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Aus: Ausgabe vom 22.09.2022, Seite 1 / Titel
Krieg in der Ukraine

Moskau erhöht Einsatz

Ukraine-Krieg: Putin verfügt Teilmobilmachung. Referenden über Beitritt besetzter Regionen zu Russland in Vorbereitung
Von Reinhard Lauterbach
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Patriotische Rhetorik: Werbeplakat der russischen Streitkräfte in Sankt Petersburg (»Ruhm den Helden Russlands«)

Mobilisiert werden sollen 300.000 zusätzliche Soldaten. Russlands Präsident Wladimir Putin hat in einer am Mittwoch morgen im russischen Fernsehen übertragenen Rede eine Teilmobilmachung mit sofortiger Wirkung angekündigt. In seiner Rede warf er dem Westen vor, er wolle Russland »schwächen, aufspalten und vernichten«, wie es ihm 1991 mit der Zerstörung der Sowjetunion gelungen sei. In dieser Situation sei die Entscheidung vom Februar für eine »präventive Militäroperation« völlig gerechtfertigt gewesen.

Aus der Ukraine habe der Westen einen antirussischen Vorposten gemacht, und das ukrainische Volk zu Kanonenfutter. Er unterschied dabei die Bewohner der ostukrainischen »Volksrepubliken« und der jetzt besetzten Teile der Ukraine von den Ukrainern und nannte sie »Bewohner der historischen neurussischen Lande« und »unsere Brüder und Schwestern«, die Moskau nicht im Stich lassen dürfe. In dieser Situation habe er sich gezwungen gesehen, dem Vorschlag des Verteidigungsministeriums und des Generalstabs zu folgen und eine Teilmobilmachung zu verfügen.

Einzelheiten zu dieser erläuterte wenig später Verteidigungsminister Sergej Schojgu. Er war bestrebt, die Tragweite der Maßnahme herunterzuspielen: Weder würden Soldaten, die aktuell ihren Grundwehrdienst ableisteten, in die Ukraine geschickt, noch sei geplant, Studierende, die in Russland bis zum Abschluss zurückgestellt sind, einzuberufen. Es gehe einzig um Menschen mit benötigten Qualifikationen und militärischer Erfahrung. Sie würden eingesetzt, um das Hinterland zu sichern, nicht an die Front geschickt.

Zu den in den besetzten Gebieten geplanten Referenden sagte Putin, Russland werde den Willen der Bevölkerung und den Ausgang der Abstimmung respektieren. Er warnte den Westen vor dem Versuch, die dann eventuell in den russischen Staat eingegliederten Regionen militärisch anzugreifen. Auf einen solchen Angriff behalte sich Russland sämtliche Optionen – als auch den Einsatz von Atomwaffen – vor, und dies sei »kein Bluff«, sagte Putin.

Die ukrainische Führung reagierte auf Putins Äußerungen betont gleichgültig. Präsident Wolodimir Selenskij sagte, die Ukraine fahre fort, Russland aus dem Land zu vertreiben, daran änderten keine Volksabstimmungen etwas. Der Leiter seiner Administration, Andrej Jermak, sagte, Kiew »löse die Russenfrage«, und zwar mit Gewalt, was die einzige Möglichkeit sei. Im Westen wurde die Ankündigung der Referenden und der Mobilisierung durch die Bank als Folge der russischen Niederlagen der vergangenen Tage bewertet. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) nannte das russische Vorgehen »blanken Imperialismus«, der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte erklärte, Putins Atomwaffenrhetorik habe er »schon oft gehört, und sie lässt uns kalt«. China dagegen rief zu einem Waffenstillstand und zu Verhandlungen auf, die »die Interessen beider Seiten berücksichtigen«.

