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Aus: Ausgabe vom 28.09.2022, Seite 1 / Inland
Immobilienmarkt

Im Notfall Räumung

Wohnungsriese Vonovia will Mietern kündigen, die Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen
Von Raphaël Schmeller
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Demonstration für die Enteignung großer Wohnungskonzerne (Bochum, 23.4.2022)

Vonovia-Aktionäre müssen sich keine Sorgen machen: Die Verarmung der Bevölkerung soll der Profitmacherei auch in Zukunft nicht im Wege stehen. Das machte die Chefetage des Wohnungsriesen auf seinem Investorentag am Dienstag klar. Mieter, die über Monate ihren Zahlungsverpflichtungen etwa für die stark gestiegenen Nebenkosten nicht nachkämen, wolle man kündigen, heißt es in Dokumenten, die Vonovia zum »Capital Markets Day« vorlegte. »Letzter Ausweg: Versendung der Räumungsaufforderung«, so der Wortlaut.

In den Dokumenten beschreibt der Konzern sein Vorgehen im Fall ausbleibender Zahlungen im Detail. Nach einem »Stufenmodell« gehe es zunächst um die Gründe für Zahlungsversäumnisse. Könne der Mieter etwa Hilfen vom Staat erhalten, informiere ihn Vonovia, wie er an diese kommen könne, damit die öffentliche Hand den Mieter unterstütze. Komme der Mieter »trotz eines Angebots individueller Lösungen« durch Vonovia weiter seinen »Verpflichtungen« nicht nach, lasse der Konzern ihm eine formelle Zahlungsaufforderung zukommen. Summierten sich die Rückstände auf den Wert von zwei Monatsmieten, komme es in einem letzten Schritt zur Räumungsklage. Danach könne die betroffene Wohnung neu vermietet werden.

»Das ist eine Frechheit«, reagierte Nicole Lindner, Aktivistin im Bündnis »Mietenwahnsinn«, am Dienstag im jW-Gespräch. Genau ein solches Vorgehen – mitten in der sich zuspitzenden Energiekrise – zeige, warum Vonovia und andere Wohnungskonzerne vergesellschaftet gehörten.

»Mieterinnen und Mieter sind keine Melkkühe«, so Lindner weiter. Und außerdem: »In vielen Objekten der Vonovia schimmelt es, andere sind von Ratten befallen. Vonovia sollte sich mal um diesen Reparaturrückstand und nicht um die Rendite der Aktionäre kümmern!«

Die durch Zukäufe zum größten Immobilienkonzern der BRD gewachsene Vonovia kündigte am Dienstag außerdem an, angesichts steigender Zinsen und anziehender Baukosten Investoren für Gemeinschaftsunternehmen mit ins Boot holen zu wollen. Man strebe Gemeinschaftsprojekte etwa mit Pensionsfonds an.

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Peter S. aus Berlin (27. September 2022 um 20:10 Uhr)
    Das Übliche also in diesem Staat: Investorenschutz geht vor Mieterschutz. Entlastungspakete für Konzerne, sogar Verstaatlichungen, damit die Aktionäre nicht alles verlieren, und für die Entlastung der Mieter ein paar Peanuts und allenfalls das Aufschieben von Schuldzahlungen – angesichts einer Krise, die sich über Jahre hinziehen dürfte, aber sicher nicht mit der Aussicht, dass sich die Einkommen der Mieter so erhöhen, dass sie in der Zukunft die Schulden begleichen können. Der alte APO-Spruch »Bei der Rüstung sind sie fix, für die Mieter tun sie nix« ist aktueller denn je. Mal an einem Sonntag 100 Mrd. Euro für die »Entlastung der notleidenden« Bundeswehr rauszuhauen ist kein Problem (das eigentliche erste »Entlastungspaket«, das so gern übersehen wird), aber minimale Mieterabsicherungen gehen gar nicht. Muss die Feuerwehr erst einige erfrorene / verhungerte/an Lungenentzündung verstorbene exmittierte Mieter der Vonovia aus dem Rinnstein kratzen, damit die Politiker ihr Hirn einschalten? Oder besteht gerade darin der eigentliche Daseinszweck dieser Politiker und ihrer Politikziele? Den APO-Spruch sollte die Mieterbewegung bei jeder Demo vorne tragen. Damit jedem klar wird, was hierzulande nicht (!) Staatsziel ist: das Wohl der Mehrheit der Bürger.

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