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Aus: Ausgabe vom 20.09.2022, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf

Kein Klassenfrieden

Trotz Staatsbegräbnis in Großbritannien: Liverpooler Hafenarbeiter im Ausstand
Von Dieter Reinisch, Galway
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Der »heiße Herbst« kann kommen: Der Streik der Hafenarbeiter soll mehr als zwei Wochen bis Anfang Oktober dauern

Fast im ganzen Vereinigten Königreich haben Gewerkschaften ihre Arbeitskämpfe pausiert. Der Gewerkschaftsdachverband TUC verschob seinen für vergangene Woche geplanten Kongress um einen Monat. Eisenbahner, Postangestellte, Journalisten und die Interessenvertreter aus weiteren Branchen wollten die Staatstrauer nicht stören und riefen nach dem Tod der englischen Königin den Klassenfrieden aus.

Davon unbeeindruckt blieben die Hafenarbeiter in Liverpool. Montag abend, wenige Stunden nach dem Begräbnis in London, wollten sie um 18 Uhr ihre Arbeit niederlegen – nicht aus Anteilnahme mit der Monarchin, sondern für den Kampf für höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Der Streik soll mehr als zwei Wochen bis zum Tories-Parteitag Anfang Oktober dauern.

Neben den mehr als 560 Hafenarbeitern in Liverpool werden ab dem 27. September auch 1.900 Arbeiter im Hafen von Felixstowe bis zum 5. Oktober streiken. Zusammen werden an beiden Häfen 60 Prozent des britischen Containerverkehrs abgefertigt. Es werden daher enorme Verzögerungen in den Lieferketten erwartet. Manche Beobachter gehen davon aus, dass die Verzögerungen bis zum Beginn des Weihnachtsgeschäfts spürbar sein werden. Felixstowe liegt an der Küste nordöstlich von London nahe Ipswich. Es ist der größte Containerhafen des Vereinigten Königreichs.

Die Gewerkschaftsdelegation stimmte einstimmig für einen Streik im Liverpooler Hafen. Zuvor hatten die Hafenarbeiter und das technische Personal das Angebot des Hafenbetreibers MDHC und Peel Ports Ltd. von einer siebenprozentigen Lohnerhöhung und einer Einmalzahlung von 750 Britischen Pfund abgelehnt. Die Inflation liegt im Vereinigten Königreich derzeit bei 12,3 Prozent.

Die Arbeiter der MDHC-Containerdienste stimmten im August bei einer Beteiligung von 88 Prozent mit 99 Prozent für die Aufnahme von Kampfmaßnahmen. Über 1.900 Mitglieder der Gewerkschaft Unite haben bereits zwischen dem 21. und dem 29. August im Hafen von Felixstowe für Reallohnerhöhung gestreikt. Für den neuen Streik in Felixstowe hatten 82 Prozent der Belegschaft gestimmt.

»Weitere Streiks werden unweigerlich zu Verzögerungen und Unterbrechungen der britischen Lieferkette führen, aber dies ist ausschließlich das Eigenverschulden des Unternehmens«, sagte Bobby Morton, nationaler Sprecher der Unite-Hafenarbeiter. In einer Stellungnahme zum Arbeitskampf in Felix­stowe erklärte Unite: »Das Unternehmen, das auf den Cayman-Inseln registriert ist, ist vollkommen in der Lage, seinen Arbeitern eine faire Lohnerhöhung zu bieten.« Die Jahresabschlüsse für 2021 zeigten, dass es Rekordgewinne von 79 Millionen Pfund erzielt hat. Die Eigentümer des Liverpooler Hafens erzielten 2021 einen Gewinn von 30 Millionen Pfund.

Währenddessen hat auch die Postgewerkschaft angekündigt, ihren Arbeitskampf wieder aufzunehmen. Der seit dem Tod der Königin verschobene Streikbeginn wurde nun auf den 1. Oktober gelegt. Zusätzlich zu den 115.000 Postangestellten werden laut Berichten aus Gewerkschaftskreisen an diesem Tag auch die Eisenbahner ihren vergangene Woche abgesagten Streik wieder aufnehmen. Derzeit haben Gewerkschaften, die 170.000 Mitglieder repräsentieren, für den 1. Oktober Streiks angekündigt.

Neben dem 1. Oktober werden die Eisenbahner auch am 5. Oktober streiken. An diesen Tagen findet in Birmingham der Parteitag der Tories statt. Die Streiks sollen Druck auf die neue Regierungschefin Elizabeth Truss ausüben. Besonders die Eisenbahner erhoffen sich mit ihren Aktionen, dass den Delegierten die An- und Abreise erschwert wird.

Zusätzlich ruft die Gewerkschaftsplattform »Enough is Enough« (Genug ist genug) für den 1. Oktober in 13 Städten zu Demonstrationen auf. Die Forderungen der Plattform werden von 600.000 Menschen unterstützt. Sie fordern reale Lohnerhöhungen, die Besteuerung der Reichen, Maßnahmen gegen steigende Lebensmittelpreise, menschenwürdige Wohnungen für alle und eine Senkung der Energiekosten. Proteste sind an diesem Tag in London, Birmingham, Manchester, Glasgow, Cardiff, Leeds, Liverpool, Nottingham, Hull, Portsmouth, Plymouth, Norwich und Bristol angekündigt.

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