Die ukrainische Regierung ist allerdings dann doch geneigt, die geplanten Abspaltungsreferenden in der Praxis etwas ernster zu nehmen. Präsidentenberater Michailo Podoljak drohte, schon die Teilnahme an der Abstimmung sei als Anschlag auf die territoriale Integrität des Landes strafbar. Vizeregierungschefin Irina Wereschtschuk erinnerte daran, dass Personen, die die russische Staatsangehörigkeit annähmen, bis zu 15 Jahre Haft drohten.

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  • Leserbrief von Ralf Cüppers aus Flensburg (25. September 2022 um 22:12 Uhr)
    Vielen Dank für das Titelfoto. Wenn westliche Regierungen behaupten, in der Ukraine würde unsere westliche Demokratie verteidigt, müssen wir Angst bekommen, was diese Regierungen unter Demokratie verstehen: Verfolgung und Inhaftierung von 2.000 bis 5.000 Kriegsdienstverweigerern. Nicht nur die kommunistischen Aktivisten Michail und Oleksander Kononowitsch, auch der Kapitalist, Eigentümer eines Privatfernsehens und Parlamentsabgeordnete Medwedtschuk wurden wegen ihrer Gegnerschaft zum Krieg gegen Russland verhaftet und mit dem Tode bedroht. Ukrainischen Gewerkschaften wurden enteignet, Gewerkschaftshäuser vom Staat requiriert. Der Gruß der ukrainischen SS-Freiwilligen, die Bandera-Leute, »slawa gerojam«, wird von ukrainischen Faschisten wieder offen verwendet. Das darf keinesfalls als Alibi für den verbrecherischen russischen Angriffskrieg verwendet werden, der klar zu verurteilen ist. Auch Russland hat Kriegsgegner inhaftiert, nach der Teilmobilmachung sollen es schon über 700 sein. Die junge Welt hat auf dem Titelfoto dankenswerterweise dokumentiert, auch die russische Kriegführung bedient sich der offen faschistischen Symbolik »slawa gerojam«, dem Gruß der Kollaborateure des Hitlerfaschismus, der ebensowenig wie das deutsche »Heil Hitler« als »patriotische Rhetorik« einzustufen ist.
    • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (26. September 2022 um 14:57 Uhr)
      Ein verbrecherischer Angriffskrieg? Die Frage ist, wer hat hier wen angegriffen? Wenn man den 24. Februar 2022 als Stichtag nimmt und die Vorgeschichte dieses Konfliktes ignoriert, begeht man üble Geschichtsklitterung und spielt genau den ukrainischen Faschisten in die Hände, die Sie zurecht vorher benannt haben. Das ist die Propaganda, der Baerbocks und Co., die von willigen Medienkonzernen verbreitet wird. Hier geht es um einen von langer Hand vorbereiteten Stellvertreterkrieg der USA gegen Russland, gegen den sich der russische Staat zurecht wehrt.
  • Leserbrief von Lothar Böling aus Düren (22. September 2022 um 18:27 Uhr)
    In der Tat! Das der Westen aus der Ukraine einen antirussischen Vorposten gemacht hat, und das ukrainische Volk zu Kanonenfutter, daran besteht kein Zweifel. Dabei sind es vor allem die USA und ihre gierigen NATO-Vasallen, die bis zum letzten Ukrainer kämpfen wollen, nur um ihre eigenen Interessen zu wahren. Wie die australische Zeitung National Review im Juli 2022 berichtete, befinden sich 17 der 62 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche der Ukraine bereits in den Händen von drei großen US-Konzernen. Nach Angaben der Zeitung besitzen Cargill, Dupont und Monsanto etwa ein Drittel des gesamten ukrainischen Ackerlandes, das für den Ackerbau geeignet ist. Offiziell sind diese Unternehmen deutsch-australisch, aber das Kapital in ihnen ist aus den USA. Zu den Hauptaktionären dieser Unternehmen gehören die Finanzgruppen Vanguard (Pennsylvania, USA) und Blackstone Blackrock (New York, USA). National Review schreibt hierzu: Im Vergleich dazu hat ganz Italien nur etwa 16,7 Millionen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche. Mit anderen Worten: Drei amerikanische Unternehmen verfügen über mehr Nutzflächen als ganz Italien. Hier wird deutlich, wieso die USA die Ukraine bereits mit 53,7 Mrd. US-Dollar wirtschaftlich und militärisch unterstützt haben. Vor diesem Hintergrund, sind die Soldaten der Ukraine nur noch ein nützliches Bauernopfer, zum Schutz von US-Vermögen. Und die deutsche Bundesregierung liefert auch noch die verlangten Waffen dazu, während die eigene Bevölkerung mit Wucherpreisen für Gas, Strom und Kraftstoff ruiniert wird. Wie einfältig! Wir haben wirklich die dümmste Regierung in Europa, wenn man sich das anguckt.
