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Aus: Ausgabe vom 01.10.2022, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Jahwes bester Mann

Von Peter Köhler
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Moses in der Vision Michelangelos am Portal der Kirche San Pietro in Vincoli in Rom

»Hast du meine Wanderschuhe gesehen?« fragte Moses. »Ich habe sie überall gesucht, aber finde sie nicht!«

»Hast du in der Bundeslade nachgeschaut?« antwortete Zippora, bestrich ein Brot mit Butter und legte eine Scheibe Wurst darauf. Und als Moses wohlgefällig nickte: »Da sieht es aus wie bei Hempels unter dem Sofa. Deine Notizen, die Widderhörner, dein Sabbatanzug, der Zauberstab, geflügelte Stierfiguren, Nebelkerzen, Räucherwerk, alles durcheinander. Du musst endlich mal Ordnung in deine Sachen bringen!«

»Deine Tupperdosen gehören da auch nicht rein!«

»Gib mir lieber eine.«

Zippora legte den Proviant hinein. Dann stutzte sie und lachte: »Aber du hast sie doch an!«

Moses schaute an sich herunter. »Gott im Himmel, ja …« Für seine gerade mal 80 Jahre war er ein bisschen schusselig, ganz anders als seine Vorväter, die viele 100 Jahre rüstig und in geistiger Frische gelebt hatten! Aber Moses nahm es mit Humor.

»Wenigstens habe ich mich dabei«, scherzte er. »Oder was nach 80 Jahren von mir übrig ist!« Er verstaute die Flasche Mineralwasser und die Thermoskanne kalte Schafmilch im Rucksack, schnürte ihn zu und schulterte ihn.

»Hast du das Navi eingepackt?« fragte Zippora.

»Das Navi!« Moses schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. »Habe ich genauso vergessen wie die atmungsaktive und schweißabsorbierende Funktionsunterwäsche anzuziehen!«

Er lachte, gab Zippora einen Kuss und trat aus der Stiftshütte. Er schaute über das im Morgendämmer ruhende Lager der Israeliten, die still und friedlich in ihren Zelten schliefen und auch nur dann still und friedlich waren. Er blickte zu dem Berg hinauf, atmete tief durch und stiefelte los.

Am Ende des Zeltlagers erwartete ihn Aaron, seine rechte Hand und Dolmetscher. Er hatte den Leuten gestern Abend verklickert, dass Moses auf dem Gipfel Jahwe treffen würde, und sollte dafür sorgen, dass sie sich in seiner Abwesenheit einigermaßen zivilisiert aufführen.

»Mein Bruder Aaron!« begrüßte Moses seinen Gefährten vom Stamme Levi. »Hat mein Bruder Aaron das Pulver dabei?«

»Mein Bruder Moses!« erwiderte Aaron den Gruß. »Aaron hat, was sein Bruder Moses benötigt, wenn er jenen heiligen Ort erreicht hat, wo der Himmel mit der Erde sich vereint und ihm der Große Geist begegnen wird. Möge Aarons Bruder Moses Glück beschieden sein!« Er reichte Moses einen ledernen Beutel, eine Schachtel Streichhölzer und ein Bündel Schnüre.

Moses verstaute die Sachen in einem Fach des Rucksacks und schritt frisch aus. Zwei Stunden später war die Morgenkühle gewichen. Die Sonne gewann an Kraft, und Moses schnaufte, während er den Berg weiter hinaufklomm. Weil es keinen ausgeschilderten Pfad gab, musste er sich einen Weg durch das Geröll suchen, aber das Navi warnte ihn rechtzeitig und meldete »Gefahrenquelle«, wenn irgendwo ein Skorpion oder eine Giftschlange lauerte.

