75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Gegründet 1947 Mittwoch, 7. Dezember 2022, Nr. 285
Die junge Welt wird von 2690 GenossInnen herausgegeben
75 Ausgaben junge Welt für 75 € 75 Ausgaben junge Welt für 75 €
75 Ausgaben junge Welt für 75 €
Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 3 / Schwerpunkt
Gewerkschaften und Labour

Die neue Militanz

Britische Gewerkschaften intensivieren Arbeitskämpfe. Rechte Labour-Führung bremst
Von Dieter Reinisch, Belfast
Bahn_Streik_in_Gross_74298442.jpg
Der heiße Sommer geht über in den heißen Herbst: Streik und Demonstration der Beschäftigten der National Rail (London, 25.6.2022)

Die Streitigkeiten auf dem Parteitag der Konservativen ließen wohl einige Delegierte ergrauen. Für viele von ihnen begannen die Probleme aber schon bei der Anreise: Am Tag vor dem Parteitag streikten die Eisenbahner. Nur elf Prozent der Bahnverbindungen verkehrten am vergangenen Sonnabend. Auch am Mittwoch streikten die Eisenbahner. Den Delegierten sollte die An- und Abreise zu und vom Parteitag erschwert werden. An diesem Sonnabend streiken die Eisenbahner bereits zum dritten Mal diesen Oktober.

Seit fünf Monaten kämpfen sie, angeführt vom immer kämpferischer auftretenden RMT-Gewerkschaftsführer Mick Lynch, für bessere Arbeitsbedingungen und Reallohnerhöhungen. Die Transportarbeiter sind die Speerspitze der neu entdeckten Militanz der Gewerkschaften: Seit Wochen sind auch die Arbeiter an den beiden größten Frachthäfen des Landes, Liverpool und Felix­stowe, im Ausstand.

Die Hafenarbeiter werden von der Unite-Gewerkschaft vertreten. Neben RMT-Chef Lynch wurde die Unite-Chefin Sharon Graham zum Gesicht der aktuellen Welle an Arbeitskämpfen im Vereinigten Königreich. In den vergangenen Monaten streikten auch Pfleger, Journalisten und Beschäftigte anderer Branchen. Einige Berufsgruppen erkämpften ordentliche Gehaltserhöhungen über der Inflationsrate.

Die Proteste und Arbeitskämpfe werden von der Gewerkschaftsplattform Enough is enough (Genug ist genug) organisiert. Die Kampagne fordert Reallohnerhöhungen, öffentlichen Wohnungsbau, Reichensteuern und günstige Lebensmittel und Heizkosten. Im ersten Monat ihres Bestehens sind bereits 800.000 Personen der Kampagne beigetreten.

Am 1. Oktober organisierte die Plattform einen Aktionstag mit Protesten in 50 Städten im ganzen Land. Er soll der Auftakt für einen »heißen Herbst« gewesen sein, so die Organisatoren: Kellner, Krankenpfleger, Lehrer und Postangestellte wollen in den kommenden Wochen streiken.

Der rechten Labour-Führung um Keir Starmer bereitet die Bewegung Kopfschmerzen. Sie will Labour wieder »zu einer Partei der Mitte machen«, wie der Vorsitzende auf dem jüngsten Parteitag erklärte. Doch Lynch und Graham fordern mehr Solidarität von Labour. Bisher beteiligen sich nur Exparteichef Jeremy Corbyn und der linke Labour-Flügel an den Protesten. Starmer ließ sich bei den Streiks nicht blicken. Wenn die Intensität und Militanz der Arbeitskämpfe sich bis in den Winter ziehen, wird es unweigerlich zum Konflikt zwischen Gewerkschaften und Labour kommen.

Aufklärung statt Propaganda

Die Tageszeitung junge Welt liefert Aufklärung statt Propaganda! Ihre tägliche Berichterstattung zeigt in Analysen und Hintergrundrecherchen auf, wer wie und in welchem Interesse handelt. Jetzt das Aktionsabo zum Preis von 75 Euro für 75 Ausgaben bestellen!

Ähnliche:

  • Klare Botschaft: »Genug ist genug«-Demo mit buntem Rauch und Qua...
    04.10.2022

    Aufruhr vor Tory-Parteitag

    Vereinigtes Königreich: Gewerkschaftsplattform »Enough Is Enough« organisiert Massenprotest
  • Der »heiße Herbst« kann kommen: Der Streik der Hafenarbeiter sol...
    20.09.2022

    Kein Klassenfrieden

    Trotz Staatsbegräbnis in Großbritannien: Liverpooler Hafenarbeiter im Ausstand
  • Mitglieder der Lokführergewerkschaft ASLEF streiken am Sonnabend...
    01.08.2022

    Streiksommer auf der Insel

    Britische Lokführer im Ausstand. Weitere Aktionen geplant. Auch in anderen Branchen rumort es

Mehr aus: Schwerpunkt

Rosa-Luxemburg-Konferenz: Programm einsehen oder Tickets bestellen unter jungewelt.de/rlk