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Aus: Ausgabe vom 26.09.2022, Seite 15 / Politisches Buch
Geschichte der DDR

Kluge Einladungspolitik

Manches Neue, einiges fehlt: Siegfried Prokop diskutiert zentrale Probleme der ersten beiden Jahrzehnte der DDR-Geschichte
Von Christian Stappenbeck
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Die Debatte gesucht: Bertolt Brecht und Johannes R. Becher 1954 bei einer Veranstaltung in Westberlin

Wussten Sie, dass ein Gutachten des Außenamtes in Bonn dreißig Jahre unter Verschluss lag, weil es die Feststellung enthielt: Die behauptete unmittelbare militärische Bedrohung durch Moskau sei schlichtweg »Propaganda des Westens«? Oder dass durch die Einführung der zehnklassigen Schulpflicht in der DDR ab 1960 zwei Facharbeiterjahrgänge ausfielen? Das und mehr erfährt der Leser in der Studie des Historikers Siegfried Prokop über die »Ulbricht-Ära«.

Prokops Schwerpunkte sind die Wirtschaftskonzepte der DDR-Führung, die Kulturpolitik und das Alltagsleben (Mode, Musik, Einkommensentwicklung, Urlaub usw.). Instruktiv sind auch die Ausführungen über die Haltung der künstlerischen und wissenschaftlich-technischen Intelligenz zur DDR. In der frühen DDR gab es eine kluge Einladungspolitik: Brecht erhielt ein Theater, Ernst Bloch und Hans Mayer bot man Professuren an, Heinrich Mann wurde zum Präsidenten der Akademie der Künste berufen, der Mailänder Maler Gabriele Mucchi trat 1956 eine Gastprofessur in Ostberlin an. Letzterer befand, der neue Staat »steckte noch tief in Dogmatismen, von Politikern mit engem kulturellem Horizont vertreten«.

Besonderes Interesse finden natürlich drei Jahreszahlen: Krise und Ausnahmezustand 1953, Mauerbau 1961, Führungswechsel 1971. Aber auch zum Komplex »Prager Frühling« erfährt man Neues – nicht zuletzt aufgrund von Zeitzeugenbefragungen Prokops. Wesentlich ist auch die von Ulbricht entfachte Debatte um Definition und historische Stellung der Formation Sozialismus.

Im Buch geht es allerdings nicht um eine umfassende Geschichte der Ära Ulbricht, sondern um einige wesentliche Aspekte. Was vermisst man? Namen wie Otto Nuschke, Otto Dibelius und Heinrich Grüber und darüber hinaus sämtliche Kirchenführer Ostdeutschlands fehlen im Personenregister. Die antiklerikalen, gegenüber der DDR offenen Christen der 50er und 60er Jahre hätten ebenfalls eine Erwähnung verdient. Auch der »Thüringer Weg« des Bischofs Moritz Mitzenheim. Er war einer der von Ulbricht geschätzten Gesprächspartner und schrieb sich das Verdienst zu, maßgeblich die erleichterten Reisen von Rentnern zwischen Ost und West ermöglicht zu haben. Die evangelische »Junge Gemeinde« – ein lange schwelender Streitpunkt – wird an zwei Stellen am Rande erwähnt.

Auch die Bündnis- oder »Blockpolitik«, also das Mehrparteiensystem der DDR, spielt fast keine Rolle. Einmal wird NDPD-Chef Lothar Bolz (Außenminister 1953–1965) beiläufig erwähnt. CDU-Mann Otto Nuschke, ein besonders Profilierter unter den Parteivorsitzenden, versuchte sechs Jahre lang im Lavieren zwischen den antikommunistischen Kirchenleitungen und den Anforderungen der SED gewisse Freiräume und individuelle Erleichterungen zu schaffen. Bis er schließlich resignieren musste, als ihm sein Ressort mit der Neubildung eines »Staatssekretariats für Kirchenfragen« genommen wurde. Von Interesse wäre auch eine Antwort auf die Frage gewesen, wie sich die vier Bündnispartner finanzierten; denn von den bescheidenen Mitgliedsbeiträgen war der umfangreiche Apparat nicht zu bezahlen.

Die Blockparteien der Liberalen, der Christlichen, der Nationalen und der Bauern – jede von ihnen mit dem Attribut »demokratisch« im Namen – sorgten in Maßen dafür, dass eine gewisse Farbigkeit in der politischen Landschaft bestehenblieb. Eine Erörterung des Problems, dass dieses Potential von seiten der SED insgesamt wenig genutzt wurde, wäre interessant gewesen.

Neben den obengenannten Schwerpunkten der Arbeit vertieft Prokop allerdings noch viele andere Themen: durchgängig etwa die sowjetische Deutschland-Politik und die Einheitsinitiativen, die diesbezügliche Taktik Adenauers einerseits (prinzipielle Verhinderung) und die Ulbrichts andererseits (Konföderationsidee, Redneraustausch). Auch Ausführungen zum jüdischen Leben in der DDR finden sich. Und natürlich geht es um die späterhin in der Honecker-Ära wenig thematisierten 60er Jahre, laut Prokop »die erfolgreichste Periode« in der Geschichte der DDR.

Siegfried Prokop: Probleme der Geschichte der DDR. Die Ulbricht-Ära (1950–1970). Trafo-Verlag, Berlin 2022, 407 Seiten, 36,80 Euro

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