Moses hockte sich auf einen Felsblock, öffnete den Sack, nahm die Thermoskanne und trank einen kühlen Schluck, öffnete die Tupperdose und biss in das Wurstbrot. Milchernes und Fleischernes zusammen – das war was anderes als dieses Manna, das die Israeliten da unten seit Jahr und Tag aßen! Moses dachte an seine Zeit als ägyptischer Prinz zurück, als er noch Amun-Masesa hieß und jeden Tag fürstlich speiste und trank. Nur gut, dass er in der Stiftshütte eine gut gefüllte, goldene »Tiefkühltruhe« mitführte. Ab und an rief er auch nachts heimlich den Pizzabringdienst der Amalekiter an. Schlecht nur, dass er keine einzige Rechnung bezahlt hatte und die Amalekiter demnächst mit tausend Mann vorbeikommen wollten …

Moses verscheuchte den Gedanken, packte ein und sah zu, dass er Land gewann. Dummerweise hatte er sein Käppi vergessen, und die Sonne brannte ihm auf den Dez. Ein gottverdammter Scheißjob ist das, fluchte er, durch die Wüste gurken und für diesen Jahwe und sein Volk den Häuptling machen! Und der Lohn? Gemecker und Gemurre tagein, tagaus, selbst nachdem er sie alle heil durchs Schilfmeer geführt hatte, nur weil einigen die Schuhe nass geworden waren.

Moses wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wozu das alles! Er machte hier den Affen, und unten im Camp tanzten die Mäuse auf dem Tisch! Er kannte doch Aaron, den unsicheren Kantonisten. Moses konnte Hebräisch nur radebrechen und vermutete seit langem, dass der seine Anweisungen nicht richtig übersetzte. Was aus seinem Reisetagebuch wird, wenn Aaron es in sein barbarisches Idiom überträgt, seinem Sachbuch über richtige Ernährung, seinem juristischen Ratgeber, nicht auszudenken!

Aber was konnte er tun? Seine drei Söhne Gerschom, Eliëser und Karlheinz waren unfähig, seine Nachfolge anzutreten. Sie konnten bestenfalls Priester wie Aaron werden, Karlheinz vielleicht Autoschlosser. Eher schon taugte dieser Josua Wissarionowitsch zum Führer. Der war der Richtige, um mit den Kanaanitern fertigzuwerden.

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Moses mit den Zehn Geboten nach Peter Paul Rubens über dem Berg Sinai

Moses suchte sich hinter einem Felsvorsprung ein schattiges Plätzchen und rollte die Isomatte aus, um die Mittagshitze zu verschlafen. Im Traum erschien ihm seine Mutter, die ihn in einem Kästchen aus Schilfrohr gefunden haben wollte. Natürlich nahm ihr das niemand ab, weil alle wussten, dass sie ein Flittchen war und es sogar mit Beduinen trieb. Niemand nahm Anstoß daran, warum auch. Die Ägypter waren liberal und keine Mucker – sogar Geschwister konnten bei ihnen eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen. Nur der Pharao war halt ein Arschgesicht, ihr Vater.

Bilder vom Hof erschienen Moses, wo ihn die Priester Zauberkunststücke gelehrt hatten. Aus einem Stock eine Schlange machen, aus einem Felsen Wasser sprudeln lassen, ein Kaninchen aus dem Hut zaubern, einen Entfesselungstrick zeigen oder eine Jungfrau durchsägen, das war jedesmal ein Heidenspaß!

Moses erwachte erquickt, rieb sich den Schlaf aus den Augen, räumte seine Siebensachen zusammen und machte sich wieder auf den Weg. Die Sonne hatte den Zenit überschritten. Am Abend musste er oben sein.

Vielleicht, dachte er, sollte ich mich gar nicht als Prophet aufspielen. Aber mich Sohn Gottes nennen, um jede Widerrede im Keim zu ersticken, kommt noch weniger in Frage. Ich bin ja nicht meschugge! Ich muss doch froh sein, dass ich diese Stelle bei den Israeliten gefunden habe, nachdem der Schwindel aufgeflogen war und der Pharao mich davongejagt hatte, ich nicht mehr der feine Prinz Amun-Masesa war, sondern nur ein kleiner Moses!

Das Handy klingelte. »Alles in Ordnung?« fragte Zippora. »Der Wetterbericht hat eine klare Nacht vorhergesagt. Hast du deine Pillen genommen, Moische? Hast du noch genug zu essen und zu trinken? Soll ich dir Gerschom raufschicken, damit er was bringt? Ich geb ihn dir mal!«

»Nein, ich bin schon zu weit oben. Ist alles … Gerschom?!«

»Hallo Dad! Hier’s alles okay. Is’ bei dir auch alles okay, Dad?«

»Hier ist alles okay, okayer geht’s gar nicht, Gerschi. Okay …?« hörte sich Moses sagen.

