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Aus: Ausgabe vom 29.09.2022, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Mit Erfahrungshunger

Helmut Böttiger schreibt mit »Die Jahre der wahren Empfindung« eine Geschichte der deutschen Literatur der 70er Jahre
Von Sabine Lueken
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So schick waren die 70er: Die Mitarbeiter der Literaturzeitschrift Nachtcafé

Als Uwe Johnson am 6. April 1967 seine Lieblingszeitung New York Times aufschlug, erfuhr er, dass in seiner Wohnung in Berlin-Friedenau elf Personen verhaftet worden waren. Sie hätten ein Attentat auf den US-amerikanischen Vizepräsidenten Hubert Humphrey geplant – was später als »Puddingattentat« in die Geschichte einging. Johnson hatte, bevor er in die USA ging, seine Räumlichkeiten an den Bruder von Hans Magnus Enzensberger und an dessen Frau untervermietet, die dort mit der »Kommune 1« eingezogen war. Er rief sofort seinen Nachbarn Günter Grass an und bat ihn, die Wohnung von den unliebsamen Gästen räumen zu lassen. Zwei Tage später meldete Grass Vollzug, als »große(r) Rausschmeißer der Puddingschmeißer«.

Solcherart Anekdoten und Begebenheiten und die vielfältigen Verbindungen zwischen Autoren und Autorinnen ziehen sich durch das ganze Buch und bilden einen roten Faden, so dass Helmut Böttigers äußerst anregende Darstellung der »wilde(n) Blütezeit der deutschen Literatur« der 70er Jahre trotz ihrer Vielfalt kompakt wirkt. Für den Literaturkritiker und Essayisten beginnen sie 1968, als Walter Boehlich, Karl Markus Michel und Hans Magnus Enzensberger im seither berühmten Kursbuch 15 – vermeintlich – den Tod der Literatur als Kunst proklamierten.

1973 löste ein Buch in studentischen Wohngemeinschaften heftige Debatten aus. Peter Schneider, Aktivist des SDS, hatte darin seiner Desillusionierung Luft gemacht. Sein Alter ego »Lenz« – angelehnt an Georg Büchners Erzählung über den Sturm-und-Drang-Dramatiker – leidet an der Hilflosigkeit und mangelnden Sinnlichkeit der linken Bewegung. Schneider selbst hatte vergebens versucht, die Arbeiter bei Bosch zu mobilisieren. Andere hatte dieses Scheitern in K-Gruppen oder in den bewaffneten Kampf geführt.

Schneiders Buch wurde paradigmatisch für das laut Böttiger große Thema der 70er Jahre: die »psychischen Anforderungen, die die gesellschaftlichen Emanzipationsprozesse mit sich brachten«, der »auf sich selbst zurückgeworfene einzelne« – kurz der »subjektive Faktor«. Später nannte man das den »neuen Subjektivismus«. Aber die »wahre Empfindung« dieser Jahre – Böttigers passender, von Peter Handke entwendeter Titel – bleibt in dieser Zeit gesellschaftlich gebunden, weil Privates und Politik zusammengedacht wurden, Momente von Epiphanie nicht ausgeschlossen.

Für die Selbstverständigung der Gesellschaft war Literatur wichtig. Gewisse »Kultbücher« standen in jedem studentischen Bücherregal, Kaufwillige drängten sich täglich an den Büchertischen vor den Mensen, um linke Klassiker als Raubdrucke zu erstehen, die Versandhandelsfirma Zweitausendeins setzte im Direktvertrieb einzelner Titel phantastische Auflagen um. Der Streit, der im Westberliner Wagenbach-Verlag 1973 zum Schisma führte, hielt die linke Szene in Atem. Ging es um die Veröffentlichung von Texten der RAF und Ulrike Meinhofs oder um die Autonomie des Lektorats? Entscheidender Kontrahent Klaus Wagenbachs war jedenfalls Friedrich Christian Delius (»F. C. Delius«), der dort Lektor war. Schneiders »Lenz« war dann das erste Buch, das im neu ausgegründeten Rotbuch-Verlag erschien.

