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Aus: Ausgabe vom 28.09.2022, Seite 11 / Feuilleton
Literatur

Dem Staat eins auswischen

In seinem Debütroman »Cefurji raus!« erzählt Goran Vojnovic vom Leben der slowenischen Vorstadtjugend
Von Angelo Algieri
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Imbissstand in Sloweniens Hauptstadt Ljubljana (15.5.2007)

»Vielleicht ist das eigentliche Problem, dass ich ein Tschefur bin«, meint der Ich-Erzähler und Protagonist Marko Dordic im Romandebüt »Cefurji raus!« des slowenischen Schriftstellers Goran Vojnovic. Ein Tschefur ist in Slowenien jemand – in Fremd- und Eigenbezeichnung –, dessen Vorfahren von südlich des Flusses Kolpa stammen, meist aus dem Staatsgebiet des ehemaligen Jugoslawiens, etwa aus Bosnien oder Serbien. Sie leben vorwiegend in Siedlungen an der Stadtperipherie, sie stehen am Rande der Gesellschaft. In Ljubljana sind Graffiti zu lesen: »Cefurji raus!«, auf deutsch. Die Naziassoziationen sind gewollt.

Der Roman, der u. a. mit dem renommierten slowenischen Preseren-Preis ausgezeichnet wurde, handelt vom 17jährigen Marko, einem Jungen, der in Fuzine wohnt, ein Stadtteil Ljubljanas, der fest in Tschefurenhand ist. Er spielt Basketball und sein Vater meint ein großes Talent in ihm zu erkennen. Doch nach einer Meinungsverschiedenheit mit dem Trainer hört Marko mit dem Sport auf. Statt dessen macht er das, was Tschefuren seiner Ansicht nach machen: die Spiele von Roter Stern Belgrads anschauen, über Frauen reden, als ob sie Waren wären, über Schwule herziehen und andere als »debil« darstellen. Ein Macho, der aber über die Ausgrenzung der Mehrheitsgesellschaft reflektiert, etwa wie die slowenische Polizei Tschefuren a priori für Kriminelle hält und sie misshandelt.

Eines Abends, als Marko und seine Freunde vom Block besoffen in einen Bus einsteigen und randalieren, werden sie vom Busfahrer, der auch ein Tschefur ist, herausgeworfen. Die Polizei kommt und misshandelt die Jungs. Einer seiner Kumpel, der einige Knochenbrüche erlitten hat, will Rache – aber nicht an den Polizisten. Sondern am Busfahrer, der sie angeblich verraten hat. Er spürt ihn gemeinsam mit Marko auf, sie schlagen ihn brutal zusammen. Erschrocken von ihrer Tat, hauen sie ab, fürchten die Verfolgung durch die Polizei. Doch es kommt anders und bleibt doch nicht folgenlos …

In seinem Buch hält Goran Vojnović sowohl der Mehrheitsgesellschaft als auch seiner Tschefuren-Community den Spiegel vor. Zum einen beschreibt er, wie diese Minderheit in Slowenien ausgrenzt und schikaniert wird. Zugleich zeigt er die archaische Denkweise vieler Tschefuren, die dem slowenischen Staat eins auszuwischen versuchen und dabei doch von der Sehnsucht nach kurzfristigen Erfolgen und Konsumwerten getrieben sind. Dazu passt die realistisch vulgäre, misogyne und homophobe Sprache. Die 47 lakonischen Kapitel sind anekdotenhaft erzählt.

Das ist zugleich das Problem des Romans, der ursprünglich als Drehbuch konzipiert wurde, Vojnović ist auch Film- und Fernsehautor. Ästhetisch überzeugt der Text leider wenig, was auch mit der teils inkohärenten Übersetzung zusammenhängt. Die Jugendsprache wirkt auf Deutsch furchtbar angestaubt, vor allem die forciert-gereimten Sprüche. Die Provokation mit Vulgarismen bleibt effekthascherisch, Vojnović hätte sich ein Beispiel an dem französischen Schriftsteller David Lopez nehmen können. Die Sprache dessen Romandebüts »Aus der Deckung« (2020) ist durchgehend rhythmisch mit literarischen und Rap-Referenzen, der Stil solide und virtuos zugleich, was auch in der Übertragung funktioniert. Auch Lopez erzählt klug von Jugendlichen aus den Rändern der Gesellschaft – aber nie derb abgeschmackt. Vojnović Roman erinnert dagegen eher an den Debütroman »Sonne und Beton« (2017) des Comedians Felix Lobrecht. Beide beschreiben realistisch Milieus, aus denen sie kommen, was äußerst wichtig ist, doch vergessen sie dabei, dass Literatur auch mehrschichtig sein muss.

Goran Vojnovic: Tschefuren raus! oder Wie ich wieder mal zu Fuß in den zehnten Stock musste. Aus dem Slowenischen von Klaus Detlef Olof. Folio Verlag, Wien 2021, 272 Seiten, 22 Euro

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