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Aus: Ausgabe vom 23.09.2022, Seite 10 / Feuilleton
Literatur

Alles ist da, sogar die Küchenspüle

»100 Jahre Ulysses« auf Arte
Von Jürgen Schneider
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Wechselnde Perspektiven: Wir haben 100 Jahre gebraucht, um »Ulysses« lesen zu können (Filmszene)

Am 2. Februar 1922, pünktlich zum 40. Geburtstag von James Joyce, der einen Zahlenfimmel hatte, trafen die ersten beiden prächtigen »Ulysses«-Exemplare mit dem griechisch blauen Cover aus Dijon vom Drucker Darantière in Paris ein. Damit das Opus erscheinen konnte, musste Sylvia Beachs kleiner Buchladen Shakespeare and Company in der Pariser Rue de l’Odéon zu einem Verlag mutieren. »Ulysses«, so Joyce, »ist eine spaßhaft-geschwätzige allumfassende Chronik mit vielfältigstem Material.«

Das Leseabenteuer »Ulysses« handelt vom Tagesablauf dreier Dubliner Charaktere, von Stephen Dedalus, von dem jüdischen Annoncenakquisiteur Leopold Bloom sowie von dessen Frau Molly. Stephen und Leopold bewegen sich zwischen acht Uhr morgens und zwei Uhr nachts unabhängig voneinander durch Dublin und begegnen sich erst in der Nacht in einem Bordell, in dem Leopold den betrunkenen Stephen vor prügelnden britischen Soldaten in Sicherheit bringt. Zuvor hatte Stephen konstatiert: »Non serviam!« Er weiß jedoch, dass der Kampf um die Unabhängigkeit im eigenen Kopf beginnt: »Doch hier drinnen steht, dass ich den Priester und den König töten muss.«

Joyce erkundet im »Ulysses« alles, vom kolonialen Nationalstaat über die englische Herrschaft und die kapitalistische Ökonomie bis hin zu Problemen von Klasse, Herkunft, Gender, Sexualität und Glauben. Was nicht durch Blooms Gedanken Ausdruck finden kann, bewältigt Joyce, indem er den Kampf gegen die britische kulturelle Hegemonie in Irland zu einem sprachlichen gestaltet, die englische Sprache mit seiner episodenweise variierten Sprachstilisierung und der wechselnden Erzählperspektive aufsprengt.

Von Iberia nach Irland

Etwas verspätet ist nun auf Arte die Dokumentation »100 Jahre Ulysses« zu sehen, in der Joyce-Forscherinnen und -Forscher sowie die Schriftstellerin Eimear McBride und der Dichter Paul Muldoon zu Wort kommen. Inhaltsangabe und Details zum Leben von Joyce, der gleich zu Anfang zum »beispiellosen Genie« und Autor eines »prophetisches Buch« erklärt wird, wechseln sich ab. Es werden zwei gängige Interpretationshilfen bemüht, zum einen die Parallelen zu Homers »Odyssee«, zum anderen die Joycesche Technik des Bewusstseinsstroms. Wird »Ulysses« primär vor einer homerischen Folie gelesen, drohen die vielfachen anderen Parallelen, Korrespondenzen und Bezüge unkenntlich zu werden. Nicht weniger bedeutsam ist nämlich die Annahme, dass im »Ulysses« auch altirische »Imramha«, Geschichten von See- und Reiseabenteuern, als ebenso mythische Determinanten hinter den Wanderungen Blooms dienten. Nach dieser Interpretation ist Bloom sowohl griechischer Held als auch irischer Milesier, einer jener Gälen also, die laut dem ab dem 9. Jahrhundert aus heterogenen Materialien kompilierten, eher mythologischen »Lebor Gabála Érenn« (Das Buch der Einnahme Irlands) einst von Iberia, also von der iberischen Halbinsel, nach Irland gekommen sein sollen. Die Technik des Bewusstseinsstroms, eine Form der Figurenrede, hatte sich Joyce bei dem französischen Schriftsteller Édouard Dujardin (1861–1949) abgeschaut, ihre Bedeutung allerdings als überbewertet empfunden.

