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Aus: Ausgabe vom 23.09.2022, Seite 15 / Feminismus
Proteste im Iran

Frauenfrage im Vordergrund

Proteste im Iran: Nach Tod junger Kurdin in Polizeigewahrsam bricht sich Wut über Diskriminierung des weiblichen Teils der Bevölkerung Bahn
Von Hedieh Mosaddegh
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Auch im Ausland solidarisieren sich Frauen mit der Bewegung im Iran, hier in Beirut am Mittwoch

Sie ist nicht das einzige Opfer. Am 13. September wurde die 22jährige Mahsa Amini in der Hauptstadt Teheran von der iranischen »Sittenpolizei« festgenommen, weil ihr Hidschab »zu locker« saß. Zusammen mit anderen Frauen wurde sie auf eine Polizeistation in der Vosarastraße gebracht. Drei bis vier Stunden später fiel sie nach einem Schlaganfall, verbunden mit einem Herzinfarkt, ins Koma. Am vergangenen Freitag wurde ihr Tod festgestellt.

Augenzeugen berichteten von einer gewaltsamen Festnahme und Schlägen auf den Kopf während Aminis Verhaftung. Die Polizei, die jegliche Schuld von sich weist, versucht mit Ausschnitten aus Videoaufzeichnungen der Überwachungskamera in der Polizeistation ihre Version zu untermauern, nach der die junge Frau ohne Fremdeinwirkung zusammengebrochen sei. Von ihrer Festnahme sowie der Fahrt zur Wache gibt es keine Aufzeichnungen. Klar ist: Amini starb unter Polizeiaufsicht.

In den vergangenen Jahren hatten immer wieder Videos, Fotos und Berichte über die brutale Behandlung iranischer Frauen durch die »Sittenpolizei« die Runde gemacht. Widerstand gegen die Festnahme oder die Beteiligung an Solidaritätsaktionen mit betroffenen Personen führen regelmäßig zu Nötigungen und körperlicher Gewalt von seiten der Polizei. Frauen, die sich in der Öffentlichkeit entgegen der islamischen Kleiderordnung zeigen, das heißt mit lose sitzendem Kopftuch oder »normenüberschreitender Kleidung«, werden häufig festgenommen und auf der Polizeistation abfotografiert. Ihre persönlichen Daten werden gespeichert. Die Sammlung der Informationen wird dazu genutzt, die Betroffene bei mehrmaligem »Fehlverhalten« zu einer Geld- oder Freiheitsstrafe zu verurteilen.

Trotz der Häufigkeit solcher Vorfälle wird über diese in den offiziellen iranischen Medien in der Regel nicht berichtet – es sei denn, die »Sittenpolizei« soll gegen Kritik aus der Bevölkerung verteidigt werden. Der Fall Amini ist anders. Mehrere inländische Medien berichteten über den Tod der jungen Frau im Polizeigewahrsam, manche Zeitungen forderten gar die Abschaffung der »Sittenpolizei« und den Rücktritt des Innenministers Abdolreza Rahmani Fazli, so die Tageszeitungen Etemad, Shargh daily und Aftab Yazd.

Zwar erklärte Fazli laut Asre Iran bereits am vergangenen Freitag, die Ursache für den Tod Aminis solle gründlich untersucht werden. Doch die protestierenden Iranerinnen und Iraner fordern mittlerweile mehr als das: Ihnen geht es darum, die staatliche Unterdrückung auf allen Ebenen zu beenden. Dabei steht die Frauenfrage jedoch im Vordergrund.

Seit Sonnabend gehen Hunderte bis Tausende Menschen in Saghes, der Heimatstadt von Amini in der iranischen Provinz Kurdistan, auf die Straße, ebenso in Teheran und weiteren Städten. Mittlerweile haben die Proteste auf viele kleine und große Städte des Iran übergegriffen: Studierende mehrerer Universitäten, so jener in Teheran, Maschhad und Isfahan, haben sich angeschlossen. Unter anderem das iranische Nachrichtenportal Akhbar-Rooz, das im Ausland sitzt, berichtete am Montag, dass sich viele Betreiber von Geschäften und andere Berufsgruppen auf den Basaren mehrerer Städten in den Provinzen Kurdistan, Westaserbaidschan, Kermanschah und Karadsch durch Arbeitsniederlegungen mit den Protesten solidarisierten.

Der iranische Staat versucht, die Demonstrierenden einzuschüchtern, und greift Aufzüge und andere Aktionen mit Tränengas, Wasserwerfern und Schlagstöcken brutal an. Auch Berichte über den Einsatz scharfer Munition häufen sich. Offiziell wurden bis Donnerstag mindestens acht Personen getötet, die kurdische Menschenrechtsorganisation Hengaw spricht von zehn durch iranische Einsatzkräfte Getöteten, davon allein drei am Mittwoch. An diesem Tag häuften sich auch die Berichte von Internetabschaltungen.

Kurz nach dem Kapern der demokratisch-linken Revolutionsbewegung von 1979 durch die religiös-konservativen Anhänger Ajatollah Ruhollah Khomeinis machte dieser die Teilhabe von Frauen an der Gesellschaft vom islamischen Hidschab abhängig. Frauen durften nur dann an ihrem Arbeitsplatz erscheinen, wenn sie ihr Haar und ihren Körper nach der islamischen Kleiderordnung verhüllten. Obwohl es immer wieder Massendemonstrationen gegen die Maßnahme gab, wurde die Vorschrift in Gesetzesform gegossen. Die Durchsetzung der konservativen Normen mit Gewalt war von Beginn an vorgesehen. Die Vorschriften gelten zwar auch für Männer, mit der Zeit wurde aber immer deutlicher, dass sie vor allem der Konditionierung von Frauenkörpern dienen. Das Phänomen der »Sittenpolizei« (Farsi: Gasht-e ershad) trat in seiner heutigen Form im Jahr 2005 auf, seitdem ist sie vor allem in den Großstädten und gut besuchten Stadtvierteln, einheitlich in Uniform gekleidet, präsent.

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