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Aus: Ausgabe vom 06.10.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Den Zufall treffen

Eine umfassende Ausstellung mit Plastiken und Blättern von Marguerite Blume-Cárdenas in der jW-Maigalerie in Berlin
Von Gisela Sonnenburg
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Sanft geneigt, zart gekerbt: Die »Reinhardtsdorfer Venus« (vorn) von Marguerite Blume-Cárdenas in der Maigalerie

Sie haucht dem Sandstein Leben ein, mehr noch: Sie verleiht ihm eine magische Kraft, die ebenso an die Ursprünge des Fühlens und Handelns erinnert wie das Bedenken der gegenwärtigen Epoche anregen. Die in Berlin lebende Künstlerin Marguerite Blume-Cárdenas lässt keinen kalt. In der Berliner Maigalerie, die zum Verlag 8. Mai gehört – in dem die junge Welt erscheint – zeigt Blume-Cárdenas, die 2020 den Brandenburgischen Kunstpreis erhielt, jetzt eine umfassende Ausstellung.

Betritt man die von feinem Streulicht geflutete Maigalerie, umhüllt einen die Atmosphäre zeitloser Moderne. Steinerne Torsi stiften zugleich antikes wie heutiges Flair. Zentral neigt sich ein weiblicher Leib sanft zur Seite, von zarten Einkerbungen übersät. Es ist die »Reinhardtsdorfer Venus« von 2006. Im sächsischen Reinhardtsdorf liegt der Steinbruch, in dem die Künstlerin vorzugsweise arbeitet. Die »Venus« entstand aus einem schiefen Brocken; Blume-Cárdenas erkannte die fruchtbare Herausforderung.

Eine »starke urmütterliche Ausstrahlung« attestiert Andreas Wessel, der kenntnisreiche künstlerische Leiter der Maigalerie, zugleich als Autor der jungen Welt bekannt, dieser Figur. Tatsächlich ist Weiblichkeit hier nicht nur mit der Form, sondern auch mit der Bewegung des Körpers dargestellt. Weich und wogend wirkt die Göttin der Liebe, ihr gewellter Bauch suggeriert, dass sie schon geboren hat. Es geht nicht um heuchlerische Unschuld als Angelpunkt des Sexus. Es geht um Leben und Leidenschaft.

Die Kerben auf der Oberfläche wirken harmonisierend. »Haut« nennt die Künstlerin die äußerste Schicht Stein. So lebendig sind ihre Kreationen für sie. Auch der »Stürzende«, der im freien Fall ästhetisch Mitleid erregt, und auch »Kains Bruder«, der sich sterbend in der Seitenlage krümmt, tragen schmückende Narben. Die Größe der Werke richtet sich nach ihrem Gewicht: Die Künstlerin möchte sie eigenhändig tragen.

Am 31. Oktober 2022 wird sie 80 Jahre alt. Was man ihr nicht anmerkt. Wenn man sieht, wie sie sich bewegt, erst recht nicht. Sie hat Glück mit den Genen und der aufrechten Haltung, die ihre Lebensart prägt: Marguerite Blume-Cárdenas, Tochter einer linken französischen Historikerin und eines spanischen Kämpfers gegen das ­Franco-Regime, machte nie einen Hehl aus dem, was sie denkt und will.

Als sie sich, fast noch ein Kind, fürs Bildhauern entschied, ahnte sie kaum, welch schwierige Aufgabe das werde. Nach drei Jahren an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät, wo sie statt in Mathe und Physik in Malerei und Grafik unterrichtet wurde, lernte sie den Beruf des Steinmetz. An der Hochschule für Bildende Künste in Dresden prägten sie dann Dozenten wie Hans Steger. Aber von dessen Pathos machte sie sich schnell frei.

Blume-Cárdenas, deren spanischer zweiter Nachname so gesprochen wird, wie er sich schreibt, nur mit »K«, fand ihren eigenen Stil: vor allem im Umgang mit Sandstein. Sie arbeitet ohne Modelle. Das Werk schält sich unter ihren Händen aus dem Stein. Oft sind die Figuren androgyn, meist auch alterslos.

Die Plastiken behandeln Menschen in außergewöhnlichen Situationen, in mythischer Gegebenheit. Es entstanden »Kriegsspuren«. Könnte Kunst aktueller sein? Das »Gräberfeld« ist eine Installation aus drei Torsi, von denen zwei in offenen Kisten am Boden liegen, zu Füßen eines modifizierten Holzkreuzes. Körper ohne Köpfe, ohne Gliedmaße. Dennoch spürt man ihre Schmerzen.

Es gibt aber auch das Gesicht. So als »Maske des toten Mädchens« nach Gräueltaten in Guatemala. Frauen wurden von marodierenden Soldaten vergewaltigt, von den Clans verstoßen, gar geköpft. Ein entrücktes Gesicht mit geschlossenen Augen und geöffneten Lippen.

»Der menschliche Körper ist unendlich«, sagt mir die Künstlerin und weist darauf hin, dass ihr »Marsyas III« von 2007 eine ganz andere Anmutung hat. Starr und steif steht das Opfer Apolls da. Marsyas wurde der antiken Sage nach, weil er sich in der Musik mit Apollon, dem Gott der schönen Künste, messen wollte, lebendig gehäutet. Ein Foltertod, überliefert aus vielen Kulturen, auch aus dem Dreißigjährigen Krieg und dem Zweiten Weltkrieg.

Die »Blätter«, also Aquarelle, sind ebenfalls etwas Besonderes. Gemalt sind sie mit Pigmenten aus Sandstein, der durch Brennen rötliche Nuancen annimmt. Schaut man genau hin, erschließen sich Räume in den Farbfeldern. Eine Stadtlandschaft mit Brücke oder eine Figur in der Grotte. Schmale Linien zucken wie Blitze durch Gefilde aus Ocker und Rot. Traumhaft im Wortsinn.

Der Katalog für nur 8,50 Euro vereint stichhaltig-poetische Texte auf deutsch und englisch mit hervorragenden Fotografien. Wer den Zufall treffen oder mit ihm spielen will, ist in dieser Ausstellung genau richtig. Ihr Titel sei darum erst jetzt genannt: »Das Spiel mit dem Stein oder Der notwendige Zufall«. Der Sandstein hat dabei geradezu schamanische Kraft.

Donnerstag 6.10., 19 Uhr (Vernissage), bis 19. November in der Maigalerie, Torstraße 6, 10119 Berlin (Mi.– Sa. 13–18 Uhr)

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