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Aus: Ausgabe vom 04.10.2022, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Prison Industrial Complex

Knast im Streik

Personal von Australiens größtem Gefängnis legt Arbeit nieder. Gewerkschaft wirft privatem britischem Betreiber Serco Lohndrückerei vor
Von Thomas Berger
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Nicht einfach, als Delinquent die Sperranlagen zu überwinden – trotz Mangels an Schließern (Wellington, 24.5.2022)

In einer ersten, mehrstündigen Streikaktion in Australiens größtem Gefängnis haben die Beschäftigten am vergangenen Freitag den verschärften Arbeitskampf für höhere Entlohnung und bessere Jobbedingungen aufgenommen. Die Inhaftierten mussten für den Tag in ihren Zellen bleiben, als rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Clarence Correctional ­Centre in der Nähe von Grafton im Norden des bevölkerungsreichsten Bundesstaates New South Wales (NSW) temporär die Arbeit niederlegten.

Bilder in den örtlichen Medien zeigten die Streikenden in T-Shirts mit Aufschriften wie »stolzes Gewerkschaftsmitglied«. Sie werfen der privaten Betreiberfirma Lohndrückerei vor. Das britische Unternehmen hatte zuvor eine Anhebung des Stundenlohns von derzeit 26,88 auf 28 Australische Dollar (18,64 Euro) angeboten. Doch auch mit dem neuen Betrag blieben die Betroffenen die am schlechtesten entlohnten Knastbeschäftigten in dem Bundesstaat, wie Gewerkschaftsführer Troy Wright von der Community and Public Sector Union (CPSU) gegenüber dem TV-Sender ABC betonte. Der Konflikt schwelt inzwischen seit mehr als anderthalb Jahren.

Das Gefängnis, eine Haftanstalt für Männer und Frauen, war im Juli 2020 eröffnet worden. Es ist mit einer Kapazität von 1.700 Haftplätzen der größte Knast Australiens. Angefangen hatte es mit 90 Gefangenen, aktuell sitzen etwa 1.000 dort ein – viele zur Kategorie »Schwerverbrecher« zählend, wie die Streikenden erklärten. Dies mache ihre Arbeit nicht einfach und oftmals gefährlich, heißt es seitens der CPSU. Die geringe Entlohnung ist dabei nur ein Aspekt. Auch über Stress infolge des chronischen Personalmangels wird geklagt. Eine der Streikenden arbeitet in der Abteilung für »Neuankömmlinge«. Dort sei der »Betreuungsaufwand« besonders hoch, sagte sie gegenüber ABC. Schließlich müssten die »Neuen« vom Personal zu jedem einzelnen Gang begleitet werden, sei es zu Telefonaten, Treffen mit Anwälten oder Gerichtsanhörungen. »Es kann sehr schmerzhaft werden, wenn wir dafür nicht genügend Leute sind«, so die Gefängnismitarbeiterin.

Ein Grund für den Personalmangel: die niedrigen Löhne, wie Gewerkschafter Wright gegenüber der größten Tageszeitung, dem konservativen The Australian, betonte. Das mache es dem Betreiber Serco bisweilen schwer, genügend Beschäftigte zu finden. Die Arbeit sei fordernd und gefährlich, dafür seien die derzeit angebotenen 28 Dollar pro Stunde völlig unzureichend. Schließlich handle es sich bei den Beschäftigten um gut ausgebildete Fachkräfte, die man so mit einem Betrag abzuspeisen versuche, der nur geringfügig über dem Stundensatz liege, den Angestellte an den Supermarktkassen von Ketten wie Woolworth oder Bunnings verdienten. Es sei zudem ein Unding, dass sich der Konflikt nun schon so lange ohne Aussicht auf eine Lösung hinschleppe. Und gerade die personelle Unterbesetzung bei der Beaufsichtigung von »Schwerstkriminellen« gehe letztlich zu Lasten der öffentlichen Sicherheit.

Vertreter des Knastbetreibers verwiesen in den Medien hingegen auf das offerierte Gehaltsplus von 4,2 Prozent und 1.500 Dollar extra als Inflationsausgleich. Es sei bedauerlich, dass die Gewerkschaft nun zum Mittel des Streiks gegriffen habe, sagte eine Firmensprecherin gegenüber The Australian. Man hoffe, die Gegenseite kehre zum Verhandlungstisch zurück. Die Gefängnisse in NSW, wo rund 12.000 Verurteilte einsitzen, haben einen eher schlechten Ruf, die personellen Engpässe in Clarence sind dabei kein Einzelfall. Die Unterbesetzung sorgt immer wieder für die Beschränkung kleiner Freiheiten im Gefängnisalltag, was die Stimmung unter den Inhaftierten erheblich verschlechtert. Attacken auf Bedienstete sollen dem Vernehmen nach seit 2017 stark zugenommen haben. Ferner komme es wegen des zunehmenden Stresses zu Übergriffen auf Gefangene durch Knastbeschäftigte.

Doch während in öffentlichen Gefängnissen der Stundensatz im Schnitt bei rund 31 Dollar pro Stunde liegt, wie Gewerkschaftsführer Wright gegenüber ABC sagte, müssen die Angestellten bei Serco für deutlich weniger unter kaum mehr zumutbaren Bedingungen arbeiten. Das wollten die Streikenden nicht mehr hinnehmen. Auch das nicht: In manchen Schichten, so protestierende Beschäftigte in Medienberichten, seien in dem Großgefängnis gerade einmal 50 Prozent des eigentlich notwendigen und vorgeschriebenen Personals im Dienst. Kein Zweifel, sollte sich die Situation nicht rasch verbessern, dürften weitere Streikaktionen folgen.

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