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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 5 / Inland
Energiekrise

Zurück auf Los. Zum Holzdiebstahl in deutschen Wäldern

Von Alexander Reich
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Marx schrieb in der Rheinischen Zeitung vom 25. Oktober 1842, das »Sammeln von Raffholz« sei kein Diebstahl. »Das Volk sieht die Strafe, aber es sieht nicht das Verbrechen.«

Die dpa-Meldung wäre beinahe untergegangen. »Mehr Kontrollen gegen Holzdiebstahl im Wald« war die Überschrift. Als sie am Dienstag über den Ticker ging, fielen mir Raoul Peck und Max Hoelz ein, dazu später.

Dass es in deutschen Wäldern vermehrt zu Eigentumsdelikten komme, belegte die Agentur mit zwei Beispielen. Seit Neujahr seien der Landesforstanstalt Thüringen bereits 1.200 Festmeter Holz gestohlen worden, nach »wenigen Hundert Festmetern in den Vorjahren«. Zum anderen wurde Sabine Schorr vom saarländischen Umweltministerium mit der weiterführenden Bemerkung zitiert, zu Diebstählen komme es »insbesondere bei knappen Gütern, das sehen wir auch im Wald«. Schorrs Androhung verstärkter Kontrollen ergänzte die Agentur mit dem nicht nur technischen Hinweis, Signale im Holz versteckter GPS-Tracker ließen sich »auch im Ausland über Wochen« verfolgen.

Im Handel ist Holz seit Wochen denkbar knapp, die Lager in den meisten Baumärkten sind leergefegt. Mit dem Rohstoff lassen sich Gas und Öl ersetzen, Ökonomen sprechen von »Substitutionsgut«. Wer unter größten Mühen noch an Kaminscheite oder Holzbriketts gelangt, zahlt aktuell an die 200 Euro pro Festmeter, zwei- bis dreimal soviel wie im vergangenen Jahr. Heizen mit Gas ist noch mal deutlich teurer, und so scheint nahe zu liegen, dass immer mehr Ofenbesitzer auf der Suche nach trockenen Ästen durch die Wälder streifen, um nicht frieren zu müssen. Sie machen sich strafbar.

Selbst in den Staatswäldern ist das Aufsammeln von Totholz zumeist verboten (einige Bundesländer machen Ausnahmen für eine Handvoll »Leseholz«). Wird es auch verfolgt? Nachfrage bei der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände (ADWG), die seit 1948 Interessen privater Waldeigentümer vertritt. »Im Moment ist der Holzdiebstahl noch kein Massenphänomen, aber es häufen sich die Einzelfälle«, erklärt Sprecher Jürgen Gaulke zunächst einmal gegenüber jW, spricht von einem »Millionenschaden« und erzählt eine Wildweststory*, die sich neulich im Brandenburgischen zugetragen habe (Fußnote in der Onlineausgabe).

Für wen Gaulke spricht? Bis Mai 2022 wurde die ADGW ausschließlich von Adeligen geleitet, darunter auch ein Graf von Stauffenberg und ein Freiherr zu Guttenberg. Solchen Geschlechtern gehört deutscher Wald seit Jahrhunderten, mit einer Unterbrechung im Osten. Doch mittlerweile ist landesweit wieder die Hälfte der Forste in Privatbesitz, und welche Eigentümer könnten ihre Interessen besser durchsetzen als die Nachfahren derer, die schon vor knapp 200 Jahren zerlumpte Holzsammler von Reiterstaffeln jagen ließen?

Mit dieser Wahrung der Verhältnisse beginnt Raoul Pecks Film »Der junge Karl Marx« (2017). Ausgemergelte Kinder, Frauen und Männer werfen auf der Flucht ihr Reisig weg, werden niedergeprügelt und totgetrampelt, aus dem Off wird dazu ein Text von Marx aus der Rheinischen Zeitung vom 25. Oktober 1842 eingesprochen: »Sammeln von Raffholz« sei kein Diebstahl, heißt es da. »Das Volk sieht die Strafe, aber es sieht nicht das Verbrechen.«

Daran dürfte sich wenig geändert haben, auch wenn es heute weniger martialisch zugeht. Das Aufsammeln von Totholz »wird verfolgt, wenn der Waldeigentümer Strafanzeige stellt«, bestätigt Gaulke gegenüber jW. »Die Strafen sind in der Regel recht hart, zwischen 20 und 60 Tagessätzen, meist à 50 Euro.« Spektakulärere Fälle landen in der Lokalpresse, neuerdings wieder häufiger.

Und warum Hoelz? 1919 ließ der im sächsischen Falkenstein Holz aus dem Wald verteilen, in dem er sich auch vor der Reichswehr versteckte. 32 Jahre nach der DDR ist dort heute alle paar hundert Meter ein Schild in einen Baum geschlagen: »Privatwald« steht da in Großbuchstaben, und etwas kleiner darunter: »Holzentnahme verboten«. Es geht zurück auf Los.

*Jürgen Gaulke: »Der Harvester (Waldvollerntemaschine, d. Red.) in Brandenburg ist in einen Buchenbestand gegangen und hat dort die lukrativsten Bäume gefällt. Es war in der Nähe von Berlin, die Nachbarn an der Zufahrt zum Wald haben angenommen, dass die Männer vom Waldeigentümer beauftragt waren. Der Waldbesitzer wurde schließlich von einer benachbarten Waldbesitzerin darüber informiert, dass merkwürdigerweise in dieser Parzelle frisch Bäume abgeholzt waren. Der Waldbesitzer hat in der Folge auf eigene Faust ermittelt und seiner Meinung nach auch den Dieb ausfindig gemacht, konnte ihm den Diebstahl aber nicht juristisch eindeutig nachweisen. Er musste es daher bei einer ausdrücklichen und sicher sehr eindrücklichen Warnung belassen.«

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