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Aus: Ausgabe vom 19.09.2022, Seite 16 / Sport
Rudern

Kleine Brötchen backen

Diesen Sonntag hat die Ruder-WM im tschechischen Račice begonnen
Von Gabriel Kuhn
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»Ich möchte so gut wie möglich abschneiden, aber keine Prognose wagen« – Medaillenhoffnung Oliver Zeidler

Rudern ist quasi das Bobfahren des Sommersports. Die Tradition wird gerne beschworen, doch kaum jemand interessiert sich dafür, außer es geht um olympische Medaillen für die Nation. Nicht einmal die seit 1974 jährlich stattfindenden Weltmeisterschaften ernten viel öffentliche Aufmerksamkeit. Noch dazu fielen sie nun gleich zweimal wegen Corona aus. Weder 2020 in Bled noch 2021 in Shanghai kam es zu den geplanten Rennen. Die Weltmeisterschaften im tschechischen Račice (18. bis 25. September) sind damit die ersten seit drei Jahren.

Račice gibt nach 1993 zum zweiten Mal den Veranstalter. Eine Woche lang werden sich die besten Ruderer der Welt auf dem 1986 künstlich angelegten Ruderkanal der 400-Seelen-Gemeinde im Elbtal messen. Seit 2018 herrscht bei der WM Geschlechterparität: je zehn Klassen bei Männern und Frauen, sieben davon olympisch. Im olympischen Programm steht das Rudern seit den ersten Spielen der Neuzeit 1896. Damals konnten die Rennen wegen böigen Windes allerdings nicht stattfinden. Ein einmaliger Betriebsunfall. Frauen dürfen seit 1976 bei Olympia mitrudern.

In Deutschland gab es insgesamt vier Weltmeisterschaften: 1981 und 2007 in München, 1983 in Duisburg, 1998 in Köln. Deutschland gilt im Rudern als Großmacht, nicht zuletzt in den Klassen, die relatives Interesse wecken, wie der Herren-Einer und der Herren-Achter. Um den »Mythos« des deutschen Herren-Achters zu feiern, gibt es sogar eine eigene Website: deutschlandachter.de – »#diemannschaft« lässt grüßen.

Richtig erfolgreich war freilich das andere Deutschland: Obwohl die DDR an weniger als der Hälfte aller bisherigen Weltmeisterschaften teilnahm, führt sie mit 94 gewonnenen Goldmedaillen immer noch den ewigen Medaillenspiegel an. Gerne wird das auf das ostdeutsche »Staatsdoping« zurückgeführt; die gezielte Jugendförderung des Sports und bahnbrechende Trainingsmethoden werden dabei unterschlagen.

Die Erfolge der DDR lassen auch am Bild des Ruderns als bürgerlichem Sport zweifeln. Befeuert wird diese Vorstellung nicht zuletzt durch Rennen wie dem erstmals 1829 durchgeführten »Boat Race« zwischen den Herren-Achtern der Universitäten von Cambridge und Oxford auf der Themse in London. (Derzeitiger Stand: 85:81 für Cambridge.) Der Aktivist Trenton Oldfield betrachtete das Rennen als so symbolträchtig für die britische Klassengesellschaft, dass er 2012 in den Fluss sprang, um es aus Protest gegen die »Kultur des Elitismus« zu unterbrechen. Dafür wurde er zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt.

Die historischen Wurzeln des Rudersports sind keineswegs bürgerlich. In Teilen Englands waren Ruderrennen im 19. Jahrhundert bei der Arbeiterklasse so beliebt wie Fußballspiele. Wie beim Fußball war es genau diese Popularität, die das Interesse der herrschenden Klassen an der Kontrolle des Sports weckte. Verschwunden ist die Arbeiterklasse aus dem Rudersport trotzdem nicht. Der Skibbereen Rowing Club im irländischen Cork wurde 1970 von einem Fischer, einem Zimmermann und einem Metzger gegründet. Seither hat der Verein Weltklasseathleten geformt. Darunter die Brüder Gary und Paul O’Donovan, die 2016 in Rio erstmals eine olympische Medaille im Rudern für Irland gewannen. Ihre unbekümmerten Interviews gingen um die Welt, und in ihrer Heimat wurden die »Ruderprolls« zu Volkshelden.

Auch die Ruderer von Eliteuniversitäten lassen sich politisch nicht zwangsläufig abschreiben. Als bei den Olympischen Spielen in Mexiko-Stadt 1968 die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos aufgrund ihres Black-Power-Grußes bei der Siegerehrung für das 200-Meter-Rennen aus dem Olympischen Dorf verbannt wurden, erklärte sich bei den weißen US-Athleten ausgerechnet der Ruder-Achter der Harvard-Universität mit ihnen solidarisch.

Im Deutschen Ruderverband hat man vor der WM in Račice andere Sorgen. Die vor einem Monat im Rahmen der »European Championships« abgehaltene Heim-EM in München wurde zum Desaster. Mit Bronze für Alexandra Föster vom Ruderclub Meschede im Frauen-Einer schaute eine einzige Medaille für das deutsche Team heraus. Ein historisch schlechtes Abschneiden. Wie die Ausbeute bei der WM besser werden soll, wenn die starke Konkurrenz aus den USA, Australien und Neuseeland hinzukommt, weiß niemand so recht. »Wir müssen kleine Brötchen backen. Wir sind international noch nicht so konkurrenzfähig, wie wir das gern hätten«, meinte Bundestrainerin Brigitte Bielig kleinlaut gegenüber der Deutschen Presseagentur. Mit dem Männer-Doppelvierer, dem Frauen-Zweier ohne Steuerfrau und dem Frauen-Achter fallen auch noch drei Boote wegen Coronainfektionen aus.

Eine Scharte auszuwetzen hat Oliver Zeidler. Der deutsche Top-Mann im Herren-Einer hat eine interessante Karriere hinter sich. Ursprünglich Schwimmer, entdeckte Zeidler irgendwann, dass er bei Rennen auf digital miteinander verbundenen Rudermaschinen mit der deutschen Ruder-Elite mithalten konnte. Trotzdem wurde er belächelt, als er im Alter von 20 Jahren erstmals bei Ruderregatten auftauchte. Doch innerhalb von drei Jahren wurde er zum deutschen Meister, Europameister und Weltmeister. Es folgte die große Enttäuschung. Bei den Olympischen Spielen in Tokio 2021 als einer der sichersten deutschen Goldtipps gehandelt, schaffte es Zeidler nicht einmal ins Finale. Auch bei der Heim-EM in München reichte es nur zu Platz vier. Am Vorabend der WM gab sich Zeidler gegenüber dem Sportinformationsdienst entsprechend zurückhaltend: »Ich möchte so gut wie möglich abschneiden, aber keine Prognose wagen.« Immerhin ist er am Sonntag erfolgreich in den Wettberwerb gestartet – mit einem Sieg im Einer-Vorlauf auf der Regattastrecke. Zeidler steht jetzt im Viertelfinale.

Aber wo der Erfolg ausbleibt, ist Feuer am Dach. Das gilt auch für den Deutschen Ruderverband. Der Hamburger Torben Johannesen, mit dem mythologischen Herren-Achter dreimaliger Weltmeister, erklärte nach dem EM-Fiasko im Hamburger Abendblatt, es sei das Resultat mangelnder Kompetenz im Verband. Den vom Verband eingesetzten Expertenrat bezeichnet er als »Farce, weil dort Leute drinsitzen, die im Fokus der Kritik stehen. Die kontrollieren sich also quasi selbst.« Von der Sportpolitik werden letztlich alle eingeholt.

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