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Aus: Ausgabe vom 08.10.2022, Seite 4 (Beilage) / Fotoreportagen
Bildreportage

Weil alle es taten

Die persönlichen Geschichten hinter den Gesichtstätowierungen der Chaouia-Frauen aus dem Auresgebirge in Algerien
Von Zohra Bensemra
Fatma Tarnouni in ihrem Haus in Taghit nahe der Stadt Batna (8.10.2015)
Fatma Haddad in ihrem Haus in Chalma (9.10.2015)
Fatma Badredine in ihrem Haus in Arris in der Nähe der Stadt Batna (8.10.2015)
Aischa Dschelal in ihrem Haus in Babar (10.10.2015)
Dschemaa Daoudi vor ihrem Haus in Inoughissen nahe der Stadt Batna (8.10.2015)
Dschena Benzahra in ihrem Haus in Ouled Azzouz (9.10.2015)
Mazouza Bouglada posiert für ein Foto in Taghit (8.10.2015)

Beim Volk der Chaouia in den algerischen Auresbergen wurde die Schönheit einer Frau früher nach ihren Tätowierungen beurteilt. Die Frauen, die ich getroffen habe, sind jetzt alt. Ihre Falten und verblassenden Tattoos zeugen von lebenslanger Erfahrung, aber sie reden, als wären sie innerlich immer noch 20 Jahre alt. »Es war die Regel, und es war auch in Mode«, sagt Fatma Tarnouni (106). »Um schön zu sein, musste man tätowiert sein, also habe ich es getan.« Meine eigene Großmutter hatte eine Tätowierung an der Hand, und die Begegnung mit diesen Frauen erinnert mich an sie. Ich fühlte mich in die Vergangenheit zurückversetzt, als ich diese Geschichten hörte.

Aischa Dschelal (73) ließ sich im Alter von 25 Jahren tätowieren. Sie wollte durch die Körperkunst attraktiver sein als andere Mädchen in ihrem Alter, eine Entscheidung, die sie später im Leben bereute. Einige Gläubige sagten Frauen wie Dschelal, dass sie mit der Erlaubnis für die Tätowierungen eine Sünde im Sinne des Islam begangen hätten. Zur Wiedergutmachung haben viele von ihnen ihre wertvollen Besitztümer an die bedürftigsten Frauen, die sie kennen, verschenkt. »Ich habe meinen gesamten Silberschmuck verschenkt, nachdem ich die Opfergabe siebenmal auf meiner Tätowierung gedreht hatte, während ich weinte«, sagt Aischa. »Ich habe das Gefühl, dass jede Träne ein Stück meines Tattoos weggewaschen hat.«

Dschena Benzahra (74) wurde im Alter von neun Jahren von ihrer Mutter dazu gezwungen, sich tätowieren zu lassen, damit sie schön sei. Alle Mädchen in ihrem Alter waren tätowiert, sagte ihre Mutter. »Ich erinnere mich noch daran, dass es so schmerzhaft war und ich weinte, weil ich mich weigerte, mich tätowieren zu lassen«, erklärt Dschena. Heute bereut sie es, ihrer Mutter erlaubt zu haben, sich tätowieren zu lassen, denn religiöse Menschen in ihrem Umfeld haben ihr gesagt, dass sie eine Sünde begangen hat. »Um Gott um Vergebung zu bitten, habe ich all meinen Silberschmuck verschenkt, nachdem ich die Opfergabe siebenmal auf meinem Tattoo gedreht hatte.«

»Ich habe es getan, weil alle Mädchen in meinem Alter tätowiert waren«, sagt Fatma Haddad (80), die sich mit 18 Jahren von einer einheimischen Frau tätowieren ließ. Heute bereut sie diese Entscheidung und hat ihren Silberschmuck verschenkt, um Wiedergutmachung zu leisten. »Damals waren wir noch sehr jung, und auch wenn wir kein umfassendes Wissen über die Religion hatten, waren unsere Gedanken weit davon entfernt, eine Sünde zu begehen«, so Haddad.

Fatma Badredine (94) wurde im Alter von 13 Jahren von einer Nomadenfrau aus der Sahara tätowiert. »Ich musste unerträgliche Schmerzen ertragen, nur um hübsch auszusehen«, erinnert sich Badredine. »Ich wollte die Tätowierung entfernen lassen, aber mein Arzt hat mir davon abgeraten, mein Alter lässt das nicht zu.«

Mazouza Bouglada (86) wurde im Alter von sieben Jahren von einem Nomaden aus der Sahara tätowiert. Ihre Mutter riet ihr, sich tätowieren zu lassen. Je mehr sie sich tätowieren ließ, desto mehr gab sie damit an. Auch wenn sie sich noch an die Schmerzen erinnere, habe sie sich danach wunderschön gefühlt, sagt Bougla­da. Sie war sehr stolz auf die Sterne auf ihren Wangen. Ihre älteste Schwester wurde vor ihr tätowiert, und sie wollte es ihr nachmachen. Bouglada sagt, sie habe nun all ihren Silberschmuck weggegeben, um für die Sünde zu büßen, von der ihr die Gläubigen sagten, sie habe sie begangen.

Dschemaa Daoudi (90) wurde von ihrem Ehemann kurz nach ihrer Hochzeit im Alter von 15 Jahren gezwungen, sich tätowieren zu lassen. Eine einheimische Berberin tätowierte sie. Heute bedauert Daoudi, dass sie sich tätowieren ließ. »Auch wenn es damals nicht meine Entscheidung war, habe ich, um Gott um Vergebung zu bitten, alles, was ich für wertvoll halte, wie meinen Silberschmuck und meine Wolle, als Almosen gegeben«, so Daoudi.

Zohra Bensemra begann ihre Karriere bei der Zeitung El Watan als erste weibliche Fotojournalistin Algeriens und kam 1997 zu Reuters, um den algerischen Bürgerkrieg zu dokumentieren. Zu Bensemras ersten internationalen Aufträgen gehörten der Konflikt in Mazedonien im Jahr 2000 und der Irak-Krieg 2003. Seitdem hat sie im gesamten Nahen Osten und Afrika gearbeitet und über den Südsudan, Darfur, Tunesien, Somalia, Libyen, Afghanistan und Syrien berichtet

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