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Aus: Ausgabe vom 26.09.2022, Seite 16 / Sport
Reportage

Das Vereinsheim ist das Herz

Vor fünfzig Jahren wurde in Göteborg der kommunistische Sportverein Proletären FF gegründet
Von Gabriel Kuhn
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Frisch, Gesellen, seid zur Hand! Bild der Malerin Solwei Stampe vom Bau des Vereinsheims des Proletären FF in den 70ern

»Ja, man kann von der Straßenbahnhaltestelle laufen, aber ich hole dich ab. Muss ohnehin einen unserer Jungs zum Training bringen.« Wenig später fährt Henrik Källén, Vorsitzender des Sportvereins Proletären FF, in einem quietschenden Kleinwagen vor. »Sorry, die Bremsen sind nicht die besten.«

Wir befinden uns im Göteborger Stadtteil Västra Frölunda. Dort prallen Reichtum und Armut aufeinander wie sonst in Schweden kaum irgendwo. Ein Villenviertel auf der einen Seite der Schnellstraße, sozialer Wohnungsbau auf der anderen.

Wir lassen die Villen links liegen, holen den Jungen aus einer Tagesstätte ab und fahren zum Vereinsheim, einem imposanten Holzbau mit Gesellschaftsraum, Umkleidekabinen, Sportsaal und Boxring im Keller. Daneben ein kleiner Fußballplatz für Sieben-gegen-Sieben. Dort trifft sich heute die U10 zum Training. Källén selbst muss als Coach einspringen, der eigentliche Trainer ist verhindert. Da das Spiel der U10 am Wochenende ausfällt, steht Matchtraining auf dem Programm. Die Jungs versuchen sich an Tricks, die sie vermutlich auf Youtube studiert haben, was einigen gelingt, anderen weniger. Ich darf mich für eine Weile ins Tor stellen. Eines der Nachwuchstalente schenkt mir einen ein. Sein Vorbild, so erklärt er mir später, sei Neymar.

Fast auf den Tag genau vor 50 Jahren, am 25. September 1972, wurde Proletären FF ins Vereinsregister des Schwedischen Sportverbandes aufgenommen. Die Gründer waren Mitglieder des »Kommunistischen Verbunds Marxisten-Leninisten (revolutionär)«, KFML (r), einer Abspaltung der »Linkspartei-Kommunisten«. Nachdem die Linkspartei 1990 den Zusatz »Kommunisten« aus dem Parteinamen gestrichen hatte, wurde aus dem KFML (r) die Kommunistische Partei. Der Vereinsname der Sportler lehnt sich an die Parteizeitung an: »Der Proletarier«.

Nach dem Training stößt mit Bengt Frejd einer der Mitgründer im Vereinsheim zu uns. Warum man damals einen Sportverein gegründet habe, will ich wissen. Das, so meint er, sei einfach: Es habe im KFML (r) viele Arbeiter gegeben, die sich für Sport interessierten. Der Parteivorstand fand die Idee gut, da man so breite Teile der Bevölkerung erreichen könne.

Das Vereinsheim ist das Herz des Proletären FF. Die Mitglieder errichteten es Ende der 1970er Jahre selbst. Nicht alle in Göteborg waren damit einverstanden. Es kam immer wieder zu Sachbeschädigungen am Bau, kurz vor der Fertigstellung explodierte sogar eine Bombe. Danach wurde das Vereinsheim rund um die Uhr bewacht, jahrzehntelang. Nachts traf sich eine Gruppe Freiwilliger und nutzte die Zeit, um Stollen für das Café zu backen, Trikots zu waschen und die Umkleidekabinen zu reinigen.

