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Aus: Ausgabe vom 05.10.2022, Seite 8 / Inland
Soziale Lage in Irland

»Studierende haben oft Vollzeitjobs«

Irland: Wohnen für Studenten kaum bezahlbar. Menschen aus Arbeiterklasse stark betroffen. Ein Gespräch mit Imogen O’Flaherty Falconer
Interview: Dieter Reinisch
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Studierende aus armen Familien haben es immer schwerer: Trinity-College in Dublin (24.7.2022)

Studierende haben am vergangenen Mittwoch am Eyre Square im Stadtzentrum von Galway in Zelten übernachtet. Wieso?

Irland leidet unter der schlimmsten Wohnungskrise, die wir je gesehen haben. Wir organisierten daher einen Wohnungsprotest, um studentenspezifische Probleme in dieser Krise aufzuzeigen und sowohl die Regierung als auch die Universität wissen zu lassen, dass wir verärgert sind über ausbleibende Maßnahmen dagegen. Sie haben gewartet, bis wir die höchsten Obdachlosenzahlen erreicht haben, um überhaupt über Wohnungsnot zu sprechen.

Wie ist die Situation der Studierenden?

Irland hat die höchsten Studiengebühren in der EU. EU-Bürger zahlen 3.000 Euro pro Jahr. Internationale Studierende können bis zu 55.000 Euro pro Jahr zahlen. Außerdem haben wir mit die höchsten Durchschnittsmieten in Europa. Für ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft müssen Studierende bis zu 1.200 Euro pro Monat zahlen. Neben der Immobilienkrise erleben wir auch eine Lebenskostenkrise. Die Kraftstoffpreise schießen neben den Versicherungspreisen in die Höhe, so dass der Besitz eines Autos sehr teuer ist. Die Kosten für Freizeitaktivitäten sind ebenfalls sehr hoch. Zum Abendessen auszugehen und Getränke in Bars und Restaurants hier zu konsumieren, ist für die meisten Studenten nicht bezahlbar. Sie können dadurch keine Kontakte knüpfen. Dies ist besonders hart für Studierende aus ärmeren Schichten, die dadurch keinen Anschluss finden.

Wie finanzieren sich Studenten das Leben?

Studierende haben in der Regel Nebenjobs, aber auch oft Vollzeitjobs neben dem Vollzeitstudium. Dies wirkt sich auf die Qualität ihrer Ausbildung aus, da sie sich nicht in ihr Studium vertiefen können und da sie nicht genug Zeit dafür aufwenden können. Studenten werden oft von Lehrenden dafür kritisiert, dass sie neben ihrem Studium arbeiten, weil es ein Vollzeitstudium sein soll. Aber leider ist es unsere Realität, dass wir nebenher arbeiten müssen, sonst könnten wir uns die Ausbildung nicht leisten. Ich bemerke selbst: Der Versuch, mit dem Studium Schritt zu halten, zu arbeiten, um Geld für Familie, Freunde und alles andere, was mit einem guten Leben einhergeht, zu verdienen, ist anstrengend. Viele brennen völlig aus.

Wie kam es zu dieser Situation?

Hier spielen viele Faktoren eine Rolle. Die Universität Galway hat die Zahl der Studienplätze erhöht, ohne neue Studentenwohnungen zu bauen. Es gibt keine Regulierung. Auf der größten Wohnungsseite gibt es für Galway derzeit 600 Airbnb-Angebote, aber nur 17 Langzeitangebote. Zusätzlich kamen dieses Jahr viele Flüchtlinge. Jeder verdient, mit Würde untergebracht zu werden. Die Wohnungsnot ist aber so groß, dass nun Studierende in Hostels und Hotels übernachten müssen. Das ist eine Schande und ein Beweis für die unglaublich schlechte Wohnungspolitik der Regierungen, die im letzten Jahrzehnt an der Macht waren.

Was muss dagegen getan werden?

Wir haben dem Bildungsminister Simon Harris vor ein paar Wochen einen Forderungskatalog übergeben: Mietendeckel; Rückerstattung der Kosten für internationale Studenten, die in ihr Land zurückkehren mussten, weil sie keine Unterkunft fanden; Wiedereinführung hybrider Lehre, damit Studenten zu Hause bleiben können und nicht teure Mieten in den Universitätsstädten zahlen müssen; Einführung von Mindeststandards für Studentenunterkünfte; öffentlicher Bau von bezahlbaren Studentenwohnungen; ein Sozialwohnungsmodell für die bestehenden Unterkünfte, damit Zimmer zu subventionierten Preisen für Studenten aus der Arbeiterklasse reserviert werden; und strenge Restriktionen für Airbnb.

Was sind die nächsten Schritte?

Am 13. Oktober ist ein nationaler Aktionstag geplant. Dann sollen um 11.11 Uhr aus Protest alle Studierenden die Lehrveranstaltungen verlassen. Es soll ein Ausdruck unserer Wut und Frustration über die Regierung und die Universitäten sein.

Imogen O’Flaherty Falconer ist Vizepräsidentin der Student Union an der Universität Galway und studiert Rechtswissenschaften

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