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Aus: Ausgabe vom 29.09.2022, Seite 16 / Sport
Tischtennis

Wer auf China trifft, ist arm dran

Am Freitag beginnt die Tischtennis-Team-WM
Von Gabriel Kuhn
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Würde sogar Forrest Gump schlagen: Einzelweltmeister Fan Zhendong

Der Blockbuster »Forrest Gump« kam 1994 auf die Leinwand. In seiner Rolle als einfältiger, aber liebenswerter Südstaatler wird Tom Hanks unter anderem zum Tischtennisstar und reist mit US-Präsident Richard Nixon nach China. Es war eine Anspielung auf die sogenannte Pingpong-Diplomatie, bei der Anfang der 70er Jahre Tischtennisturniere dabei helfen sollten, die Beziehungen zwischen den USA und China zu normalisieren. Das chinesische Team stellte seine Teilnahme bei der WM in Japan 1971 unter das Motto »Freundschaft zuerst, Konkurrenz nachher«. Als ein US-Athlet seinen Teambus verpasste und von der chinesischen Auswahl mitgenommen wurde, war der mediale Augenblick der Versöhnung perfekt. China lud US-Athleten zum Training ein, 1972 folgte Nixons Staatsbesuch.

Ob jemand in der heutigen US-Regierung daran denkt, wenn am Freitag im chinesischen Chengdu die Tischtennis-Team-WM beginnt? Propagandawert haben Tischtennisduelle mit China für die USA kaum. Im ewigen Medaillenspiegel der Teamweltmeisterschaften stehen 58 chinesische Medaillen neun US-amerikanischen gegenüber. Die letzte US-Medaille datiert aus dem Jahr 1949, China trat damals noch gar nicht bei Weltmeisterschaften an.

Zum Volkssport entwickelte sich Tischtennis in China in den 60er Jahren entwickelt. Nachdem Rong Guotuan 1959 in Dortmund die erste Goldmedaille bei einer Sport-WM für die Volksrepublik überhaupt gewonnen hatte, wurden im ganzen Land Tischtenniskaderschmieden errichtet. Die Dominanz war bald erdrückend und ist es auch heute noch. Die chinesischen Herren gewannen elf der letzten zwölf Teamweltmeisterschaften, die Damen gar 20 der letzten 22.

Die erste Tischtennisweltmeisterschaft wurde 1926 in London ausgetragen. Bis 1957 gab es jedes Jahr eine WM, dann wechselte man in den Zweijahresrhythmus. Bis 1997 wurden Einzel- und Teamwettbewerbe gemeinsam durchgeführt, seither gibt es in jedem ungeraden Jahr eine Einzel-WM, in jedem geraden eine Team-WM. Nachdem die Teamweltmeisterschaft in Busan (Südkorea) im Jahr 2020 aufgrund der Covidpandemie nicht stattfinden konnte, ist die diesjährige Team-WM die erste seit vier Jahren.

Qualifiziert haben sich bei Herren und Damen jeweils 40 Teams. Doch nicht alle treten an. Russland und Belarus dürfen nicht. Der Internationale Tischtennisverband bestätigte den Ausschluss der Länder aufgrund des Ukraine-Krieges auf einer Sitzung im Juli. Anderen sind die chinesischen Coronaauflagen zu strikt. »Das Risiko ist zu hoch, denn wir wissen nicht, wie ein möglicherweise mit Corona infizierter Spieler aus China zurückkommen soll«, erklärte der Präsident des Österreichischen Tischtennisverbandes vorige Woche. Auch scheinen bei einigen österreichischen Spielern die notwendigen Covidimpfungen zu fehlen. Die Folge: Man bleibt zu Hause. Das ist nicht ganz unbedeutend. Österreich zählt historisch zu den stärksten europäischen Tischtennisnationen, bei Einzelweltmeisterschaften hat man mehr Medaillen gewonnen als Deutschland.