Betont werden im Film die solide Bildung, die Joyce bei den Jesuiten erfuhr, sowie sein »Krieg« gegen die katholische Kirche. Auch die bereits in den 1930er Jahren geäußerte Kritik wird aufgegriffen, Joyce habe weder dem Osteraufstand von 1916 noch dem irischen Unabhängigkeitskrieg Aufmerksamkeit geschenkt. Die Kritik geht fehl, da die Handlung am 16. und frühen 17. Juni 1904 spielt. In jenem Jahr gab es zwar schon Konspirateure, der Aufstand sollte allerdings noch mehr als ein Jahrzehnt auf sich warten lassen. Die Gelegenheit bot sich, als England in den Ersten Weltkrieg verwickelt war.

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Anarchistischer Geist: James Joyce

Beleuchtet wird auch der Joycesche Aufenthalt in dem Schmelztiegel Triest, wo er zwischen 1904 und 1915 sowie 1919/20 das jüdische Leben in all seiner politischen und kulturellen Komplexität erleben konnte. In der Folge lässt er den jüdischen Pflastertreter Leopold Bloom gegen zyklopenhaft einäugige und antisemitische Nationalisten auftreten und wendet sich gegen die Vorstellung von einer ethnisch reinen irischen Bevölkerung. Wieder einmal bleibt in der Dokumentation allerdings unerwähnt, dass Joyce von den Nazis verfolgten Juden half, der nazistischen Barbarei zu entkommen und in die USA zu flüchten.

Nichts auslassen

Die irische Schriftstellerin Eimear McBride erklärt, dass Joyce im »Ulysses« mit der linearen Erzählweise gebrochen habe und bei seiner Berücksichtigung des Körperlichen auch »juckende Ärsche« nicht auslasse. Ihr Dichterkollege Paul Muldoon betont derweil, wir hätten 100 Jahre gebraucht, um dieses Werk lesen zu können, und schätzten an Joyce, dass er beim Schreiben von der Supertotalen zum Close-up komme. Joyce sei von dem Wunsch getragen gewesen, alles richtig zu machen. Er beschreibe ein Stück Zitronenseife ebenso genau wie die beim Metzger gekaufte Niere. Im »Ulysses«, so Muldoon, sei alles da, sogar die Küchenspüle. Nicht zuzustimmen ist ihm allerdings, wenn er insinuiert, Joyce wäre wohl begeistert vom modernen Irland. In diesem modernen Irland geht es häufig um die Frage, wie man Joyce zu Geld machen könne. Dabei wird der Seitenumfang des »Ulysses« als veritables Hindernis erachtet. Und: Mit einem Buch von der Sprengkraft des »Ulysses« bliebe Joyce auch unserer Tage bettelarm.

Anarchistisches Denken

Ebenfalls nicht zustimmen ist der in der Dokumentation aufgestellten These, Joyce habe ein »sozialdemokratisches Irland« angestrebt, das frei sein solle von der Macht der katholischen Kirche. Ja, der »heiligen römischen katholischen und apostolischen Kirche« hatte Joyce den Krieg erklärt, zu der Zeit dieser Erklärung sich aber auch anarchistischen Denkern, etwa Benjamin Tucker, Michail Bakunin oder Pjotr Kropotkin zugewandt. Später sollte er sein letztes Opus, »Finnegans Wake«, als »Lectures of anarxaquy« bezeichnen – ein Hinweis darauf, dass ihm anarchistisches Denken nicht fremd geworden war. Auch die Bloom in den Mund gelegte Definition einer Nation klingt nicht nach Sozialdemokratie: »Eine Nation, das sind die Leute, die am selben Ort wohnen.«

Wer sich über die Arte-Dokumentation hinaus in das Schreiben und Wirken von Joyce vertiefen möchte, erfährt in John McCourts Buch »Consuming Joyce – 100 Years of Ulysses in Irland« (Bloomsbury Academic) alles über die Rezeption des »Ulysses« in Irland, von den Angriffen der katholischen Kirche bis hin zu den Schwierigkeiten, die zeitgenössische irische Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit ihrem Übervater haben. In dem von dem irischen Schreiber Colm Tóibín edierten Werk »One Hundred Years of James Joyce’s Ulysses« (Morgan Library and Museum und Pennsylvania State University Press) geht es nicht nur um den Jahrhundertroman, es werden in profunden Essays auch die Lebensstationen von James Joyce beleuchtet. Das Buch ist zudem exzellent bebildert und somit ein Muss für alle Joyce-Irren.

»100 Jahre Ulysses«. Arte-Mediathek, bis 19.12.2022

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