Zu den Kultbüchern gehörten auch die ersten feministischen Publikationen, Karin Strucks »Klassenliebe«, erschienen 1973, sowie Verena Stefans »Häutungen« 1975, in denen die Selbsterkundung aus weiblicher Sicht die Leserschaft zu wilden Diskussionen reizte, ebenso wie Ingeborg Bachmanns »Malina« oder die Auftritte Peter Handkes, des ersten Popstars der deutschsprachigen Literatur.

Böttiger betont in einem aufschlussreichen Kapitel die Bedeutung linker alternativer Verlage und Buchhandlungen, die überall in der Bundesrepublik entstanden, sowie von (oftmals hektographierten) Zeitschriften wie Der Metzger, Ulcus Molle Info oder Das Nachtcafé. Jürgen Theobaldy hatte hier sein literarisches Debüt, 1974 galt sein Gedichtband »Blaue Flecken« als das Buch der Stunde. Eine wichtige Rolle spielte der findige Literaturmanager und -professor an der TU-Berlin Walter Höllerer, Mitglied der »Gruppe 47«, der mit Hilfe der US-amerikanischen Ford Foundation in Berlin das Literarische Colloquium gegründet hatte und vielen aufstrebenden Autoren den Zugang zu Netzwerken des Milieus verschaffte, so zum Beispiel Hubert Fichte. Neben Theobaldy knüpften Rolf Dieter Brinkmann und der leider nahezu vergessene, großartige Nicolas Born an die US-amerikanischen Beatpoeten und den »Underground« an. Ein wichtiger Impuls war auch die Beschäftigung mit der eigenen sozialen Herkunft, sei es aus »bildungsfernen Schichten« oder der »Mittelschicht«, oder die Auseinandersetzung mit den Nazivätern bei Hermann Peter Piwitt, Christoph Meckel und Bernward Vesper.

Von den Autoren aus der DDR finden sich Volker Braun, Franz Fühmann, Christa Wolf und Sarah Kirsch. Fritz Rudolf Fries, die »größte Überraschung der DDR«, will Böttiger vom »Stasi«-Makel befreien. Der Autor, von dem es »keine einzig Zeile (…) Schund- und Parteilichkeitsliteratur« gebe, sei für ihn »einer der wenigen wirklich herausragenden deutschen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte«. Heiner Müller, von Delius für den Westen entdeckt, begründete in den 70er Jahren mit seinen Theaterstücken »seine erratische Fama«, und später habe es gereicht, wenn er in der Öffentlichkeit präsent war, aus seiner Brille herausschaute und ein paar Bonmots raushaute: »Hinter mir wird die Dekoration aufgebaut. (…) Ich spiele nicht mehr mit.« Das Köln-Konzert und die Ausbürgerung Wolf Biermanns am 13. November 1976 beschreibt Böttiger mit süffisanten Seitenhieben auf den Sänger als einschneidendes Ereignis für die Literatur der DDR, das den anfänglichen Verheißungen der Ära Honecker, dem »Tauwetter« im Kulturbetrieb, ein Ende machte.

Über Heinrich Böll schreibt Böttiger so emphatisch, dass man den als »Gutmenschen« Verunglimpften gleich wiederlesen möchte. Günter Grass kommt nicht so gut weg, er habe sich nach Böttigers Meinung mit seinem Engagement für die SPD in den 70ern ins gesellschafts- und kulturpolitische Abseits gestellt. Eigene Kapitel sind »Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss, »Jahrestage« von Johnson und »Zettels Traum« von Arno Schmidt gewidmet.

Spätestens mit dem Regierungsantritt Helmut Kohls 1982 war dann Schluss. Bereits 1981 erschienen Botho Strauß’ »Paare, Passanten«, darin findet auf den letzten Seiten – meistzitiert – der Abschied von Theodor W. Adorno statt: »Ohne Dialektik denken wir auf Anhieb dümmer, aber es muss sein: ohne sie!« Böttiger konstatiert: »Damit waren die siebziger Jahre vorbei.«

Helmut Böttiger: Die Jahre der wahren Empfindung. Die 70er – eine wilde Blütezeit der deutschen Literatur. Wallstein-Verlag, Göttingen 2021, 473 Seiten, 32 Euro

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