In der Wertung der Team-WMs hat Deutschland knapp die Nase vorne, zumindest wenn man die deutschen Teams in all ihren Variationen berücksichtigt. Bis 1957 bestand der Internationale Tischtennisverband auf einem gesamtdeutschen Team, die Trennung in BRD und DDR verzögerte sich damit. Dafür durfte das Saarland bis 1955 eigenständig antreten. Als die DDR schließlich mit einem eigenen Team spielen durfte, blieb ihr eine Teammedaille verwehrt. Nur im Einzel reichte es zu zweimal Edelmetall: Heinz Schneider (Post SV Mühlhausen 1951) gewann 1957 Bronze, Gabriele Geißler (BSG Außenhandel Berlin) 1969 Silber.

Erfolge eines gesamtdeutschen Frauenteams liegen lange zurück. Nur zweimal (1997 und 2010) gewann man seit dem Zweiten Weltkrieg Bronze. Die Männer hingegen holten seit 2004 einmal Bronze und fünfmal Silber, zuletzt 2018. Frauen und Männer wurden 2021 Europameister, obwohl das Herrenteam mit Timo Boll (Borussia Düsseldorf) und Dimitrij Ovtcharov (TTC Neu-Ulm) auf zwei Spitzenspieler verzichten musste. Boll und Ovtcharov sind auch für die WM 2022 nicht fit. Dazu fehlt Patrick Franziska (1. FC Saarbrücken), der gerade zum ersten Mal Vater wurde. Bundestrainer Jörg Roßkopf ist trotzdem guter Dinge. Der ehemalige Weltklassespieler hofft vor allem auf den Einzeleuropameister von 2022, Dang Qiu (Borussia Düsseldorf). Dang Qius Eltern waren in den 80er Jahren als Spitzenspieler aus China in die deutsche Tischtennisbundesliga gekommen, der Vater ist heute ein erfolgreicher Trainer. Kein ungewöhnlicher Hintergrund für europäische Tischtennisasse. Viele haben chinesische Eltern oder kamen selbst aus China und wurden eingebürgert, darunter auch die für den polnischen Verein KTS Tarnobrzeg spielende Han Ying, die mit der Vizeeuropameisterin Nina Mittelham (TTC Berlin Eastside) das deutsche Frauenteam in Chengdu anführt. Komplettiert werden die deutschen Aufgebote von Benedikt Duda (TTC Schwalbe Bergneustadt), Ricardo Walther (ASV Grünwettersbach), Kay Stumper (Borussia Düsseldorf), Fan Bo Meng (TTC Rhönsprudel Fulda-Maberzell), Shan Xiaona (TTC Berlin Eastside), Sabine Winter (TSV Schwabhausen) und der erst 16jährigen Jugendeuropameisterin Annett Kaufmann (SV Böblingen).

Eigentlich hätte die WM in Chengdu bereits im April stattfinden sollen, doch aufgrund der Coronalage verschoben die chinesischen Veranstalter den Termin. Die Sicherheitsvorkehrungen bleiben. Die Athleten befinden sich in einer Blase, wer zusehen will, muss in Quarantäne. Ausländisches Publikum wird kaum vor Ort sein.

Begonnen wird mit Spielen in acht Fünfergruppen. Die Erst- und Zweitplazierten steigen ins Achtelfinale auf, dann macht man im K.-o.-System weiter. Wer auf China trifft, ist arm dran. Wie bei kaum einer anderen Sport-WM hängt der Erfolg bei der Tischtennis-Team-WM für fast alle Teilnehmer vom Losglück ab. Die Nationenduelle werden im Best-of-Five-Modus ausgetragen.

Die Finalspiele finden am 9. Oktober statt. Es wäre eine Sensation, würden die chinesischen Teams, Männer und Frauen, an dem Tag nicht an der Platte stehen. Die größte Konkurrenz kommt aus anderen asiatischen Ländern: Japan, Hongkong, Taiwan, Südkorea.

Zu einer Besonderheit kam es bei der WM 2018. Nachdem die Damen Südkoreas und Nordkoreas nur wenige Tage nach der Unterzeichnung der Friedenserklärung von Panmunjom im Viertelfinale aufeinandertreffen sollten, beantragten die koreanischen Verbände, im Semifinale mit einem gemeinsamen Team antreten zu dürfen. Dem Antrag wurde stattgegeben. Das gesamtkoreanische Team verlor klar gegen Japan, nahm aber eine gemeinsame Bronzemedaille entgegen. Pingpong-Diplomatie 2.0.

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