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Aus: Ausgabe vom 22.09.2022, Seite 5 / Inland
Bildungsnotstand

»Fast 160.000 fehlen«

Historischer Lehrermangel sorgt für Unmut. Bildungsverbände fordern Kurswechsel
Von Ralf Wurzbacher
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Volle Tafel, leeres Lehrerzimmer: Die GEW demonstrierte am Mittwoch abend gegen den Bildungsnotstand

Am Dresdner Landtag wurde es laut. Unter dem Motto »Raus aus dem Bildungsnotstand« hatte der sächsische Landesverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) am Mittwoch abend zu einer Demonstration mobilisiert. Drinnen verhandelt das Parlament dieser Tage den Doppelhaushalt 2023/24. Doch dieser sieht laut GEW »keine Schritte zur Verbesserung der Situation an Schulen und Kitas« vor. Dabei herrsche »ein nie gekannter Lehrkräftemangel«, und der Personalschlüssel in den Kindertageseinrichtungen bleibe »unverändert schlecht«. Die Staatsregierung müsse daher endlich für eine »verlässliche Bildung« sorgen.

Bildungsnotstand besteht überall in der Bundesrepublik. Nach vorsichtigen Schätzungen der GEW sowie des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) konnten zum neuen Schuljahr zwischen 20.000 und 30.000 Pädagogenstellen nicht besetzt werden. Weil der sogenannte Einstellungsbedarf allerorten kleingerechnet wird, dürften die realen Zahlen noch deutlich größer sein. Dabei sind schon heute massenhaft Lückenbüßer im Einsatz. Nach Auskunft von Anja Bensinger-Stolze, im GEW-Bundesvorstand für den Schulbereich zuständig, hätten von den in diesem Jahr in Berlin neu eingestellten Lehrkräften über die Hälfte »keine oder keine vollständige Lehramtsausbildung« und arbeiteten »überwiegend befristet«. 600 Vollzeitstellen seien zum Schulstart »gänzlich unbesetzt« geblieben, bemerkte sie am Mittwoch gegenüber junge Welt.

Ähnlich ist die Situation in Brandenburg. Dort seien fächerübergreifend über 30 Prozent der unbefristeten und mehr als 70 Prozent der Teilzeitstellen an Seiteneinsteiger vergeben worden, schilderte VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann im jW-Gespräch. Dies mache in der Gesamtschau beinahe 15 Prozent der Kolleginnen und Kollegen im aktiven Dienst aus. Und Besserung ist nicht in Sicht. Beckmann verwies auf eine unlängst im Auftrag seines Verbands vorgelegte Expertise des Bildungsforschers Klaus Klemm, wonach bis 2035 »fast 160.000 Lehrkräfte fehlen«, sollten die Reformmaßnahmen zu Ganztagsbetreuung, Inklusion und der Förderung von sozial benachteiligten Kindern umgesetzt werden und »kein Umdenken in der Politik stattfinden«. Wohin das führt, zeigt sich etwa in Thüringen. Er wisse von Fällen, »da wird nur an drei Tagen unterrichtet, weil an den anderen Tagen keine Lehrer vorhanden sind«, äußerte sich am Wochenende Christian Tischner, bildungspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Erfurter Landtag, im MDR.

Angespannt war die Lage seit vielen Jahren, mit Corona und der Beschulung ukrainischer Flüchtlinge hat sich der Mangel kurzfristig noch verschärft. »Ursächlich ist jedoch, dass die Länder die Augen vor der Entwicklung schlicht verschlossen und viel zu wenige Lehrkräfte ausgebildet haben«, beklagte Bensinger-Stolze. Zudem habe es die Kultusministerkonferenz (KMK) »vernachlässigt«, »strategisch zu planen und die Arbeit der Länder zu koordinieren«. Auch Beckmann wirft den Verantwortlichen vor, die wahren Erfordernisse verschleiert und den Schulen immer mehr Aufgaben aufgeladen, die notwendigen Ressourcen aber verweigert zu haben. Das Berufsethos der Lehrkräfte sei »schamlos ausgenutzt« worden.

So geht es weiter: Auf der Liste der Ad-hoc-Gegenmaßnahmen stehen die Erhöhung von Arbeitsstunden, größere Klassen, die Rekrutierung von Quereinsteigern oder – wie in Sachsen-Anhalt auf Probe – eine Vier-Tage-Schulwoche plus einen »Lerntag« zu Hause. Der GEW-Landesverband nennt das »amtlich sanktionierten Unterrichtsausfall«. Selbst Schulschließungen im Winter wegen des drohenden Gasmangels werden bereits diskutiert. Die Lehrerverbände setzen dagegen auf echte Entlastung. So plädieren GEW und VBE für den Einsatz »multiprofessioneller Teams«, die die Pädagogen unterstützen und von fachfremden Aufgaben befreien müssten. Daneben brauche es eine kurzfristige Qualifizierungsoffensive von Quereinsteigern mit langfristiger Berufsperspektive, ein Hochfahren der Ausbildungskapazitäten an den Hochschulen und eine Abschaffung des Numerus clausus.

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