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Aus: Ausgabe vom 04.10.2022, Seite 11 / Feuilleton
Rock ’n’ Roll

Der Swing der späten Jahre

Nick Lowe & Los Straitjackets rocken Bochum
Von Frank Schwarzberg
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Er hat wieder Lust: Stimmwunder Nick Lowe auf der Bühne (Oslo, 22.9.2022)

Auf Youtube findet sich ein BBC-Interview mit Nick Lowe von 1990, in dem er ungläubig feststellt, dass er mit 40 noch dabei ist. Aber, fügt er hinzu: Ich werde gerade richtig gut. Mit 60 werde ich super aussehen, meine Stimme wird noch besser sein, und ich werde richtig angesagt sein.

Jetzt ist er 73 und hat wechselhafte 50 Jahre im Showgeschäft hinter sich. In den 70ern hatte der stilbewusste und lässige englische Gentleman mit seiner Band Brinsley Schwarz das Genre Pub Rock begründet, für das Label Stiff Records The Damned und vor allem Elvis Costello produziert, und zusammen mit Dave Edmunds in der Band Rockpile ein paar kleinere Hits eingefahren. Seine musikalische Neuerfindung nach dieser exzessreichen Zeit und der darauf folgenden Leere begann 1994 mit dem Album »The Impossible Bird«, obwohl schon einzelne Songs auf »Party Of One« (1990) die Richtung vorwegnahmen. Die Elemente waren bekannt, aber diese Mischung war neu: eine sonore, anstrengungslose, nahe Stimme, die schonungslose, teilweise schwarze Texte zwischen Reue und Selbsterkenntnis singt, oft versetzt mit leiser Ironie; dazu ein lässig swingender, stilsicherer grooviger Sound zwischen Country, Soul, Blues und Rockabilly. Zeitlos, fast. Es folgten etwa alle vier Jahre ähnliche Alben, zuletzt »The Old Magic« von 2011. Lowe nahm sich die Zeit, Songs sauber auszuarbeiten, und konnte es sich leisten: Sein ­Brinsley-Schwarz-Song »(What’s So Funny ’Bout) Peace, Love & Understanding«, bekannt durch Elvis Costellos Version von 1980, war in einer Version von Curtis Stigers auf dem Soundtrack der Filmschnulze »The Bodyguard« (1992) – Geldsorgen ade.

Am Samstag abend war er mit der Band Los Straitjackets im Bochumer Ruhr-Congress zu Gast. Mit der US-amerikanischen Surf-Rock-Truppe tritt Lowe seit einigen Jahren live auf. Er hat wieder Lust auf den Pub Rock (’n’ Roll) seiner früheren Jahre. Die Band, die stets mit mexikanischen Wrestlingmasken auftritt, spielt das mit großer Freude, Könnerschaft und Twang. »Cruel to Be Kind« oder »I Knew the Bride« sind zwei von vielen Höhepunkten, zu denen die Zuschauer begeistert mitgehen. Einige der jüngeren, reiferen Songs wie »­Lately I’ve Let Things Slide« sind dazwischen gestreut, bei »When I Write the Book« singen alle beseelt mit. Den letzten von 24 Songs spielt Lowe alleine: »Alison« von Elvis Costellos Debütalbum 1977, natürlich von ihm produziert. Vorher wurde getanzt, gejubelt, mitgesungen – jetzt könnte man die Stecknadel fallen hören. Dazu diese Stimme. Wunderbar nuancenreich phrasiert legt sie die verletzte und verletzliche Seele der Erzählerfigur bloß. »My Aim Is True« – ein letztes Mal noch winkt der »swinging modernist« (Costello) ins Publikum. Er ist gerade richtig gut.

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