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Aus: Ausgabe vom 21.09.2022, Seite 6 / Ausland
Sturmsaison in der Karibik

Notstand im Außengebiet

Tote, Stromausfälle und Sachschaden: Puerto Rico von Hurrikan getroffen. Schwierige Lage mit Privatisierung und Status als US-Kolonie verbunden
Von Jürgen Heiser
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Schwere Überschwemmungen in Salinas, Puerto Rico, am Montag

Während in New York die »Klimawoche« beginnt und mehr als 150 Staats- und Regierungschefs zur UN-Generalversammlung zusammenkommen, hat Hurrikan »Fiona« auf der Karibikinsel Puerto Rico am Wochenende große Zerstörungen angerichtet. Die Mehrheit der 3,2 Millionen Einwohner blieb ohne Strom, nachdem der Sturm auf Land getroffen war. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 140 Stundenkilometern und Niederschlägen von bis zu 80 Zentimetern pro Quadratmeter war »Fiona« am Sonntag über die Insel gefegt, bevor er sich westwärts der Dominikanischen Republik zuwandte. Nach ersten Meldungen der BBC sind auf Puerto Rico zwei Todesopfer zu beklagen. Der Flugbetrieb wurde eingestellt. Krankenhäuser schalteten ihre Notgeneratoren ein.

An der Südwestküste löste der Hurrikan Sturzfluten und Erdrutsche aus. Im Ort Utuado wurde eine ganze Brücke wegspült, die nach dem Hurrikan »Maria« des Jahres 2017 neu über den Fluss Guaonica erbaut worden war. In einer ersten Stellungnahme bezeichnete Gouverneur Pedro Pierluisi von der Neuen Progressiven Partei die Schäden als »katastrophal«. Er ordnete an, Schulen und Behörden mindestens am Montag geschlossen zu halten, und forderte obdachlos gewordene Einwohner auf, die eingerichteten Notquartiere aufzusuchen.

US-Präsident Joseph Biden hatte schon am Sonntag den Notstand über das sogenannte Außengebiet der USA ausrufen lassen. Die Anordnung erlaubt es den Behörden, Katastrophenhilfe zu leisten. Etwa 600 Soldaten der den USA unterstehenden puertoricanischen Nationalgarde sind derzeit im Einsatz, dabei wurden nach Angaben der BBC mehr als 1.000 Menschen gerettet. Ersthelfer aus drei US-Bundesstaaten leisten Unterstützung bei den Maßnahmen.

»Fiona« traf die Insel nur zwei Tage vor dem fünften Jahrestag des Hurrikans »Maria«, der Tausende Menschen getötet und die gesamte Infrastruktur Puerto Ricos einschließlich des labilen Stromnetzes zerstört und auf Monate lahmgelegt hatte. Diesmal fiel der Strom auf der ganzen Insel schon aus, bevor der Hurrikan das Land erreichte. Der Stromversorger Luma Energy versprach angesichts des Blackouts, die Versorgung schneller wiederherzustellen als nach dem Hurrikan »Maria«. Gelungen ist das bislang nur für etwa 100.000 Einwohner in wohlhabenderen Gegenden. Im Jahr 2019 lebten laut BBC mehr als 43 Prozent der Einwohner Puerto Ricos und 57 Prozent aller Kinder in Armut. So haben nur wenige Haushalte und Unternehmen ihre Häuser mit Solaranlagen oder Dieselgeneratoren ausgestattet.

Die Bevölkerung Puerto Ricos protestiert seit Monaten dagegen, dass der von Washington eingesetzte Finanzkontrollrat das Stromnetz privatisiert und 2021 an das kanadische Energieunternehmen Luma Energy verkauft hatte. Am 1. September erklärte die von Frauen aufgebaute Bewegung »Mujeres contra Luma«, Luma Energy habe »der Bevölkerung Mittel entzogen, die für eine echte Sanierung des Stromnetzes und den Übergang zu erneuerbaren Energien« hätten verwendet werden können. Mehrtägige Demonstrationen in der Hauptstadt San Juan wurden brutal von der Polizei niedergeschlagen und Aktivistinnen verhaftet. Für die »Mujeres Contra Luma« Zeichen dafür, »dass Agenten des Staates mittels Gewalt versuchen, die wachsende Frustration und Wut der Bevölkerung, die in diesen Demonstrationen zum Ausdruck kommt, zum Schweigen zu bringen«. Ziel der Volksbewegung sei es, das Stromnetz des Landes wieder in Gemeineigentum zu überführen.

Juan Carlos Dávila, Korrespondent des US-Nachrichtenprogramms »Democracy Now«, erklärte zur aktuellen Notlage in Puerto Rico, die Folgen der Klimakatastrophe und die Privatisierung des Stromnetzes hätten »in Verbindung mit dem Erbe des US-Kolonialismus die Krise verursacht«. Washington habe »die armen Menschen und die Arbeiterklasse mit diesem elektrischen System, das im Grunde nie funktioniert, im Stich gelassen«. Carmen Yulín Cruz, San Juans frühere progressive Bürgermeisterin, sagte dem Programm am Montag (Ortszeit), der Kolonialismus in Puerto Rico werde derzeit durch den US-Finanzkontrollrat verkörpert, der der Insel harte Sparmaßnahmen auferlegt habe. Die Not, in der sich ihr Land permanent befinde, sei deshalb »eng mit dem Kolonialismus verbunden«.

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