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Aus: Ausgabe vom 04.10.2022, Seite 11 / Feuilleton
Metal

Wer schreit, ist noch nicht ausgestiegen

Das neues Album von The Devil Wears Prada »Color Decay«
Von Ken Merten
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In Diskussion mit dem Unbewussten: Mike Hranica von The Devil Wears Prada

Irgendeine Geräuschkulisse, irgendwer sagt irgendwas, alles sehr leise. Ist doch egal, die Rhythmusgitarre setzt ein. Metal, das Stampfen kann losgehen. Aber kurz darauf schon die schöne, für Schwermetall zu liebliche Störung mit dem Synthesizer: nur einen einzelnen Viervierteltakt lang Glockenklänge. Der aus der Unterwasserwelt her schallende Bass mit Dämpfer hinterher, dabei verzerrter noch als der Sechs­saiter. Nachträgliches Einzählen mit der Bass Drum, dann ist das Schlagzeug auch schon wieder weg. Dafür fängt Shouter Mike Hranica an – wie immer, nicht für den Groove zuständig, sollen doch die andern Metalcore-Frontsäue spuckeverteilend rappen, gutturales Doubletime betreiben. Wie machte Altrapper Azad aus dem Nordwesten Frankfurts (Main) einst klar? Schnelligkeit ist nicht das einzige Maß: »Flowe Halftime, denn ich töte mit Präzision.«

Hranica nimmt sich Zeit, das Treibende veranstaltet das Schlagzeug, aktuell besetzt mit Bandhopper Giuseppe Capolupo (u. a. ehemals Haste the Day), der im Einstiegstrack »Exhibition« wie auf der ganzen neuen Platte von The Devil Wears Prada, »Color Decay«, so schlägt wie einer, der nicht weiß, ob sein Arbeitsvertrag verlängert wird: Er überpact nie, die Snare kriegt viel Pause, dafür werden die Toms wieder und wieder wirbelnd abgeklopft. Guckt mal, was ich kann, es müssen ja nicht ständig Blastbeats sein!, soll das bedeuten.

Sachen zum Ausrasten gibt es natürlich auch auf dem neuen Album, Breakdowns in »Watchtower« und Motorsäge-Riffs (»Hallucinate«). Aber wie schon »Exhibition« eingangs ganz selbstredend blanklegt: Man hat es nicht einfach mit dem Sextett. Immer macht es Seltsames und spinnt. Song Nummer zwei, »Salt«, steigt mit Tempo ein, akzentuiertem Doppelfuß mit dem Bass im Gleichklang, synergetischer Zusammenarbeit von Keyboard und Zupfern. Aber dann die Bremse: tröpfelnder Refrain, poppiger Cleangesang. Da, wo das fehlt – das Ziehen der Handbremse bei voller Fahrt –, kurz nach halber Strecke des Albums, wird es zäh, langweilig, unnötig schnulzig sogar. Da hilft auch nicht Hranica, der ran darf, wenn seicht geschlagen und zart geklimpert wird (»Trapped«) – eine durch Gleichzeitigkeit Ungleichheiten zwischen rauh und glatt hervorhebende, um Interesse bittende Komposition. Bring Me the Horizon (BMTH) machten das auch zu ihrer besten Zeit (»It Never Ends«, 2010), Being as an Ocean ist es seit dem Debütalbum »Dear G-d« (2012) ein Hauptmittel.

Beides löbliche Arbeiten. Aber war Oli Sykes’ Organ zu jenem Karrierezeitpunkt von BMTH gänzlich darauf getrimmt, Verzweiflung wie das letzte aus der Zahnpastatube auszudrücken, und während Joel Quartuccio das macht, was man als preisender Monotheist nun mal macht – ganz laut sein, weil Gott »ganz weit oben wohnt«, wie wir von Homer Simpson wissen –, ist der weitgehend eingehegte, selten in die Tiefe absteigende Gutturalgesang Hranicas ein Mittel der Irritation.

Und genau da kriegen sie dich: »­Cancer« als letzter Song von »Color Decay« beginnt nur mit einem Piano, wird nach kurzem Gitarrenkratzer zur Powerballade und stoppt mit alldem auch hier nach dem Intro, als wäre Energieaufwendung etwas Unangebrachtes. Nun erwartet: eine chronisch-pubertäre Tingeltangeltändelei. Was aber kommt, ist die Diskussion mit dem Unbewussten: »I’m just some voice below / The background noise.« Und was wünscht sich das Es? Verbotenes: »I hope that it’s cancer / And not something else / ’Cause I don’t need any more things / I don’t wanna talk about.« Wie kann man nur so was denken?

Siegeswille und Niederlagenverarbeitung, ja. Aber wenn etwas keinen Platz in einem Softrocksong hat, dann Defätismus. Aufgeberei ist in der Kunst kontrafaktisch, sie passt da nicht. Man könnte es schließlich auch gleich bleibenlassen. Im Falle von »Cancer« tut sie es durch den Ausdruck, der den Verdruss hintergeht: Wer schreit, wer lauter ist als der Engelschor, der vom höchstens moralisch-richtigen Weitermachen singt, ist hörbar noch nicht aus dem Geschäft ausgestiegen. Wer wütend ist, denkt noch nach. Der beschäftigt sich – auch mit Gleichgültigkeit als Option. Der beschäftigt sich auch über die Resignation hinaus: Der Song fadet letztmalig im Kehrreim aus, nach einer kurzen Pause eine einzelne Stimme, dazu eine Akustikgitarre. Nicht viel also. Aber die Entscheidung ist gegen die Aufgabe gefallen, die Irritation vorüber. Wer einknickt, gibt keine Zugaben.

The Devil Wears Prada: »Color ­Decay« (Solid State Records)

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