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Aus: Ausgabe vom 23.09.2022, Seite 16 / Sport
Schach

Die Technik kennt Auswege

Wie betrügt man beim Schach? E-Doping vom Handy bis zur Analkugel
Von Gabriel Kuhn
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Selbst eine durchschnittliche Tastatur ist den Schachgroßmeistern überlegen

Am vergangenen Montag traf der größte Schachspieler der Gegenwart, der 31jährige Norweger Magnus Carlsen, beim online ausgetragenen »Julius Baer Generation Cup« auf einen seiner jungen Herausforderer, den 19jährigen US-Amerikaner Hans Niemann, Nummer 49 der von Carlsen seit elf Jahren angeführten Weltrangliste. Niemann eröffnete mit d2 auf d4, Carlsen antwortete mit einem Springer auf f6, Niemann setzte die Indische Verteidigung mit c2 auf c4 fort – daraufhin beendete Carlsen das Spiel. »Unglaublich!« tweetete der US-Großmeister Maurice Ashley: »Niemand kann sich darüber freuen, dass das in der Schachwelt passiert!« Was genau aber war passiert?

Handys auf der Toilette

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, müssen wir zum Sinquefield Cup zurückkehren, der Anfang des Monats in St. Louis ausgetragen wurde. Völlig überraschend unterlag Carlsen dort Niemann in der dritten Runde. Danach erklärte der Norweger auf Twitter seinen Rückzug aus dem Turnier. Er fügte der Erklärung ein Video des Starfußballtrainers José Mourinho hinzu, der 2014 nach zwei roten Karten und einer Niederlage für sein damaliges Team Chelsea bei Aston Villa meinte: »Ich ziehe es vor, nichts zu sagen. Wenn ich etwas sage, bin ich in großen Schwierigkeiten.« Die Implikation war klar: Carlsen warf Niemann Betrug vor.

Nur, wie betrügt man beim Schach? Es gibt verschiedene Varianten. Man kann beispielsweise durch unlautere Methoden an Spielpläne des Gegners kommen. Die bei weitem gängigste Variante ist es jedoch, Computerprogramme zu Rate zu ziehen – sogenanntes E-Doping. Seit vielen Jahren sind selbst durchschnittliche Schachprogramme den Großmeistern überlegen. In Windeseile erkennen sie Züge, die Spieler auf die Siegesbahn bringen können. Niemann ist diesbezüglich kein unbeschriebenes Blatt. Er selbst hat zugegeben, bei Onlineturnieren zweimal auf die Hilfe von Computerprogrammen zurückgegriffen zu haben, einmal als Zwölfjähriger, dann noch einmal im Alter von 16 Jahren. Seine Kritiker meinen, er habe wohl weit häufiger betrogen.

Gut, E-Doping bei Onlineturnieren ist eine Sache. Aber wie soll es bei herkömmlichen Präsenzturnieren funktionieren? Es gibt naheliegende Varianten, etwa das Konsultieren eines Handys auf der Toilette. An dokumentierten Fällen mangelt es nicht. Der tschechische Großmeister Igor Rausis wurde 2019 in Strasbourg dabei erwischt und vom Internationalen Schachverband für sechs Jahre gesperrt. Seinen Großmeistertitel war er auch los.

Vibration im Gesäß

Toilettenbesuche lassen sich bei Partien, die Tage dauern können, nicht verbieten, und überwachen lassen sie sich bei aller Angst vor E-Doping auch nicht. Man versucht, das Problem deshalb anders in den Griff zu kriegen. Mobiltelefone sind bei Großturnieren mittlerweile streng verboten, auch für das Publikum. Immer öfter werden auch Live-Übertragungen und Streams um 15 Minuten verzögert, um Einflussnahme von außen zu verhindern.

Doch die Technik kennt Auswege. Was Niemann betrifft, so besagt eine der gewagtesten Thesen, dass der Shooting­star durch vibrierende Analkugeln auf entscheidende Züge hingewiesen wird. Studien belegen, dass Schachspieler einen Zug, der ihnen in einer Partie einen entscheidenden Vorteil verschafft, leichter finden, wenn sie wissen, dass die Stellung einen solchen Zug hergibt. Die Vibration im Gesäß gibt im hypothetischen Fall also nicht den entscheidenden Zug an, weist den Spieler aber darauf hin, zu einem bestimmten Zeitpunkt intensiv nach einem solchen zu suchen. In diese Richtung spekulieren im Falle Niemann der kanadische Großmeister Eric Hansen ebenso wie der Techmilliardär Elon Musk.

Aber was spricht, abgesehen von den belegten Jugendsünden, überhaupt für einen Betrug Niemanns? Skeptiker verweisen auf die erstaunlich rasche Verbesserung seines Spiels in den letzten beiden Jahren, auch spielt er bei wichtigen Partien oft weit besser als bei weniger wichtigen. Vor allem aber kann er seine Strategie nach siegreichen Partien nicht immer befriedigend erklären. Niemann weist alle Vorwürfe zurück und spricht von »Rufmord«. Um seine Unschuld zu beweisen, würde er auch nackt antreten. Analkugeln wären freilich auch dann nicht zu erkennen.

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