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Aus: Ausgabe vom 07.10.2022, Seite 16 / Sport
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Die Welt von gestern

Es müffelt etwas: Stand der Dinge in der Formel 1
Von Gabriel Kuhn
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Der Formel-1-Rennfahrer Max Verstappen beim Großen Preis von Singapur 2022

Matchball Nummer zwei für Max Verstappen. Der 25jährige Niederländer steht nach seinem Triumph im Vorjahr vor dem zweiten Weltmeistertitel in der Formel 1. Die Ausgangslage vor dem Grand Prix von Japan, der am Sonntag in Suzuka steigt, ist noch besser als vor einer Woche in Singapur. Dort wäre Verstappen selbst bei einem Sieg auf die Schützenhilfe anderer angewiesen gewesen – was sich erledigte, da es nur zu einem für ihn enttäuschenden siebten Platz reichte. Trotzdem genügen die sechs Punkte, die ihm dafür zugeschrieben wurden, um nun in Suzuka mit einem Sieg und einem Bonuspunkt für die schnellste Runde alles klarmachen zu können. Vier Rennen sind danach noch zu fahren, die Spannung würde sich in Grenzen halten.

Es ist in der Formel 1 nichts Neues, dass ein Fahrer die Saison dominiert. Lewis Hamilton gewann von 2014 bis 2020 sechs Titel, der Vorsprung auf den Zweiten betrug nie weniger als 47 Punkte (25 gibt es für einen Sieg). Nur im Jahr 2016 musste Hamilton sich Nico Rosberg um fünf Punkte geschlagen geben, woraufhin der bisher letzte deutsche Weltmeister gleich seine Karriere beendete.

Vor Hamilton gab es die Ära Vettel, mit vier WM-Titeln in Folge. Im Jahr 2013 gewann der Südhesse mit dem Rekordvorsprung von 155 Punkten. Von 2000 bis 2004 kam niemand an Michael Schumacher vorbei, von 1985 bis 1991 teilten Alain Prost, Nelson Piquet und Ayrton Senna die Titel unter sich auf. Die Saisons, in denen ein weithin unbeschriebenes Blatt zu einem unvermuteten WM-Titel kam, erscheinen in der Geschichte des bedeutendsten Motorsportwettbewerbs fast als Betriebsunfälle. Die glücklichen Außenseiter wurden dank technischer Innovationen, eines neuen Regelwerks oder schlecht kalkulierter Teamwechsel der Konkurrenz an die Spitze gespült.

Aus sportlicher Perspektive sind diese Saisons die interessantesten. Es kämpfen ausnahmsweise einmal mehrere Fahrer um den Titel, der Weltmeister steht nicht schon nach dem ersten Saisonviertel fest. Im Vorjahr fand der Kampf um die Krone gar einen dramatischen Höhepunkt: Erst in der letzten Runde des letzten Rennens, dem Grand Prix von Abu Dhabi, überholte Verstappen Langzeitdominator Hamilton und schob sich damit auch in der WM-Wertung an ihm vorbei. Dass es dazu auch aufgrund einer umstrittenen Entscheidung des Rennleiters kam, der das Rennen eine Runde vor Schluss nach einer Safety-Car-Phase noch einmal freigab, trug das ihre zur Legendenbildung bei.

Doch die Popularität der Formel 1 hat wenig mit sportlichem Wettkampf zu tun. Wäre dem so, dann wäre das Motorsportspektakel längst ein Auslaufmodell. Nie gab es mehr als zwei, womöglich drei Rennställe, die die richtigen Autos hatten, um einen Weltmeisterschaftstitel erringen zu können. Und innerhalb der Rennställe gibt es gewöhnlich eine klare Hierarchie: Der Topfahrer erhält das beste Material und die besten Mechaniker, die Nummer zwei kann wenig tun, außer darauf zu hoffen, der Nummer eins irgendwann den Rang abzulaufen. Rosberg gegen Hamilton 2016 war das letzte spannende Stallduell.

Wie bedeutend das Auto bzw. der Fahrer für eine erfolgreiche Saison sind, ist eine alte Frage. Tatsache ist, dass der beste Fahrer mit einem nicht konkurrenzfähigen Wagen nichts ausrichten kann. Tatsache ist auch, dass die Spitzenteams keine Flaschen einstellen, sich die Nummer-eins-Fahrer also behaupten müssen. Wer den Weltmeistertitel holt, kann Rennen fahren. Doch können auch durchschnittliche Fahrer mit dem besten Material gewinnen? Sebastian Vettel riss nach seinem Wechsel von Red Bull zu Ferrari im Jahr 2014 keine Bäume mehr aus, obwohl er 2017 und 2018 immerhin noch Vizeweltmeister wurde. Diese Saison fährt er in einem Aston Martin und liegt auf Rang zwölf der Fahrerwertung. Es wird die letzte Saison für Vettel sein, der mittlerweile die Haare lang trägt und sich gerne zu Klima und Umweltschutz äußert. Auch das ist eine Art Karriere.

Es gab in den letzten 20 Jahren viele Neuerungen, um die Formel 1 attraktiver zu machen. Reifenwechsel, die das Klassement umstürzen und kluge taktische Entscheidungen verlangen, der wiedereingeführte Bonuspunkt für die schnellste Runde (gab es schon mal ganz am Anfang der Formel 1 von 1950 bis 1959), Sprintrennen, Bordkameras und Funkverkehr, der mitgehört werden kann. Doch letztlich zählt die Show an sich. Elektroautos werden belächelt, weil die Motoren nicht heulen, die Geschlechtertrennung funktioniert noch, auch wenn die Zeiten der »Boxenluder« vorbei sind. Es riecht nach »guter alter Zeit« – ohne Klimakrise, Genderkram und politische Korrektheit.

Die »Orange Army«, niederländische Fans mit Wohnmobil und viel Testosteron, folgt Verstappen bei den europäischen Rennen, während die relativ jungen Grands Prix von Aserbeidschan oder Katar neue Märkte eröffnen. Es ist eine wirksame Mischung, die die oft so weltfremd wirkenden Formel-1-Chefs gefunden haben. 2021 machte die Serie einen Umsatz von zwei Milliarden Euro – nicht schlecht, wenn man bedenkt, dass man in dem Jahr noch auf zahlreiche Coronaauflagen achten musste. Die diesjährige Saison brachte bisher eine Umsatzsteigerung von fast 50 Prozent.

An Geld mangelt es auch Max Verstappen nicht. Sein Einkommen für das Jahr 2022, das im wesentlichen aus seinem Gehalt bei Red Bull und diversen Sponsorenverträgen besteht, wird auf 50 Millionen Euro berechnet. Da überrascht es nicht, dass Verstappen von einer immer wieder diskutierten Gehaltsobergrenze nichts hält. Im Juni 2022 meinte er anlässlich des Grand Prix von Aserbaidschan: »Meiner Meinung nach ist es völlig falsch, denn ich denke, dass die Formel 1 im Moment immer populärer wird und jeder immer mehr Geld verdient, einschließlich der Teams und der Formel 1 selbst. Jeder profitiert davon.«

Verstappen meint natürlich jeden in der Formel 1. Das ist seine Welt. Bald wird er sich dort zum zweiten Mal zum Weltmeister küren. Wenn nicht am Sonntag in Suzuka, dann am 23. Oktober in Austin, Texas.

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