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Aus: Ausgabe vom 01.10.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Deutsche Arbeiterpartei«

Lenin 1915: Im imperialistischen Krieg wird die Idee des Bündnisses von Sozialisten und Bourgeoisie vom Opportunismus bis zu Ende geführt
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Berlin 1915: Frauen werden zu Fahrerinnen von Straßenfahrzeugen ausgebildet

Unter Sozialchauvinismus verstehen wir die Anerkennung der Idee der Vaterlandsverteidigung im jetzigen imperialistischen Krieg, die Rechtfertigung des Bündnisses der Sozialisten mit der Bourgeoisie und den Regierungen der »eigenen« Länder in diesem Krieg, den Verzicht auf die Propagierung und Unterstützung proletarisch-revolutionärer Aktionen gegen die »eigene« Bourgeoisie usw. Es ist ganz offensichtlich, dass der grundlegende ideell-politische Inhalt des Sozialchauvinismus sich mit den Grundlagen des Opportunismus durchaus deckt. Das ist ein und dieselbe Strömung. Unter den Verhältnissen des Krieges von 1914/1915 wird der Opportunismus eben zum Sozialchauvinismus. Das Wesentliche am Opportunismus ist die Idee der Zusammenarbeit der Klassen. Der Krieg führt diese Idee bis zu Ende, wobei er zu den üblichen Faktoren und Stimuli eine ganze Reihe von außerordentlichen hinzufügt, da er die kleinbürgerliche und zersplitterte Masse durch besondere Drohungen und Gewaltanwendung zur Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie zwingt: Dieser Umstand vergrößert natürlich den Kreis der Anhänger des Opportunismus und erklärt vollauf das Überlaufen vieler gestriger Radikaler in dieses Lager.

Opportunismus bedeutet, dass die grundlegenden Interessen der Masse den vorübergehenden Interessen einer verschwindenden Minderheit von Arbeitern zum Opfer gebracht werden oder, anders ausgedrückt, dass ein Teil der Arbeiter mit der Bourgeoisie ein Bündnis gegen die Masse des Proletariats eingeht. Der Krieg macht dieses Bündnis besonders anschaulich und zwingend. (…) Die privilegierte Stellung einer »Oberschicht« von Kleinbürgern oder der Aristokratie (und Bürokratie) der Arbeiterklasse behaupten und festigen – das ist die natürliche Fortsetzung der kleinbürgerlich-opportunistischen Hoffnungen und der entsprechenden Taktik während des Krieges, das ist die ökonomische Grundlage des Sozialimperialismus unserer Tage.

(Anmerkung Lenins: Hier einige Beispiele dafür, wie hoch die Imperialisten und Bourgeois die Bedeutung der »Großmacht«-Privilegien und nationalen Vorrechte für die Spaltung der Arbeiter und ihre Ablenkung vom Sozialismus einschätzen. Der englische Imperialist Lucas gibt in seinem Werk »Das größere Rom und das größere Britannien« (Oxford 1912) zu, dass die Farbigen im heutigen Britischen Reich nicht gleichberechtigt sind, und bemerkt: »In unserem eigenen Reich, wo weiße Arbeiter und farbige Arbeiter Seite an Seite leben, … arbeiten sie … nicht auf gleicher Stufe, sondern der Weiße ist eher Aufseher als Arbeitskollege der Farbigen.« – Erwin Belger, ehemaliger Sekretär des Reichsverbandes gegen die Sozialdemokratie, lobt in seiner Schrift »Die Sozialdemokratie nach dem Kriege« (1915) das Verhalten der Sozialdemokraten und erklärt, sie müssten eine »reine Arbeiterpartei«, eine »nationale«, »Deutsche Arbeiterpartei« werden ohne »internationalistische, utopistische«, »revolutionäre« Ideen. – Der deutsche Imperialist Sartorius von Waltershausen tadelt in seinem Werk über die Kapitalanlage im Ausland (1907) die deutsche Sozialdemokratie, weil sie von einer … Förderung des »nationalen Gesamtwohls« – das in der Eroberung von Kolonien besteht – »nichts hören will«, und lobt die englischen Arbeiter für ihren »Realismus«, z. B. für ihren Kampf gegen die Einwanderung. – Der deutsche Diplomat Ruedorffer hebt in seinem Buch über die Grundzüge der Weltpolitik die allgemein bekannte Tatsache hervor, dass die Internationalisierung des Kapitals den verschärften Kampf der nationalen Kapitale um Macht, Einfluss und »Aktienmajorität« keineswegs ausschaltet, und betont, dass auch die Arbeiter in diesen verschärften Kampf hineingezogen werden. Das Buch datiert vom Oktober 1913, und der Verfasser spricht mit aller Deutlichkeit von dem »Kapitalsinteresse« als der Ursache der modernen Kriege; er meint, dass die Frage der »nationalen Tendenz« zur »Crux« des Sozialismus werde, dass die Regierungen von den internationalen Manifestationen der Sozialdemokratie, die ja immer nationaler werde, nicht zu befürchten hätten. Der internationale Sozialismus habe gesiegt, wenn es ihm gelingt, die Arbeiter innerlich ganz aus dem Gefüge der Nation zu lösen, denn mit den Mitteln der reinen Gewalt für sich allein sei nichts auszurichten, er werde aber eine Niederlage erleiden, wenn sich herausstellen sollte, dass diese nationalen Gefühle letzten Endes die stärkeren sind.)

(…) Der Sozialchauvinismus ist der Opportunismus, der so ausgereift ist, dass das Fortbestehen dieser bürgerlichen Eiterbeule innerhalb der sozialistischen Parteien unerträglich geworden ist.

Wladimir Iljitsch Lenin: Der Zusammenbruch der II. Internationale. Kommunist Nr. 1/2, 1915. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 21. Dietz Verlag, Berlin 1970, Seiten 236–239

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