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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 11 / Feuilleton
Film

Suchende und Traurige

Erinnerung an Wolfgang Kohlhaase
Von Ronald Weber
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Wolfgang Kohlhaase (1993)

Als ich vor gut zehn Jahren an einer Biographie über den DDR-Dramatiker Peter Hacks arbeitete, traf ich mich auch mit Wolfgang Kohlhaase. Der Regisseur zählte in den 1960er Jahren zu Hacks’ Freundes- und Bekanntenkreis und war dem Schriftsteller im Gegensatz zu anderen auch nach dessen Ausfall gegen Wolf Biermann treu geblieben. Kohlhaase gab bereitwillig Auskunft. Mit leuchtenden Augen berichtete der immer noch jugendlich Wirkende, wie er gemeinsam mit Hacks und anderen vor Urzeiten, 1957, in die Sowjetunion gereist war und dort allerhand Allotria getrieben hatte. Früh Mitglied der Schriftstellersektion der Akademie der Künste der DDR hatte er auch an den von Hacks initiierten Arbeitsgruppen teilgenommen. Wie man eine gelungene Exposition schreibt oder ob die schiere Existenz des Sozialismus jede tragische Behandlung eines Stoffes verbiete, solche Fragen interessierten Kohlhaase.

Seine Position war da ganz klar. In der Erzählung »Silvester mit Balzac« hat er sie so formuliert: »Wir wissen manche Erklärung auf die Greuel und Wunder des Jahrhunderts. Und doch konnte man sich fragen, ob die uralten Ängste, die nicht mehr als gesellschaftsfähig gelten, sich nur tiefer in uns verstecken.« Und so sind denn viele der Figuren, die der am vergangenen Mittwoch Verstorbene geschaffen hat, oft Suchende und Traurige, lustige Traurige.

Viel Zeit für unser Gespräch hatte Kohlhaase nicht. Ein Anschlusstermin. Er müsse da etwas auskochen. Der Mann war über 80 und arbeitete noch an Drehbüchern. Die meisten seiner Generation saßen da längst zu Hause, waren auch politisch ins Abseits gestellt worden. Nicht so Kohlhaase, der nie einen Hehl daraus gemacht hatte, dass dem Sozialismus all seine Sympathie gehörte und den die DDR-Aufarbeiter trotzdem in Ruhe gelassen hatten. So schrieb er nach 1990 noch ein paar wunderbare Filme.

Neben diesen ist es vor allem ein Buch, das von ihm bleiben wird – die erstmals 1977 unter dem Titel »Silvester mit Balzac« erschienenen Kurzgeschichten, die seitdem (zuletzt bei Wagenbach) immer wieder neu aufgelegt worden sind. Kohlhaase schildert darin, in beeindruckender Lakonie, präzise beobachtet, exemplarische Lebensläufe des 20. Jahrhunderts. Geschichten wie »Erfindung einer Sprache«, in der ein KZ-Insasse, um zu überleben, einem Kapo ein ausgedachtes Persisch beibringt, oder »Nagel zum Sarg«, die Tragödie einer pflegenden Ehefrau, die zur Mörderin wird, haben erstaunlicherweise keine Patina angesetzt. Tatsächlich gehören sie neben den Novellen Sarah Kirschs zu den besten Kurzgeschichten der DDR.

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