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Überleben

Von Helmut Höge
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Die Sowjetschriftsteller Ales Adamowitsch und Daniil Granin veröffentlichten 1984 ein »Blockadebuch« über die 900 Tage dauernde Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, durch die etwa 900.000 Einwohner verhungerten oder erfroren. Die Autoren nahmen an, dass die, die überlebt hatten, vielleicht »ihre Menschlichkeit verraten«
hatten. »In Wirklichkeit war es jedoch umgekehrt«: Die Menschen, die anderen halfen, ihnen Trinkwasser oder Brennholz beschafften und ihre Brotrationen teilten, »überlebten öfter als diejenigen, die nur auf die Erhaltung des eigenen Lebens bedacht waren«.

Dieser Befund kam dem nahe, was der 2014 verstorbene ehemalige FAZ-Herausgeber Frank
Schirrmacher 2006 in seinem Buch »Minimum« anhand der »amerikanischen Tragödie der Siedler am Donnerpass« behauptete , wo »Einzelkämpfer« ohne familiäre »Blutsbande« im Schneesturm zu Tode kamen, »Familienmitglieder hingegen überlebt hatten«. Schirrmacher
folgerte daraus, dass die Familie in Notzeiten eine »Überlebensfabrik« sei und die Folgen der Auflösung der Familie als »Keimzelle der Gesellschaft« und die damit einhergehende Schrumpfung sozialer Beziehungen auf das besagte »Minimum« sich in gesellschaftlichen Krisen verderblich auswirke.

Daniil Granin erwähnte in einem Interview mit Michael Schneider (in dessen Reportageband »Iwan der Deutsche« 1989) über sein Blockadebuch die Lyrikerin Olga Bergholz, die »eine besondere Bedeutung für die Leningrader hatte, indem sie im Radio Ermutigungsgedichte las«. Sie meinte, »niemals habe sie sich so frei gefühlt wie während der Blockade«. Das ist eine schwer nachvollziehbare Äußerung über eine Zeit, in der die Versorgung mit dem Minimum an Lebensnotwendigem über alle Maßen schwierig war und bis zur Sprengung des Blockaderings durch die Rote Armee im Sommer 1944 immer schwieriger wurde.

Es gibt eine ähnlich seltsame Äußerung von Jean-Paul Sartre. Der französische Philosoph meinte 1944, zwei Wochen nach der Befreiung von Paris: »Niemals waren wir freier als unter der deutschen Besatzung.« Die Journalistin Simone Miller urteilte anlässlich des 40. Todestages von Sartre 2020 über diese provozierende Äußerung im Deutschlandfunk Kultur: »Wer sich dem Widerstand gegen den Faschismus angeschlossen hatte, musste Verantwortung für seine Aktionen tragen, bis hin zum eigenen Tod und dem seiner Mitstreiter. Wer nicht in den Widerstand gegangen war, hatte sich in Sartres Augen mitverantwortlich gemacht für Kollaboration und Krieg.« Die Bedeutung unserer Freiheit werde uns gerade in Extremsituationen besonders bewusst.

Im Zentrum von Sartres Denken stehe unsere Eigenverantwortlichkeit. Die vielleicht berühmteste Sentenz von Sartre bringe dabei die Ambivalenz unserer Selbstbestimmung zum Ausdruck: »Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.« Und diese existentielle Freiheit zeige sich laut Sartre besonders deutlich in Ausnahmesituationen.

In gewisser Weise hat der Philosoph des Existentialismus damit den Gedanken des Nazistaatsrechtlers Carl Schmitt vom Kopf auf die Füße gestellt. Laut Schmitt ist »Souverän, wer über den Ausnahmezustand entscheidet«. Sartre zufolge gilt das nicht für die Naziführer und andere diktatorische Herrscher, sondern in diesem von ihnen ausgerufenen »Ausnahmezustand« für jeden Menschen, der von diesen von oben angeordneten Maßnahmen unten betroffen ist. Der italienische Philosoph Giorgio Agamben hat 2003 (deutsch 2004) dem Schmittschen Begriff das Buch »Ausnahmezustand« gewidmet. Es geht ihm darin um folgendes: »Wenn der Ausnahmezustand zur Regel zu werden droht, sind die Institutionen des demokratischen Rechtsstaats und das verfassungsgemäße Gleichgewicht der Gewalten gefährdet, und die Grenze zwischen Demokratie und Diktatur verschwimmt.«

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