»Okay … Mama will dich noch mal, Dad, okay?«

»Zippora? Ja. Ja! Ja! Danke, dass du angerufen hast. Bist ein Schatz!«

Moses legte auf. Die Olle ging ihm auf den Keks. Als wenn er nicht schon genug um die Ohren hätte, Himmel, Arsch und Zwirn! Um alles musste er sich kümmern, weil diese Leute derart ungebildet, unzivilisiert und schwer von Kapee waren, dass er wirklich bei Adam und Eva anfangen musste, damit sie irgendwas begriffen.

Andererseits verstand er selber nicht alles. Jeder normale Mensch wusste doch, dass es viele Götter gab. Und gerade wenn dieser Stammesgott Jahwe wirklich allmächtig war, konnte er doch Millionen Götter neben sich erschaffen! Warum wollte er so allein sein?

Aber es war zu spät, um auszusteigen. Moses musste gute Miene zu dieser Show machen, denn wenn ihn die Ägypter fänden … Und mit diesem ganzen Jahwe-Zeug machte er bei den Hebräern Eindruck. Vielleicht, seufzte er, sollte ich doch einen draufsetzen und mich arschklar als Sohn Gottes ausgeben. Einfach um bei diesen Leuten auf Nummer sicher zu gehen!

Kurz vor Sonnenuntergang war Moses auf dem Gipfel des Berges Sinai angelangt. Er verschnaufte ein wenig und packte das Feuerwerkszeug aus. Als die Dunkelheit hereinbrach, hatte er das Pulver verteilt, die Lunten gelegt und zündete eine nach der anderen an.

Bumm! Kawomm!! Rappazamm!!! Der Himmel stand in Flammen, es platzte und zischte, wummerte, knallte und donnerte! Jetzt zahlte es sich aus, dass Moses nach seinem Abitur ein freiwilliges kulturelles Jahr in Deutschland verbracht hatte und Silvester dort gewesen war! Unten im Tal reckten sie jetzt hoffentlich die Köpfe, fielen auf die Knie vor der Herrlichkeit des HErrn und fragten sich ängstlich, was Jahwe diesmal wieder ausgeheckt hatte und durch seinen Boten Tolles verkünden werde.

Während es oben blitzte und krachte, war Moses bereits beim Abstieg und schaute nur ab und zu hoch, ob alles wie geplant lief. Auf seiner Uhr war es kurz nach Mitternacht, Geisterstunde! Er fühlte in seinem Rucksack nach den zwei Papptafeln mit den Zehn Geboten. Eigentlich sollten es 365 sein, doch Aaron hatte ihn runtergehandelt, erst auf 248, dann auf hundert, schließlich auf zehn. Besser als nix!

Beim Näherkommen hörte Moses den Lärm. Dort unten wurde Party gemacht. Unmut stieg in ihm auf, tiefer Groll, Verzweiflung auch. Am liebsten würde er sie alle austilgen! Oder wenn sich der Erdboden auftäte und sie alle verschlänge! Denn einer gegen alle, das kann sich nur ein Gott leisten.

Also ließ Moses Jahwe Jahwe sein, machte gute Miene zum Spiel und tanzte ein paarmal mit ums Goldene Kalb, genau wie seine Frau und seine Söhne. Aaron, der am Mischpult saß, musste er vor aller Augen zu der tollen Fete beglückwünschen. Weil niemand von dem Budenzauber auf dem Berg Sinai was mitbekommen hatte, musste er dann ein zweites Mal aufsteigen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Peter Köhler, geboren 1957 in Eschwege, ist Journalist und Schriftsteller und hat zahlreiche Anthologien und Sachbücher veröffentlicht. Er ist Mitglied der satirischen »Neuen Göttinger Gruppe« und gehört der Jury des Satirepreises »Göttinger Elch« an. Zuletzt schrieb er an dieser Stelle am 20. August 2022 über den Gitarristen Goethe: »Der stadtbekannte Bruder Lügenmaul«.

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