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Aus: Ausgabe vom 29.09.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Verkörperte Verfremdung

Anke Engelke spielt diverse Mutterrollen, die alle nicht ganz echt sind: Carolin Schmitz’ Film »Mutter«
Von Holger Römers
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Anke Engelke als Mutter aller Mütter

Gleich in der ersten Szene von »Mutter« findet man sich einer nackt in der Badewanne sitzenden Frau gegenüber, die unumwunden in die halbnahe Kamera blickt und zu Protokoll gibt: »Ich war absolut frigide.« Der Überrumpelungseffekt, den diese doppelte Selbstentblößung hervorruft, wird von einer zusätzlichen Irritation begleitet: Da die Frau vor der Kamera als Anke Engelke zu erkennen ist, fällt nämlich prompt auf, dass ein fremde Stimme erklingt, wann immer der TV-Star in diesem Film den Mund aufmacht. Dass Schauspiel und Tonschnitt bei der kunstvollen Playbackdarbietung verblüffende Synchronizität erreichen, verleiht dieser subtilen Verfremdung nachhaltige Wirkung. Und dass mit dem Wechsel der Szenen jeweils andere Frauen zum Thema Mutterschaft zu Wort kommen, schärft wiederum die Aufmerksamkeit für die Besonderheiten der Stimmen. Beim Bemühen, sie zu unterscheiden, scheinen freilich sogar die am Film Beteiligten den Überblick verloren zu haben. Jedenfalls zählt der Abspann sieben »Originalstimmen« namentlich auf, wohingegen das Presseheft mehrfach die Zahl acht nennt.

Zwar erlaubt sich Carolin Schmitz selbstironische Pointen, etwa wenn sie die fast durchgehend solo auftretende Engelke in eine Zahnarztpraxis gehen lässt, wo der Behandlungsbeginn ihre lippensynchronen Mundbewegungen unterbricht. Allerdings wirkt die Umsetzung der Grundidee, die die Filmemacherin bei ihrem nach »Porträts deutscher Alkoholiker« (2010) und »Schönheit« (2011) dritten Langfilm verfolgt, nie als formalistische Spielerei. Statt dessen rückt die gewählte Form, während die verschiedenen Frauen von Beziehungen, Kinderkriegen und Muttersein berichten, Eigenheiten des Sprechens bei dokumentarischen Aufnahmen ins Bewusstsein. Würde man die jeweiligen Aussagen spontan als »authentisch« wahrnehmen, wenn man nicht wüsste, dass Schmitz reale Frauen zu den erwähnten Themen befragt hat? Dass die Frauen durchgehend unsichtbar bleiben und sich aus dem Gesagten allenfalls bruchstückhaft Lebensumstände und Biographien erschließen, macht jedenfalls neugierig auf rhetorische Elemente, die (vermeintlich) erahnen lassen, ob jemand beispielsweise um die Präsentation eines bestimmten Selbstbildes bemüht sein mag.

Dass eine prominente Schauspielerin reale Frauen verkörpert, legt ein performatives Verständnis weiblicher Identitäten nahe, zumal die oft statischen, kaum von Schnitten unterbrochenen Szenen die Schauspielerei zunehmend zum Thema machen: Man sieht Engelke in einem Dialogbuch blättern, bei der Anpassung eines Kostüms und auf einer Probenbühne. Das glamouröse Abendkleid, in dem sie schließlich mit toupierter Frisur ins Scheinwerferlicht tritt, ruft wohl nicht zufällig Hollywoodmelodramen der 40er in Erinnerung, die in späteren Jahrzehnten gern feministisch gedeutet wurden. Die ausgesucht banalen Tätigkeiten im Haushalt, bei denen die Schauspielerin sonst mehrfach zu sehen ist, wecken indes Assoziationen an einen gegensätzlichen Klassiker des feministischen Kinos, an Chantal Akermans »Jeanne Dielman« (1975).

Dabei lässt der dokumentarische Charakter der Tonspur die Frage aufkommen, inwieweit die Bildebene womöglich ebenfalls dokumentarisch ist, zumindest in einem erweiterten Sinne. Die sichtlich beschränkten Mittel, die der Filmproduktion zur Verfügung standen, lassen es denkbar erscheinen, dass entsprechende Szenen in einem Haus gedreht wurden, das von einem Teammitglied bewohnt wird. Solche Spekulationen lenken jedenfalls das Augenmerk auf die beschauliche Ordnung eines Eigenheims, das in einem gutsituierten Viertel am Rand einer deutschen Großstadt liegt.

Das passt wiederum zu den Milieus, die sich in den Aussagen aus dem Off andeuten, sofern die über persönliche Umstände überhaupt Aufschluss geben. Eine der Frauen ist Ermittlungsrichterin, eine andere ehemalige Leiterin eines Unternehmens mit 100 Angestellten. Eine dritte ist offenbar Lehrerin an einer weiterführenden Schule und deutet mehrfach eigene Schulgründungen an. Bei einer vierten wird zwar nicht ganz klar, welchen Beruf sie ausübt, doch schildert sie ihre wechselnden Lebenspartner als veritable Jetsetter. So kann uns, selbst wenn der schillernde Film die Unterschiede zwischen Einzelstimmen mitunter verschwimmen lässt, stets bewusst bleiben, dass die gebotenen Ausschnitte aus dem Mutteralltag nur sehr bedingt zu verallgemeinern sind.

»Mutter«, Regie: Carolin Schmitz, BRD 2022, 85 Minuten, Kinostart: heute

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