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Aus: Ausgabe vom 29.09.2022, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Zum bitteren Ende

Startragödie der muffigen Bundesrepublik: Rosa von Praunheims 93. Film »Rex Gildo – Der letzte Tanz«
Von Maximilian Schäffer
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Selige Tage im Showbusiness der Vergangenheit

Weil sich für einen Film über Rex Gildo im Jahr 2022 vor allem Kitschtunten und Schlageromis interessieren, hat sich Rosa von Praunheim (79) – Deutschlands zuständige Kitschtunte, Schlageromi und Autorenfilmikone – des Themas fachmännisch angenommen. Die Biographie des 1936 geborenen ­Hirtreiter Franz (so Gildo bürgerlich) aus Straubing in Niederbayern endete 1999 tragisch mit einem Fenstersturz in München. Selbstmord oder Unfall? Fans und Boulevard streiten bis heute über Leben und Abschied, Gebiss und Perücke des Schlagersängers. Denn was nach außen hin als Echthaar, Zahnschmelz und Lebensfreude galt, war insgeheim durch Perücke, Gebiss und Tablettensucht reguliert. Selbstverständlich war da was im Busch. Und da eben Rosa von Praunheim einen Film zur Personalie zu den Akten und damit in die Welt gibt, kommt man fast schon von selbst drauf: Rex Gildo war schwul.

Im 90minütigen Werk mit dem Titel »Rex Gildo – Der letzte Tanz« wird die Lebensgeschichte des Fiesta-Mexicana-Barden halbdokumentarisch abgearbeitet. Zeitungsausschnitte und Videofetzen werden ergänzt mit Spielfilmepisoden und Zeitzeugeninterviews. Man kennt diesen Dokumentarmodus Praunheims bereits aus unzähligen seiner unzähligen (ungefähr 93) Leinwandaufsätze. Kilian Berger (32), bisher vor allem als Musicaldarsteller in Erscheinung getreten, spielt den jungen Gildo. Kai Schumann (46), bisher vor allem als Fernsehschauspieler in Erscheinung getreten, spielt den alten. Ben Becker (57) gibt Fred Miekley, den Manager/Daddy/Ficker, und sieht dabei mühelos aus wie 75.

Kindheit in Bayern ohne Vater, Kriegsjahre, Tod der Mutter, Ausbildung beim Herrenausstatter, Entdecktwerden, Ballett-, Schauspiel- und Gesangsunterricht, Karriere, Abstieg, Tod. Alles wird abgearbeitet, von A bis Z, vom Anfang bis zum bitteren Ende. Praunheim ist wie gewohnt ehrlich, er begründet sein Interesse an der Figur Gildo mit einer Jugenderfahrung und den Klatschblattgerüchten. Viel tiefer geht der Film auch nicht, abseits der offensichtlichen Tragödie der verklemmten, verheimlichten Homosexualität gibt es wenig zu erfahren. Gefährtinnen wie Conny Froboess und Gitte Hænning berichten von gemeinsamen Tagen im Showbusiness der 60er und 70er Jahre. Beide sollten auch optisch als Projektionen der muffigen Bundesrepublik das Komplementär zu »Sexy Rexy« abgeben. Eine nette junge Frau für den netten jungen, heterosexuellen Mann.

Ben Becker und Kilian Berger – Svengali und Schützling – dürfen im Ehebett kuscheln und küssen, bis die vierte Wand durchbrochen wird. Drei Schlager­omis, die Wilmersdorfer Witwen des verstorbenen Gildo sozusagen, sorgen fürs Geraderücken des Narrativs. Sie stürmen das Set: »Unser Rex war nicht schwul«, und der Regisseur ist »eine alte Sau«. Tatsächlich können solche hitzigen Diskussionen noch heute in den giftigen Kommentarspalten von Youtube beobachtet werden. Enttäuschte Seelen machen hier ihrem Frust Luft und träumen von einer edlen Welt ohne Gleitgel und Einlauf, einem Rex ohne Dildo.

Rosa von Praunheim ringt sich durch, ein weiteres Mal das Milieu der BRD in den 60ern zu erklären: Staubig, konservativ, Paragraph 175. Dann die 68er: Fortschritt, Befreiung, Aufklärung. Was will man dazu noch sagen? Ein Film über Rex Gildo erklärt den Schlagerfans, was Schwule durchmachten, und den Schwulen, was ein Schlagerstar durchmacht. Besonders tragisch sind die Videoaufnahmen des vollgedröhnten Gildo bei der hundertsten, tausendsten Autohaus- oder Fahrradladeneröffnung. Schweißperlen tropfen, Töne fehlen, der Hirtreiter Franz endet als solariumverbrannter Schatten seiner selbst. Fast nur noch im Osten interessieren sich Rentnerinnen für ihn, der Fanklub Chemnitz hält ihm die Treue, der bayerische sitzt in Tuntenhausen.

Nach vielschichtigen Qualitätsspielfilmen wie »Härte« (2015) und »Darkroom – Tödliche Tropfen« (2019) sowie originellen dokumentarischen ­Perspektiven wie »Männerfreundschaften« (2018) und »Operndiven – Operntunten« (2020) leistet sich Deutschlands schwulster Filmemacher hier sein persönliches Lowlight der letzten zehn Jahre. Praunheim genügt es an dieser Stelle, die Eckdaten Gildos mit unbemühter Recherche zu kontextualisieren. Dialoge, deren Plattheit sich nicht zum Stil/Camp erheben kann, werden durch ebenso geartete Möbelhauskulissen und dudelige Hintergrundmusiken ergänzt. Selbst Kitschtunten und Schlageromis dürften sich an dieser müden Abhandlung einer deutschen Startragödie wenig begeistern. Einzig die zutiefst menschliche, immer bemüht empathische Perspektive Praunheims – und die rettet alle seine unzähligen Filme – bewahren diesen Film vor dem Vorwurf der Beleidigung von allen Seiten. Hossa.

»Rex Gildo – Der letzte Tanz«, Regie: Rosa von Praunheim, BRD 2022, 89 Min., Kinostart: heute

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