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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 4 / Inland
Umgang mit psychisch Kranken

Tod nach Polizeieinsatz

Berlin: 64jähriger erliegt schweren Verletzungen. Kritik an inkompetenten Einsatzkräften
Von Jan Greve
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In diesem Wohnheim in Berlin-Spandau kam es am 14. September zu dem Übergriff

Schon wieder ist ein Mensch in Folge eines Polizeieinsatzes gestorben. Kupa Ilunga Medard Mutombo erlag am Donnerstag in einem Berliner Krankenhaus seinen schweren Verletzungen, wie die Opferberatungsstelle »Reach Out« noch am Abend mitteilte. Gegenüber dpa bestätigte eine Polizeisprecherin am Freitag morgen den Tod des 64jährigen.

Zum Polizeieinsatz war es bereits am 14. September gekommen. An dem Tag sollte Kupa Ilunga Medard Mutombo von einem Wohnheim für psychisch Kranke im Bezirk Spandau in ein Krankenhaus verlegt werden. Laut der Beratungsstelle, die sich auf Informationen des Bruders des Opfers beruft, geriet Kupa Ilunga Medard Mutombo in dem Moment in Panik, als er die für die Überführung gerufenen Polizisten in Uniform sah. Als er die Tür seines Zimmers schließen wollte, wendeten die Beamten »massive, brutale Gewalt gegen ihn an, warfen ihn auf den Boden, fixierten ihn«, wie es in einer Erklärung von »Reach Out« heißt. Ein Polizist habe auf dem Nacken des 64jährigen gekniet. Mindestens 13 weitere seien dann hinzugekommen. Einer der Beamten habe laut Zeugenaussage erklärt, dass Kupa Ilunga Medard Mutombo nicht mehr atmen würde. Obwohl ein Arzt bereits vor Ort war, habe die Wiederbelebung 20 Minuten gedauert. Aufgrund lebensbedrohlicher Verletzungen sei der Mann in ein Krankenhaus gebracht und dort später ins Koma versetzt worden. Mehr als drei Wochen nach dem Übergriff starb er.

Am Freitag zeigte sich Biplab Basu von »Reach Out« im Gespräch mit jW fassungslos. »Beim Umgang mit psychisch Kranken beweist die Polizei seit Jahren ihre Inkompetenz«, kritisierte er. Dennoch halte man an der Praxis fest, Beamte ohne Schulung, dafür in Uniform in solchen Situationen einzusetzen. Komme es dann zu Polizeigewalt mit teils tödlichem Ausgang, werde danach stets das Bild eines verwahrlosten, aggressiven Angreifers gezeichnet, so Basu. Nach allen bisherigen Informationen, die der Beratungsstelle vorliegen, sei dies die Unwahrheit.

Die Berliner Polizei veröffentlichte am Freitag mittag eine Meldung mit dem Titel »Nach Einsatz zur Vollstreckung eines Beschlusses – Mann im Krankenhaus verstorben«. Bei der Behörde sei ein »Todesermittlungsverfahren« eingeleitet worden, zudem werde die zuständige Staatsanwaltschaft die Ursache des Todes klären. Weitere Auskünfte könnten »derzeit nicht erteilt werden«. Acht Tage nach dem Übergriff, am 22. September, hatte es eine erste Polizeimeldung zum Fall gegeben. Überschrift: »Bei Vollstreckung eines Beschlusses kollabiert.« Einsatzkräfte seien im Heim gewesen, um den richterlich erlassenen Beschluss (die Verlegung in ein Krankenhaus) zu vollstrecken. Der 64jährige habe sich trotz »Bitten« der Polizeikräfte, mitzukommen, »mit Tritten, Schlägen und Bissversuchen« gewehrt. Nachdem ihm Handfesseln angelegt worden seien, habe man den Mann nach draußen geführt. Weiter heißt es: »Hier leistete er weiter massiv Widerstand, in dessen Folge er (…) kollabierte.«

Gegenüber jW kritisierte Basu von »Reach Out« die Darstellung der Polizei. Wie so häufig werde versucht, das eigene Handeln zu vertuschen. Zuletzt hätten sich die Fälle von Polizeigewalt gehäuft, bei denen Menschen schwer verletzt oder gar getötet wurden. Für Aufsehen hatte unter anderem der Fall des 16jährigen Mouhamed Lamine Dramé gesorgt, der vor zwei Monaten in Dortmund von der Polizei mit vier Schüssen getötet wurde.

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