  • Leserbrief von Volker Wirth aus Berlin (22. September 2022 um 12:33 Uhr)
    Erwähnenswert ist m. E., dass 2010 mit der international gutgeheißenen Wahl von Präsident Janukowitsch die »prorussischen« Kräfte, verkörpert durch die »Partei der Regionen«, das Staatsruder der Ukraine legal in die Hand bekamen und diese Position 2012 bei den Wahlen zur Werchowna Rada festigen konnten, ungeachtet des zähen Widerstandes prowestlich-nationalistischer Kräfte im Westen des Landes.(Interessant, dass die Zeitung diese Fakten kaum erwähnt, die die prowestlich-nationalistischer Kräfte quasi »zwangen«, den parlamentarisch-demokratischen Weg zu verlassen und den legitimen Präsidenten und die legal gebildete Regierung »wegzuputschen«, sorry: »in einer farbigen Revolution« auf dem Maidan von Kiew 2014 abzuschaffen.) Tatsache ist: acht Gebiete erklärten 2012 Russisch zur regionalen Amtssprache, was bis dahin nur die autonome Halbinsel Krim erreicht hatte. Das waren Charkiw(russisch Charkow), Cherson, Dnipro(Dnepropetrowsk), Donezk, Lugansk, Mykolaiw (Nikolajew), Odessa und Saporischschja (Saproroschje).
    Die Wiederzurückdrängung des Russischen war nach dem Maidan-Putsch lange der Kern der von Präsidialamtschef Jermak so genannten »Russenfrage« – für Kiew: statt eigener Staatlichkeit und Kulturhoheit in einer Art »Bundesrepublik Ukraine« nun eine Lösung nach dem Modell der Aussiedlungen 1945 von Deutschen aus dem sog. »Sudetenland« und den Gebieten östlich von Oder und Neiße. (Vgl die jW vom 21.9.) Die Nationalisten lehnten und lehnen jede Föderalisierung ab, egal was im 2. Abkommen von Minsk dazu »vereinbart« worden war. Gegenüber den »ukronazistischen« Terrordrohungen – der puren »Gewalt« (Jermak) – bleibt diesen Millionen »Russophonen« nun wohl nur die Wahl zwischen »Derussifizierung« oder Anschluss an Mütterchen Russland, wenn sie nicht ihre Heimat verlieren wolllen. Aber Achtung! Bisher geht es ja nur um vier dieser acht Gebiete, ein großer Teil des Gebietes Charkiw (Charkow) wurde zudem gerade durch die nationalistischen Streitkräfte zurückerobert. Dabei muss es dennoch nicht bleiben! (Und nicht einmal das wäre eine »Maximalposition«! Es geht doch immer noch um die Entmilitarisierung, Neutralisierung und »Entbanderisierung« bzw. Entnazifizierung der ganzen Ukraine !)
    China distanziert sich, ja, schon wegen Taiwan – aber auch von den Kiewer »Maximalpositionen« der Rückeroberung von Krim und Donbass. Nur dadurch wäre es an sich als Vermittler geeignet. Aber die USA und ihre NATO-Verbündeten werden, da kann man ganz sicher sein, eine solche Rolle Chinas zu verhindern wissen.
