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Aus: Ausgabe vom 28.09.2022, Seite 5 / Inland
Studie

Arm durch Pflege

Jeder fünfte pflegende Angehörige ist armutsgefährdet. Sozialverband VdK fordert festes Gehalt für Betroffene
Von Susanne Knütter
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Nette Kampagne des VdK mit Konstruktionsfehler: Die Sorgen der meisten Menschen sind nicht die des Finanzministers

Eine Reihe von Kleintransportern steht vor der Bundeszentrale des Sozialverbands VdK. Geladen haben sie großformatige Plakate, die nach der Pressekonferenz am Dienstag morgen ins Regierungsviertel gebracht werden sollen. Darauf zu sehen: Vertreter der Bundesregierung, Lauterbach, Lindner, Paus, Baerbock und Scholz – gealtert. Daneben Sätze wie »Es liegt an Ihnen, ob Ihre Angehörigen später das Geld haben, um Sie zu pflegen.« Es ist eine schöne Idee mit Konstruktionsfehler. Denn die da adressiert werden, müssen sich weder jetzt noch später um ihre Betreuung sorgen.

Anders sieht es für einen großen Teil der 4,1 Millionen Pflegebedürftigen und ihre Familien in der BRD aus. 3,3 Millionen von ihnen leben zu Hause. Ein Großteil wird von seinen Nächsten, den Angehörigen, versorgt. Und die Zahl steigt stetig, erklärte VdK-Präsidentin Verena Bentele bei dem Pressegespräch in Berlin. Wie viele es hierzulande genau sind, ist bisher unbekannt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) geht von 5,3 Millionen pflegenden Angehörigen aus. Etwa die Hälfte von ihnen pflegt die Eltern, 20 Prozent einen Ehepartner, 13 Prozent kümmern sich um pflegebedürftige Kinder, sagte Andreas Büscher, Leiter des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege, bei der Vorstellung einer von zwei Studien, die der VdK in Auftrag gegeben hatte.

Die Untersuchung zeigt: Nächstenpflege – der vom VdK präferierte Begriff – ist eine Familienangelegenheit, weiblich und macht arm. Jeder fünfte pflegende Angehörige ist armutsgefährdet, bei pflegenden Frauen ist es jede vierte. In 40 Prozent aller entsprechenden Haushalte sind Angehörige allein für die Versorgung des Pflegebedürftigen verantwortlich. Die meisten Hauptpflegepersonen sind zwischen 56 und 65 Jahre alt und damit noch im erwerbsfähigen Alter. Mit der Übernahme der Nächstenpflege geht die Erwerbstätigkeit zurück. Deutlich, wenn zehn oder mehr Stunden wöchentlich gepflegt wird. Bei 54 Prozent sind die Hauptpflegepersonen gar nicht mehr erwerbstätig. 27 Prozent arbeiten bereits vor Übernahme der wesentlich intensiveren Pflege in Teilzeit oder in einem Minijob.

Das fehlende Einkommen bedeutet in der Regel eine erhebliche Belastung. 35 Prozent der Befragten gaben an, die finanzielle Situation bereite ihnen Sorgen. Drei Viertel der Befragten hätten sogar zusätzliche Ausgaben, weil weder die Teilkostenerstattung der Pflege- noch die der Krankenversicherung ausreicht.

Das Pflegegeld der Pflegeversicherung wird als finanzielle Anerkennung verkauft. Tatsächlich steht es zur freien Verfügung und wird von 82 Prozent der Pflegehaushalte genutzt. 51,8 Prozent der Befragten sagten, sie verwendeten es für laufende Ausgaben. 38,6 Prozent nutzen es für Dienstleistungen, die in der Pflegeversicherung nicht vorgesehen sind. Was in der Eindeutigkeit nicht erwartet worden war, so Büscher: »64,8 Prozent der Befragten sagten, mehr Geld für die Pflege zur Verfügung zu haben würde helfen.« Alle Kosten sollten übernommen werden.

Der VdK fordert daher einen festen Lohn für pflegende Angehörige. Zwar habe die Ampel in ihrem Koalitionsvertrag eine Lohnersatzleistung vorgesehen, wobei aber von konkreteren Planungen bislang nichts bekannt sei, sagte Bentele. Zugleich betonte sie, dass ein Lohnersatz, der sich nach dem letzten Gehalt richtet, Frauen und Geringverdiener benachteiligen würde. Mit einem Pflegegehalt würde die Armutsgefährdungsquote am deutlichsten sinken, und dies helfe insbesondere Frauen. »Nur von den Angehörigen können wir so gepflegt werden, wie wir es uns wünschen«, so Bentele.

Die jW fragte nach: Was, wenn alle Appelle an die Bundesregierung nicht helfen? Bentele verwies auf die »Demos ohne Menschen«, die ihr Verband in den vergangenen Monaten symbolisch im Namen der »die Nächsten Pflegenden« veranstaltet hat. Der VdK habe 2,6 Millionen Mitglieder in allen Bundesländern. Bentele schlug eine Demo mit Menschen vor und ruderte zugleich zurück: »Das soll jetzt kein Aufruf sein.« Warum eigentlich nicht?

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  • Leserbrief von Reinhard Hopp aus Berlin (27. September 2022 um 20:18 Uhr)
    All die Millionen von Billigarbeitern und -arbeiterinnen in diesem Land, denen am Ende des wenigen Geldes regelmäßig noch ein langer Restmonat bevorsteht, sind ja doch wohl kaum in der Lage, eine auch nur annähernd ausreichende Altersvorsorge aufzubauen. Hingegen dürften all diejenigen – wie u. a. die in dem Artikel genannten überdotierten Sozialschmarotzer –, die diesen Millionen chronisch Unterbezahlten über ein langes und hartes Arbeitsleben hinweg permanent den größten Teil des von ihnen erarbeiteten Mehrwertes gestohlen haben, sich kaum Sorgen zu machen brauchen, wer ihnen im hohen Alter ihre fetten Ärsche abwischen wird. Es werden mal wieder die gleichen ewig Betrogenen sein! Also, »Verdammte dieser Erde« (Frantz Fanon), wehrt euch früh genug, denn später wird es zu spät sein!

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