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Aus: Ausgabe vom 29.09.2022, Seite 15 / Medien
Kampagne

Vorhang fällt und keine Frage offen

Wie Springer-Chef Mathias Döpfner sich beim Bundesverband der Zeitungsverleger verabschiedete
Von Kristian Stemmler
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»Nicht jeder will oder kann Zeitungen digital lesen«, warnt Mathias Döpfner

Es schien kaum vorstellbar, dass Mathias Döpfner zum Ende seiner Amtszeit als Präsident des Bundesverbands Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) – bis 2019 allgemein bekannt als Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger – noch einen draufsetzen würde. Der Chef des Springer-Verlages hatte sich in der jüngeren Vergangenheit so viele skurrile Affären und verdrehte Äußerungen geleistet, dass er das, jedenfalls nach menschlichem Ermessen, schwerlich noch steigern konnte. Aber der Medientycoon der etwas anderen Art ließ sich nicht lumpen und schoss den Vogel endgültig ab – mit zwei Skandalen zum Abtritt und einer Rede auf dem Jahreskongress des BDZV, die an Absurdität nicht mehr zu überbieten war.

Aber der Reihe nach: Nach langem Zögern, zahlreichen Affären und massivem Druck anderer Verleger und Verlegerinnen hatte Döpfner Ende Mai angekündigt, vom Posten des BDZV-Präsidenten im Herbst zurückzutreten. Dieser Ankündigung ließ er gleich den nächsten Eklat folgen. Am 1. Juni, also unmittelbar nach der BDZV-Mitteilung über seinen Rücktritt, veröffentlichte die Welt – Flaggschiff des Konzerns, in dem der Verlagschef seit Jahren krude, AfD-nahe Ergüsse publiziert – einen »Gastkommentar«, in dem sich Gegner einer progressiven Sexualaufklärung an Schulen austoben durften (jW vom 30.6.22). Die fünf »Gastautoren« führten wortgewaltig aus, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk (ÖRR) beim »Trendthema ›trans‹« Kinder »indoktrinieren« und »aufdringlich sexualisieren« würde. Es könne »nicht angehen, dass eine kleine Anzahl von Aktivisten mit ihrer ›woken‹ Transideologie den ÖRR unterwandert«. Der Kommentar entsprach der Agenda des Hauses Springer, vor allem von Bild, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bei jeder Gelegenheit als korrupten Haufen unfähiger Journalisten darzustellen, deren einziges Trachten es sei, die Republik in ein politisch korrekte Ökorepublik zu verwandeln. Dass es bei den Sendern durchaus reale Vorgänge gab und gibt wie die Affäre um die frühere RBB-Intendantin Patricia Schlesinger, nutzt das Boulevardblatt für seine Kampagne zur Zerschlagung des ÖRR, die im politischen Raum von CDU und CSU angeführt wird.

Vor dem Hintergrund dieser Kampagne wirkt Döpfners Verhalten einerseits schlüssig, bei genauem Hinsehen aber völlig widersinnig. Zeigt er doch mit seinen »Auftritten« und Skandalen vor allem, dass ein Medienkonzern – respektive seine Führung – die öffentliche Meinung nach Belieben manipulieren kann oder dies zumindest versucht. Bei seiner Abschiedsrede beim Jahreskongress des BZDV am 13. September bewies er das erneut. Döpfner sagte vordergründig manch Stimmiges. Er warnte, dass die aktuelle Kostenexplosion auch die deutschen Verlage bedrohe. Übermäßig steigende Gas-, Strom- und Papierpreise stellten die Existenz vieler Medienhäuser in Frage.

Ohne die gedruckte Zeitung aber werde »auch die Finanzierung von digitalem Journalismus in der laufenden Transformation kaum möglich sein«. Damit würden gerade »in der Fläche, im Regionalen und Lokalen gesellschaftlicher Zusammenhalt und örtliche Meinungsbildung aus verlässlichen Quellen geschwächt«. Zugleich warnte der Springer-Chef, am 1. Oktober steige der Mindestlohn auf zwölf Euro pro Stunde – damit verteure sich auch die klassische Zeitungszustellung massiv. »Nicht jeder will oder kann Zeitungen digital lesen«, warnte er.

Dass Döpfner mit seinen Äußerungen nicht auf »gesellschaftlichen Zusammenhalt« zielt oder wenigstens das Interesse seines Verlages vertritt, wurde durch eine Enthüllung der Financial Times erneut deutlich. Die Zeitung berichtete, Döpfner habe Bild für eine Kampagne gegen den Adidas-Konzern genutzt, der in der Pandemie vorübergehend die Mietzahlungen für seine Shops eingestellt hatte. Bild habe dabei aber nicht offengelegt, dass Döpfner selbst Immobilien an Adidas vermietete, für deren Nutzung nun kein Geld mehr geflossen sein soll. Dem FT-Bericht zufolge geht aus Grundbuchdaten hervor, dass Döpfner Miteigentümer eines Altbaus in der Münzstraße im historischen Zentrum Berlins ist, in dem Adidas ein Geschäft über zwei Etagen angemietet hatte. Noch Fragen?

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