Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Gegründet 1947 Dienstag, 27. September 2022, Nr. 225
Die junge Welt wird von 2651 GenossInnen herausgegeben
Jetzt drei Wochen gratis lesen. Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Jetzt drei Wochen gratis lesen.
Aus: Ausgabe vom 17.09.2022, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Orwell grüßt

Von Reinhard Lauterbach
schwarzer kanal 1100 x 526.png

Generationen deutscher Schüler haben Bekanntschaft mit George Orwells Antiutopie »1984« gemacht. Sie gilt gemeinhin als Parabel des sogenannten Totalitarismus, der sogar die menschliche Sprache umkodiere ins »Neusprech«. Das hatte bei Orwell drei Prinzipien, und eines davon lautete »Krieg ist Frieden«.

Dieser Politgrusel lebte von der impliziten Gewissheit, dass so etwas in der entwickelten Demokratie nicht vorkommen könne. Doch, es kann. Annalena Baerbock gab in der FAZ vom Donnerstag ein Beispiel. Da forderte sie rasche Panzerlieferungen an die Ukraine, »um Menschenleben zu retten«. Denn Menschen in russischer Uniform sind für sie anscheinend keine, es muss vor ihnen gerettet werden. Das ist die Sprache des Faschismus: die Entmenschlichung des politischen Gegners. Dabei zeigt Baerbock durchaus Emotionen: Es habe ihr »das Herz geblutet«, gibt sie zu, als sie die BRD nicht schon im Frühjahr mit der Ausrufung einer sogenannten Flugverbotszone »zur Kriegspartei« habe machen können. Doch jetzt darf sie; die Lieferung deutscher Panzer dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein. Zumal die US-Botschafterin in Berlin schon grünes Licht gegeben hat. »Führung«, wie sie Baerbock für Berlin beansprucht, hat ihren Preis. Nicht sie bezahlt ihn, wie immer.

Ob Baerbock ihre eigenen Sprechblasen eigentlich glaubt? »Gerade von Menschen mit kleinen Einkommen, von Rentnerinnen und Rentnern, die den Krieg noch erlebt haben, höre ich immer wieder: Helft uns bei den Energiepreisen, aber lasst auf keinen Fall die Ukrainer im Stich!« Wie viele Arme und 90jährige trifft man denn so als Außenministerin pro Woche, Frau Baerbock? Lächerlich.

Am Mittwoch rühmte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen vor dem EU-Parlament die Ukrainer als eine »Nation von Helden« (SZ), und die FAZ zitiert sie mit einem Lob für zwei polnische Flüchtlingshelferinnen, die sie extra auf die Besuchertribüne eingeladen hat: »Die beiden haben vor Augen geführt, was Europäerinnen und Europäer erreichen können, wenn wir gemeinsam an einem Strang ziehen.« Die einen sorgen mit Waffenlieferungen dafür, dass die Flüchtlinge nicht ausgehen, die anderen dürfen sie dann versorgen – solange sie aus den richtigen Kriegen kommen.

Derweilen kündigen die USA eine Liste von Parteien und Institutionen an, die von Russland finanziert worden seien. 300 Millionen US-Dollar soll »Putin« seit 2014 für ausländische »Freunde« lockergemacht haben. 300, das sind 37,5 Millionen im Jahr. Im Vergleich zu den fünf Milliarden, die die USA nach Aussage von Victoria Nuland allein in der Ukraine und allein bis zum Maidan für »Demokratieförderung« investiert haben, ein Klacks. Aber was Jupiter darf … Glaubt auch der FAZ-Kommentator, der Washington am Donnerstag um sachdienliche Hinweise auf Personen und Einrichtungen in Deutschland bittet, die man mit dem argumentlosen Verdacht auf »Russen-Geld« mundtot machen kann. Senator McCarthy suchte einst nach »unamerikanischen Umtrieben«, die FAZ nach undeutschen.

Ausgerechnet ein Trauerfall verschafft uns zum Schluss auch noch etwas zu lachen. Jörg Schindler vom Spiegel schreibt in seinem Nachruf auf die britische Königin. Während das Reich auf »Normalmaß« (dessen Umfang bestimmt sich in Hamburg) geschrumpft sei, sei sie »immer größer geworden«. Kunststück, Kollege: wird das Haus kleiner, wird der Bewohner relativ dazu zwangsläufig größer. Und dann, eine Spalte weiter: »Es ist fraglich, ob Charles sich wie seine Mutter über sehr lange Zeit so weit zurücknehmen kann, bis er fast verschwindet.« Was war sie denn nun, die Queen: immer größer oder immer kleiner?

Annalena Baerbock forderte in der FAZ vom Donnerstag rasche Panzerlieferungen an die Ukraine, »um Menschenleben zu retten«. Denn Menschen in russischer Uniform sind für sie anscheinend keine, es muss vor ihnen gerettet werden.

Drei Wochen kostenlos lesen

Die Tageszeitung junge Welt stört die Herrschenden bei der Verbreitung ihrer Propaganda. Sie bezieht eine aufklärerische Position ohne Besserwisserei und wirkt durch Argumente, Qualität, Unterhaltsamkeit und Biss.

Überprüfen Sie es jetzt und testen die junge Welt drei Wochen lang (im europäischen Ausland zwei Wochen) kostenlos. Danach ist Schluss, das Probeabo endet automatisch.

Ähnliche:

  • Zerstörtes Büro des Generalstaatsanwaltes der »Volksrepublik« Lu...
    17.09.2022

    Schläge gegen Verwaltungen

    Kiew bombardiert Behörden in besetzten ukrainischen Gebieten
  • Wechselte das Lager und kämpfte ab 1707 im Nordischen Krieg (170...
    17.09.2022

    »Denk an Deine Brüder«

    Die Geschichte der Ukraine ist widersprüchlicher als ukrainische Nationalisten und deutsche »Experten« behaupten. Am Rande des Imperiums (Teil 1)

Mehr aus: Wochenendbeilage