Proletären FF konzentriert sich heute auf Jugendfußball, Kampfsport (Boxen und Muay Thai) und eine Leichtathletikgruppe. Früher wurden auch Handball und Volleyball gespielt, eine Turngruppe gab es ebenfalls. Die Geschichte des Vereins sei von Auf und Abs gekennzeichnet, meint Frejd, »wie in jedem Verein«. Momentan laufe es gut, es kämen viele Jungs und Mädchen zum Fußball. Das sei nicht zuletzt der Verdienst von Henrik Källén, der, als er vor einigen Jahren das Amt des Vorsitzenden übernahm, auf soziales Engagement setzte. So organisiert Proletären FF in den Sommermonaten Fußballschulen auf den Bolzplätzen der ärmeren Viertel in Västra Frölunda. Viele neue Mitglieder finden so zum Verein. Das politische Bewusstsein der Mitglieder sei nicht mehr so stark wie vor 50 Jahren, doch das hält Frejd für eine natürliche Entwicklung.

Verschwunden ist die Politik aus dem Verein natürlich nicht. Seit 1985 arrangiert Proletären FF jedes Jahr einen »Friedenslauf« mit mehr als 1.000 Teilnehmern, bei dem Geld für politische Zwecke gesammelt wird. 2022 wurden eine Kampagne gegen den schwedischen NATO-Beitritt, eine Frauengruppe in Palästina und ein Projekt zur Versorgung Kubas mit Medikamenten gefördert.

Anfangs ging das meiste Geld an den ANC in Südafrika. Mit diesem verbindet Proletären FF eine enge Geschichte. In den 1980er Jahren lud man jeden Sommer Kinder von ANC-Mitgliedern im europäischen Exil nach Göteborg ein. Gleichzeitig bildete man südafrikanische Sportlehrer aus. Zu den engsten Vertrauten gehörte Bill Jardine, hauptverantwortlich für die Sportpolitik des ANC. Eine Anekdote besagt, dass Jardine, als sich das Ende des Apartheidregimes abzeichnete, im Vereinsheim des Proletären FF die erste Skizze der heutigen Nationalflagge Südafrikas anfertigte. Frejd meint, er könne dies bestätigen, auch wenn es sich nicht beweisen lasse. Nelson Mandela akzeptierte in jedem Fall das Amt des Ehrenvorsitzenden, das ihm von den Göteborger Sportkommunisten angeboten wurde. Vom ANC vergessen sind diese bis heute nicht. Erst vor wenigen Wochen wurde Frejd vom südafrikanischen Botschafter in Schweden zu einer Veranstaltung eingeladen, um der schwedischen Antiapartheidbewegung zu gedenken – ein Repräsentant von Proletären FF dürfe dabei nicht fehlen, meinten die südafrikanischen Regierungsvertreter.

Auch schwedische Prominenz steht dem Verein nahe. Ruben »der Rote« Svensson, beinharter Außenverteidiger im legendären IFK-Göteborg-­Team, das in den 1980er Jahren zweimal den UEFA-Cup gewann, unterstützt den Verein ebenso wie Pia Sundhage, die nach Stationen als Trainerin der Auswahlmannschaften in den USA und in Schweden nun in Brasilien tätig ist. Wenn es die Zeit erlaubt, tritt Sundhage bei Veranstaltungen des Vereins auf oder hilft als Trainerin in den Fußballsommerschulen. Vor einigen Jahren fragte ich sie in einem Interview nach den Gründen für ihr Engagement in Västra Frölunda. Sundhage trocken: »Die machen dort großartige Arbeit.«

Dass Proletären FF gemeinhin als »Sportverein der Kommunistischen Partei« bekannt ist, juckt Frejd und Källén kaum, doch korrekt sei es nicht. »Nicht eine einzige Krone« bekomme man von der Partei. Es sei auch nie darum gegangen, Parteiverein zu sein. Wichtiger sei immer gewesen, für kleine, den Breitensport fördernde Vereine im Schwedischen Sportverband einzustehen. Gehen beispielsweise Millionen an Fördergeldern an Frölunda HC, einen der größten Eishockeyklubs Schwedens, dann fordert Proletären FF Millionen für die Errichtung neuer Kunstrasenplätze zwischen den Betonbauten.

Während des Gesprächs mit Frejd und Källén füllt sich das Vereinsheim mit palästinensischen Familien, die eine Trauerfeier vorbereiten. Ich frage, ob die beiden die Leute kennen. »Manche von ihnen, die sind Mitglieder. Aber das Vereinsheim ist für alle da.«

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