  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (22. September 2022 um 08:40 Uhr)
    An der geschilderten Rhetorik erkennt man gut, dass die Situation maximal verhärtet ist. Die faschistische Wortwahl der ukrainischen Ultranationalisten, die »Russenfrage« sei nur mit Gewalt zu lösen, hätte ein Joseph Goebbels nicht »besser« treffen können und zeigt deutlich, welcher Geist in Kiew herrscht. Wenn man Ursache und Wirkung des Konfliktes objektiv bewertet, was hier im Westen nicht nur verweigert, sondern im Gegenteil behauptet wird, Russland hätte die Ukraine angegriffen, der vergeht sich an den mehr als 10.000 ermordeten Bewohnern des Donbass, die zwischen 2014 und 2021 dem Bombenterror der ukrainischen Armee zum Opfer fielen. Diese historische Tatsache wird einfach negiert und demagogisch totgeschwiegen. Und zwar nicht nur durch die verbrecherischen Regierungscliquen in Europa und in Übersee. Auch die deutsche, angeblich linke PdL verschweigt diesen Umstand und hat sich auf die Regierungspropaganda verständigt. Russland hat die ukrainischen Russen im Donbass gegen den Krieg der eigenen Regierung verteidigt und das ist allemal gerechtfertigt. Wenn jetzt erkannt wurde, dass die Strategie geändert und die Zügel angezogen werden müssen, dann hat das in erster Linie mit den westlichen Waffenlieferungen zu tun. Der Westen heizt die Situation an und macht sich mitschuldig an dem, was jetzt bevorsteht.
    • Leserbrief von Devrim Celik aus Hamburg (22. September 2022 um 12:52 Uhr)
      Ihre Äußerungen sind maximal irreführend. Zunächst erkennt man Faschisten nicht allein an der Wortwahl, sondern vor allem an Taten. Unter den von Ihnen angeführten Toten im Donbass sind mindestens die Hälfte Ukrainer und insgesamt etwa 3.400 Zivilisten. Die Toten sind außerdem nicht auf den einseitigen Beschuss der Ukraine zurückzuführen. Kampfhandlungen gibt es erst seitdem Russland die Separatisten bewaffnet. Da ist ein bewaffneter Konflikt die logische Konsequenz, von Putin also bewusst herbeigeführt. Seit 2016 bis Februar 2022 nahm die Zahl der Toten zudem massiv ab. Während es 2015 noch 954 tote Zivilisten gab, waren es 2016 nur noch 112, 117 im Jahr 2017, 55 im Jahr 2018, 27 im Jahr 2019, 26 im Jahr 2020 und 18 im Jahr 2021. Eine friedliche Lösung des Konflikts zum gegebenen Zeitpunkt war also mehr als denkbar. Dass es sich nur um einen Vorwand handeln muss, eine russische Bevölkerung in der Ukraine beschützen zu wollen und es in Wirklichkeit um ganz andere Ziele geht, ist offensichtlich. Da die Ukraine seit Februar nun leider erfahren musste, dass die jahrelangen Verhandlungen mit Russland nichts wert waren, kann ich die Annahme, der Konflikt sei nur mit Gewalt zu lösen, nachvollziehen, auch wenn ich die Wortwahl »Russenfrage« ebenfalls nicht gutheiße.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Gottfried W. aus Berlin (22. September 2022 um 19:22 Uhr)
        Leider muss ich nun Ihnen widersprechen, die Ukraine und deren Regierungen seit 2014 handeln so faschistisch, wie sie reden. Meinem Eindruck nach sind alle NATO Länder in einer faschistischen Dynamik – Rassismus und übelste Demagogie, Verleumdung und Hetze sind seit dem Maidan stetig gesteigert – gegenwärtig, die Ukraine wird am Ende wohl sehr viel mehr verlieren als nur ein paar Territorien. Wir Deutschen vielleicht auch so einiges Liebgewonnene. Vielleicht erleben wir die Agonie des Kapitalismus im Beginn. Der Krieg könnte mehr ändern, als den Herrschenden lieb ist.
      • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (22. September 2022 um 13:36 Uhr)
        Nein, nicht Hälfte, sondern alle Toten in den Jahren 2014 bis 2021 waren Ukrainer – oder zählen Sie die russischsprachigen Ukrainer, die im Auftrage ihrer eigenen Regierung ermordet wurden, nicht dazu? Die Ursachen für die Separation des Donbass sind bekannt. Sie wurden von den ultranationalistischen Kräfte in Kiew durch die Unterdrückungsmaßnahmen gegen die russischsprachige Bevölkerung ausgelöst. Eine friedliche Lösung hätte es in der Tat geben können, wenn die Ukronationalisten die völkerrechtsverbindlichen Abkommen Minsk 1 und 2 umgesetzt hätten. Ihre Behauptung, dass die Verhandlungen mit Russland (und den Garantiemächten) nichts wert waren, ist eine Lüge. Deshalb muss ich Ihren Vorwurf, meine Äußerungen seien irreführend, nicht nur zurückweisen, sondern sie gelten viel eher für Ihren Kommentar.
        • Leserbrief von Devrim Celik aus Hamburg (22. September 2022 um 14:38 Uhr)
          Tun Sie nicht so als wüssten Sie nicht, was gemeint war. Es gibt in der Ukraine Menschen, die muttersprachlich entweder russisch oder ukrainisch sind und sich häufig der jeweiligen Ethnie zugehörig fühlen. Darüber hinaus sind etwa die Hälfte der nicht-zivilen Toten zu den Streitkräften der sogenannten Volksrepubliken zu zählen – ihrer eigenen Angaben nach sind sie deren Bürger. Nennen Sie doch bitte einmal »Unterdrückungsmaßnahmen« gegen die russischsprachige Bevölkerung und vor allem welche, die 2014 die Separation ausgelöst haben sollen. Minsk 1 und 2 wurden jeweils schon einige Tage nach deren Unterzeichnung gebrochen. Es ist eindeutig, dass die Abkommen von den Separatisten gebrochen wurden – aber das ist nicht der Punkt. Egal von wem sie gebrochen wurden, vom 12. Feb. 2015 bis zum 24. Feb. 2022 sind etwas mehr als sieben Jahre vergangen, in denen die Gewalt stetig abgenommen hatte. Die Schuld für das Aufflammen der Gewalt ist nur Russland zuzuschreiben und keinem sonst.
          • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (23. September 2022 um 11:08 Uhr)
            Ich muss Ihnen zustimmen, dass von den 14.000 Toten des Donbass-Krieges seit 2014 nur ein kleinerer Teil Zivilisten betroffen hatte. Von den getöteten Zivilisten waren allerdings nach UN-Angaben über 80 Prozent östlich der Demarkationslinie gestorben, was tendentiell dafür spricht, dass die Kiewer Seite die aggressivere ist. Dass der Donbasskrieg erst mit vorgeblichen russischen Waffenlieferungen an die Separatisten begonnen hätte, wäre mir neu. Tatsächlich hatten die Autonomieverfechter des Donbass ihre ersten Waffen durch Plünderung örtlicher Polizei- und Armeekasernen gewonnen und im Sezessionskrieg 2014 eine ungeheure Menge westukrainischer Waffen in diversen Kesselschlachten erbeutet. Der Befehle zum Kiewer Angriff auf die östlichen Autonomisten kam damals von Jazenjuk und Poroschenko. Dass einzig die sog. Separatisten die Minsker Verträge gebrochen haben sollen, wäre mir ebenfalls neu. Interessant wäre eine Untersuchung, wer denn nun die dem russischen Eingreifen vorangegangene Eskalation des Donbass-Krieges im Februar dieses Jahres vornehmlich angeschoben hatte. In den täglichen Berichten der OSZE finden wir nur die Anzahl der täglichen Waffenstillstandsverletzungen, aber keine umfassende Zuordnung der Verantwortlichkeiten. Ich kenne nicht einmal eine Aufstellung, wieviel Prozent der Grenzzone von Kiewer Seite für die OSZE-Beobachter gesperrt war und wieviel ihrer Grenzzone die Autonomisten für die Beobachter gesperrt hatten. Ebenfalls ist mir unbekannt, wieviel Prozent der OSZE-Kontrollen jeweils auf welcher Seite der Demarkationslinie durchgeführt wurden. Im Westen gibt man vor, stets ohne Beweise zu wissen, wer denn nun schuldig ist; und man vollstreckt sofort ohne Beweise die Todesstrafe, sei es wegen faktisch nicht existenter serbischer KZs, wegen faktisch nicht existenter irakischer Massenvernichtungswaffen, wegen faktisch nicht gegebener Planung des WTC-Anschlags durch Osama bin Laden, oder was auch immer. Etwas mehr Vorsicht ist da anzuraten.
          • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (22. September 2022 um 18:47 Uhr)
            Ich empfehle Ihnen, die Rede des russischen Präsidenten, die heute veröffentlicht wurde (siehe Abdruck in jW) zu lesen. Sie finden dort alles, was Sie zur Beantwortung Ihrer Fragen benötigen. Übrigens, das Minsk-Abkommen hat die sich gebildeten Volksrepubliken zu Partner in den Verhandlungen mit der Ukraine erhoben und räumte ihnen Mitspracherecht z. B. bei Verfassungsänderungen ein. Warum also, sollten die Republiken dieses Abkommen, dass für sie nützlich war, brechen? Andersherum wird ein Schuh daraus. Dem Kiewer-Regime und seinen transatlantischen Auftraggebern waren das Minsk-Abkommen ein Dorn im Auge und deshalb wurde denen die Nichtumsetzung durch den Westen, insbesondere durch das reaktionäre US-Regime, gestattet. Sie treffen hier nicht nur irreführende Aussagen, sie glänzen auch nicht gerade durch Sachkenntnis. Die Zuspitzung des Konfliktes und die steigende Gefahr eines Weltkrieges sind einzig und allein der Hegemonie der USA geschuldet, die Russland aus dem Weg räumen wollen. Als nützliche Idioten dient die Marionette Selenskij und sein Regime, sowie Deutschland, das sich zur Stärkung des US-Imperiums gerade selbst wirtschaftlich massakriert.
          • Leserbrief von Onlineabonnent/in Franz S. (22. September 2022 um 15:28 Uhr)
            Sie bestätigen also, dass es vom 12. Feb. 2015 bis zum 24. Feb. 2022 »Gewalt« gegeben hat. Welchen Grund sollten die Volksrepubliken haben, Gewalt auszuüben, außer sich zu verteidigen? Die Aggression kann also nur von Kiew ausgegangen sein.
            • Leserbrief von Devrim Celik aus Hamburg (22. September 2022 um 19:57 Uhr)
              Natürlich gab es Gewalt, wer behauptet anderes? Welchen Grund die Separatisten gehabt haben? Die Separatisten beanspruchen für sich mehr Gebiet als das, was sie bis zum Minsker Abkommen II (12. Februar 2015) besetzt hielten. Dass die Gewalt nur von Kiew ausgegangen sei, glauben Sie doch nicht einmal selbst. Aber selbstverständlich auch von Kiew. Welcher Staat verzichtet denn gerne auf sein Territorium. PS: Ich warte immer noch auf die Antwort des Vorredners Erich Rainer K. zum Thema »Unterdrückungsmaßnahmen gegen die russischsprachige Bevölkerung«, die die Separation ausgelöst hätten.
              • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (25. September 2022 um 15:38 Uhr)
                Wenn Ihnen die Aufzählungen Putins zu der Unterdrückung, Diskriminierung und Tötung von Russen in der Ukraine nicht ausreichen sollte, dann empfehle ich Ihnen die Rede des russischen Außenministers Lawrow am 22.9.22 vor der UNO. Dass sich die deutschen »Qualitäts«-Medien vor der Veröffentlichung dieser Rede drücken, zeigt, welcher Geist mittlerweile in diesem Land vorherrscht. Glücklicherweise gibt es noch Medien, die sich von dem Mainstream abheben. Anbei ein Link, über den Sie die Rede in deutscher Übersetzung lesen können. Lawrow wird sehr deutlich und zählt akribisch alle Untaten der ukrainischen Faschisten auf (https://www.anti-spiegel.ru/2022/was-westliche-medien-ueber-lawrows-rede-im-uno-sicherheitsrat-verschweigen/).
              • Leserbrief von Onlineabonnent/in Ulf G. aus Hannover (24. September 2022 um 17:33 Uhr)
                Hier eine russische Dokumentation: https://web.archive.org/web/20140630014801/http://www.mid.ru/bdomp/ns-dgpch.nsf/03c344d01162d351442579510044415b/38fa8597760acc2144257ccf002beeb8/$FILE/White%20Book.pdf – Coverbild: ein brennender Polizist, von sogenannten »friedlichen« (westliche Terminologie) Demonstranten in Brand gesetzt. Auslöser der Aufstände im Osten der Ukraine war die Abschaffung des Sprachenprivilegs, Russisch durfte nicht mehr zweite Amtssprache sein. Da das Kiewer Putschregime sich unter Bruch der ukrainischen Verfassung an die Macht gebracht hatte, wird man dem Osten des Landes dasselbe »Recht« auf Verfassungsbruch zugestehen müssen, der Donbass hat die Verfassung eben in der Weise gebrochen, dass er sich von Kiew losgesagt hatte. Russophobe Massaker gab es im Übrigen nicht nur auf dem Maidan, sondern auch in Mariupol oder Odessa. Die Verantwortlichen sind bekannt und dürfen frei herumlaufen. Letzteres spielte übrigens auch bei der Begründung des jüngsten russischen Eingreifens in den Donbass-Krieg eine Rolle. Das ist natürlich kein wirklich hinreichender Grund, andere Gründe spielten eine bedeutendere Rolle für Russland. Gleichwohl sei an Bushs fragwürdige Begründung für sein Afghanistanbombardement erinnert, sinngemäß: Wer Verbrecher (gemeint war Osama bin Laden) beherberge, der sei selbst ein Verbrecher und werde so behandelt. Wörtlich: »A war against all those who seek to export terror and a war against those governments that support or shelter them«. Das stellt die westliche Kritik an der russischen Verteidigung des Donbass einmal öfter in ein pikantes Licht. Muss man da noch erwähnen, dass die von afghanischer Seite geforderten Beweise für die Schuld Osama bin Ladens nie von den USA übermittelt worden sind? Propaganda ist dem Westen leider wichtiger als die Faktenlage. Die reine Verteidigung der Donbass-Republiken gegen Kiew halte ich für gerechtfertigt. Ob diese Dienstleistung von Kiew mit Gebietsabtretungen zu bezahlen ist, darf man natürlich bezweifeln.
              • Leserbrief von Onlineabonnent/in Erich Rainer K. aus Potsdam (23. September 2022 um 21:02 Uhr)
                Jeder, der die Ereignisse verfolgt und objektiv bewertet, kennt die Gründe für die Separation. Sie gehören offenbar nicht zu dieser Gruppe. Sie werden diese Gründe auch nicht in den von Ihnen offensichtlich bevorzugten Mainstreammedien finden. Deswegen empfahl ich Ihnen, die Rede des russischen Präsidenten aufmerksam zu lesen. Dort finden Sie einige Gründe. Und um das abzurunden und einen unabhängigen Zeugen zu befragen, empfehle ich Ihnen den Journalisten Ulrich Heyden, der regelmäßig den Donbass bereist und darüber veröffentlicht hat. Hier der Link: https://www.heise.de/tp/features/Protokoll-des-ukrainischen-Buergerkriegs-7145259.html?seite=all

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