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Aus: Ausgabe vom 27.09.2022, Seite 7 / Ausland
Kampagne gegen Corbyn

Labour gegen Corbyn

Ohne Rücksicht auf Verluste: Al-Dschasira dokumentiert »größtes Leak« britischer Politgeschichte zu Kampagne gegen früheren Parteichef
Von Ina Sembdner
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Links ist daran gar nichts mehr: Labour-Parteitag singt »God save the King« (Liverpool, 25.9.2022)

Antisemitismusvorwürfe sind eine der schärfsten Waffen des rechten Parteiflügels der britischen Labour-Partei gegen den linken ehemaligen Parteivorsitzenden Jeremy Corbyn bei dessen Ausbootung gewesen. Dieser Tatsache wurde auch in der jW vor zwei Jahren Rechnung getragen. Der panarabische Nachrichtensender Al-Dschasira hat nun nach eigenen Angaben »das größte Leak in der britischen Politikgeschichte« erhalten und schildert die über Jahre gelaufene Kampagne umfassend anhand zahlreicher interner Parteidokumente, Daten aus sozialen Netzwerken und verdeckten Mitschnitten in einer dreiteiligen Dokumentation, deren letzter Teil am Montag abend ausgestrahlt werden sollte. Insgesamt geht es um Material, das 500 Gigabytes umfasst und den Zeitraum von 1998 bis 2021 einschließt. Corbyn war von 2015 bis 2020 Chef der britischen Sozialdemokraten und exponierter Vertreter des linken Parteiflügels – im Gegensatz zum jetzigen Vorsitzenden Keir Starmer. Der unterstrich seine Ausrichtung gleich noch einmal bei der seit Sonntag in Liverpool stattfindenden Labour-Konferenz: Ein Queen-Ehrenbanner im Hintergrund des Saals und das gemeinsame Singen von »God save the King« zur Einstimmung, das erste Mal in der Parteigeschichte. Für Corbyn »sehr, sehr merkwürdig« und »überflüssig«, wie er gegenüber BBC am Sonntag anmerkte.

Wie Al-Dschasira zusammenfasst, belegen die Daten, »wie Funktionäre in einer rücksichtslosen Kampagne ihre eigenen Mitglieder zum Schweigen brachten, ausgrenzten und aus der Partei ausschlossen, um die Chancen von Jeremy Corbyn, britischer Premierminister zu werden, zu zerstören«. Zu Wort kommt unter anderem die für Parteiuntersuchungen zuständige Halima Khan, die »schreckliche« Dinge innerhalb Labours gesehen habe. Und sie fühlt sich schuldig: In ihrer Position hatte sie eine ältere Parteiangehörige wegen Antisemitismusvorwürfen ausgeschlossen. Diese starb kurz danach an einem Herzanfall. Khan erinnert sich an ein Treffen mit Leuten aus dem Parteiapparat, auf dem darüber gescherzt wurde. Ein ranghoher Funktionär sagte demnach: »Sieh mal, wir sind jetzt Antisemitenmörder«, woraufhin der ganze Raum in schallendes Gelächter ausgebrochen sei. Ihr Auftrag sei es gewesen, private Facebook-Seiten und andere Social-Media-Konten nach »antisemitischem« Material zu durchsuchen, was übersetzt bedeutete: dem Wort Palästina.

Das Niveau der Anti-Corbyn-Kampagne ist nicht nur in diesem geschilderten Fall unterirdisch. In einer Whats-App-Unterhaltung aus dem Jahr 2017 erklärte die damalige Leiterin der internen Verwaltung, Claire-Frances Fuller: »Ich bin kurz davor, ihn (Corbyn) zu erstechen.« Woraufhin sie von Tracey Allen, die für den damaligen Parteigeneralsekretär Iain McNichol arbeitete, den Hinweis erhielt, dass dies Disziplinarverfahren nach sich ziehen könnte. Fullers Replik: »Das ist es aber wert.«

An Widerlichkeit wird das nur noch übertroffen von den Attacken, die jüdische Parteimitglieder, die Corbyn unterstützten, über sich ergehen lassen mussten. So spielt die stellvertretende Vorsitzende der Parteiuntergruppe »Jewish Voice for Labour« (JVL), Jenny Manson, eine Sprachnachricht ab, in der sie als »verdammte Nazischlampe« und »stinkendes Schwein« bezeichnet wird, das »im Gasofen verbrennen sollte«. Die antizionistische Gruppe hatte sich aus der Notwendigkeit gegründet, sich der zunehmenden »Dämonisierung und Beschimpfung« in den Medien zu erwehren, wie sich die Vorsitzende der JVL, Naomi Wimborne-Idrissi, in der Dokumentation erinnert. Und: Unter den Anhängern Corbyns gab es eine Menge jüdischer Personen, so Wimborne-Idrissi. Sie erhielt ebenso Drohanrufe, in denen ihr ein Mann, der zu wissen vorgab, wo sie wohne, erklärte, sie »in den Rollstuhl« zu bringen.

Auch wenn die »Labour Leaks« im Jahr 2020 bereits die parteiinterne Kampagne gegen Corbyn offenlegten, zeigt die Al-Dschasira-Dokumentation umfassend mit persönlichen Schilderungen und Datenmaterial, wie weit Politiker bereit sind zu gehen, um eigene Pfründe nicht aufgeben zu müssen. Starmer hat sich seiner größten Widersacher entledigt, man kann nur hoffen, dass er dafür nie mit einem Wahlerfolg belohnt wird.

ajiunit.com/investigation/the-labour-files/

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  • Leserbrief von Klaus Leger aus Mutterstadt (27. September 2022 um 11:06 Uhr)
    Dann hoffen wir mal, dass es Sahra Wagenknecht nicht auch so widerfährt wie Jeremy Corbyn und seinen MitstreiterInnen. Es gibt ja schon Ansätze aus der »Links(?)«-Partei von wegen Putinversteherin etc. Auf jeden Fall sollte man sich diese Doku zu Gemüte führen, auch wenn es leider keine deutschen Untertitel gibt.

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