. In dieser fürchterlichen Hungersnot sieht Sir Charles Edward Trevelyan (1807–1886, englischer Kolonialbeamter, jW), von London beauftragt, die Entwicklung der Lage zu verfolgen und zu verwalten, eine »allwissende Voraussehung« am Werk, die auf diese Weise darauf abziele, »in Irland das Problem des Missverhältnisses zwischen Bevölkerung und Nahrungsmitteln« zu lösen. In diesem Sinne wurde der englische Politiker manchmal als ein »Eichmann-Vorläufer« abgestempelt, als Protagonist einer Tragödie, die man als Prototyp der Genozide des 20. Jahrhunderts betrachten könne.

Man sollte sich dagegen in erster Linie die traditionell auf der unglückseligen Insel seitens ihrer Eroberer praktizierte Politik vergegenwärtigen, die, wie wir schon wissen, auf den Hungertod der Rebellen setzten. Die in Amerika gegenüber den Indianern verfolgte Politik kommt einem hier in den Sinn, die nicht umsonst öfter mit der englischen Politik in Irland verglichen wird; und die Erklärungen Trevelyans weisen gewisse Ähnlichkeiten mit der schon zitierten Betrachtung (Benjamin) Franklins (1706–1790, nordamerikanischer Schriftsteller und Politiker, jW) auf, nach der die Ausrottung der Indianer zu den Plänen der Vorsehung gehöre. Zwar nimmt sich der englische Politiker nicht vor, eine ethnische Gruppe zu eliminieren, sondern nur, sie drastisch zu reduzieren, ohne Eingriffe, die über die vom lieben Gott in die Tat gesetzten hinausgingen; bestehen bleibt, dass man die Hungersnot, die ein Volk trifft, das für lange Zeit von den englischen herrschenden Klassen mit den anderen Kolonialvölkern gleichgesetzt wurde, als »von der Vorsehung bestimmt« betrachtet.

Aber nicht einmal der zweite Vergleichspunkt ist angebracht. Irland ist in den Jahren 1846–1848 nicht Schauplatz eines unerbittlichen Bürgerkriegs und die Ukrainer sind nicht Gegenstand einer permanenten Rassisierung. Passender könnte der Vergleich mit den Ereignissen sein, die sich in Indien zwischen 1943 und 1944 abspielten. Nach der japanischen Invasion Birmas befindet sich Bengalen, das sowieso hinsichtlich der Nahrungsmittelversorgung auf Hilfe angewiesen ist, in der Frontlinie. Die britische Militärmacht versucht mit ihrer »Denial policy« (Verweigerungspolitik) angesichts eines eventuellen Vormarschs des Feindes die Lebensmittelvorräte der Region in Sicherheit zu bringen, was zu katastrophalen Folgen für die Zivilbevölkerung führt. Die von amerikanischen Journalisten übermittelten Berichte werden von der Zensur kontrolliert, die darum bemüht ist, jeden Hinweis auf den »Hungertod«, auf den »Hunger«, auf die »Kadaver«, die am Straßenrand zusammenbrechen, zu eliminieren. (…) Zwischen 1943 und 1944 sterben in Bengalen drei Millionen Personen Hungers.

Sollen wir die diesbezüglich von der englischen Regierung eingenommene Haltung mit dem Kampf in Zusammenhang bringen, den sie gegen die Unabhängigkeitsbewegungen geführt hat, und auch in diesem Fall von einem »Hunger-Holocaust« reden? (…) Angesichts des gigantischen weltweiten Zusammenpralls ist der Hunger in Bengalen eine zu vernachlässigende Größe: Die Geringschätzung einer Kolonialbevölkerung und die Verärgerung über deren Unruhe scheinen dabei eine unbedeutende oder bescheidene Rolle gespielt zu haben.

Zu ähnlichen Schlussfolgerungen kann man hinsichtlich der ukrainischen Tragödie gelangen, die sich in einem unbarmherzigen Bürgerkrieg und mitten im zweiten dreißigjährigen Krieg abgespielt hat, mit einer Sowjetunion, die in der Kollektivierung der Landwirtschaft, zu Recht oder Unrecht, den einzigen Ausweg vor einem Konflikt oder einer »Aggression« erblickte, die sie für unmittelbar bevorstehend hielt. Abgesehen von der Ukraine wütet der Hunger ebenso grausam in anderen Regionen Russlands, ohne dass die für den Kriegsfall vorgesehenen staatlichen Getreidevorräte angetastet würden. Die im Februar 1933 verabschiedeten Hilfsmaßnahmen zielen in erster Linie darauf ab, die Aussaat in den vom Hunger betroffenen Gebieten zu gewährleisten, und zwar immer in Erwartung eines neuen internationalen Konflikts.

Domenico Losurdo: Kampf um die Geschichte. Der historische Revisionismus und seine Mythen. Papyrossa-Verlag, Köln 2007, Seiten 262–264

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Ehemalige Zwangsarbeiter der »Sonderaktion 1005« im Lager Lember...
    26.08.2022

    Mord ohne Zeugen

    Im Rahmen der »Aktion 1005« bemühten sich die Nazis, den Massenmord an den Jüdinnen und Juden in Osteuropa zu vertuschen
  • Vor der Erschießung mussten die Kiewer Juden ihren Besitz abgebe...
    29.09.2021

    Rücksichtslos vernichtet

    Babi Jar. Vor 80 Jahren verübten die Nazis in der Nähe von Kiew das größte Massaker des Zweiten Weltkriegs
  • Deutscher Propagandafeldzug: Werbeplakat zum Fußballsp...
    20.03.2012

    Spiel um Leben und Tod

    Geschichte. Das Finale der kommenden Fußballeuropameisterschaft wird in Kiew ­stattfinden. Vor siebzig Jahren gewann dort während der faschistischen Besatzung eine ukrainische Auswahl gegen deutsche Militärmannschaften

Mehr aus: Wochenendbeilage

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk